Pussy Riot : Auf Teufel komm raus

Weil sie in einer Kirche Gott, den Präsidenten und den Patriarchen beschimpften, stehen in Moskau drei Musikerinnen vor Gericht. Schauprozess!, ist die Welt sich einig. Und tatsächlich kam die Aktion Wladimir Putin gerade recht. Dabei waren ihre Aktionen anfangs total egal – sogar dem Kreml.

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Maria Alekhina, Yekaterina, Samutsevich und Nadezhda Tolokonnikova: Sie sind Mitglieder der Band "Pussy Riot". Vor Gericht sitzen sie hinter einer dicken Glasscheibe.
Maria Alekhina, Yekaterina, Samutsevich und Nadezhda Tolokonnikova: Sie sind Mitglieder der Band "Pussy Riot". Vor Gericht sitzen...

Dieser große braun getäfelte Saal im Moskauer Bezirksgericht ist ein Ort mit Geschichte, und dass die sich darin gerade wiederhole, sagen nicht wenige. Sagt beispielsweise Stanislaw Samuzewitsch. Er ist der Vater von Jekaterina, 28, die Musikerin bei der Band Pussy Riot ist – und damit eine der drei Angeklagten in dem Prozess, der am Montag begonnen hat. Bevor es offiziell losgeht, erklärt der Vater den Medienvertretern, dass das Urteil ohnehin feststehe, weil das ganze Verfahren vom Kreml gesteuert sei. Ein Schauprozess sei das, ein Exempel werde statuiert.

Auch die Besucherbänke im Gerichtssaal füllen sich am ersten Prozesstag bis auf den letzten Platz. Dann setzt sich das ungewöhnliche Verfahren in Gang.

Bevor die Anklage verlesen wird, melden sich bereits die drei Anwälte der Band zu Wort. Sie wollen Stellungnahmen der Angeklagten verlesen. Sie dürfen. Sie verlesen nacheinander, dass die jungen Frauen ihre Schuld nicht anerkennen. Dass sie sich aber bei den Nebenklägern entschuldigen wollen, falls sie deren Gefühle verletzt hätten. Sie hätten lediglich anprangern wollen, dass der Patriarch vor der Präsidentschaftswahl in Russland Wahlwerbung für den Kandidaten Wladimir Putin gemacht habe. Die Anwälte verlesen auch, dass die Band ihren Auftritt möglicherweise für einen „ethischen Fehler“ halte.

Ihr Auftritt: Es war am 21. Februar 2012, keine zwei Wochen mehr bis zu den Wahlen, bei denen sich Wladimir Putin Protesten zum Trotz zum dritten Male zum Präsidenten wählen lassen wollte. Da tauchte im Internet das Video von einem „Punkgebet in der Christ-Erlöser-Kathedrale“ auf: Vier junge Frauen stehen mit Häkelmaske über dem Kopf und im bunten Kleid auf dem Altar. „Der Patriarch glaubt an Putin. Der Schweinehund sollte lieber an Gott glauben“, brüllen sie, und dann den Refrain: „Scheiße, Scheiße, Gottesscheiße.“ Aufgeregt rennen ältere Frauen in Kopftüchern und Kirchendiener um den Altar herum und versuchen, die jungen Frauen zu bremsen. Zwischendurch, ganz ohne Begleitung von E-Gitarren und Schlagzeug, imitieren die vier orthodoxe Gesänge: „Mutter Gottes, verjage Putin“, dazu fallen sie auf die Knie und bekreuzigen sich.

Video: Sieben Jahre Haft für Anti-Putin-Punk-Gebet?

Es folgten einige Tage der Ruhe, bis die Staatsanwaltschaft die insgesamt acht Mitglieder der Gruppe zur Fahndung ausschrieb. Fünf sind untergetaucht. Drei von ihnen wurden bis März in Untersuchungshaft genommen.

Jetzt sitzen sie im Gericht hinter den Glasscheiben des braunen Sicherheitskäfigs wie Schwerverbrecher: die 22-jährige Nadja Tolokonnikowa mit ihren melancholisch dreinblickenden braunen Augen, daneben die gut aufgelegte Jekaterina Samuzewitscha und die 23-jährige Maria Aljochina, die in ihrem lilafarbenen Rüschenkleidchen aussieht wie eine Unschuld vom Lande.

„Auf frevlerische Art“ sollen sie die jahrhundertealten Grundsätze der russisch-orthodoxen Kirche erniedrigt haben. Motiv: religiöser Hass.

Bildergalerie: Pussy Riot - Frauenaufstand gegen Putin

Pussy Riot - Frauenaufstand gegen Putin
Die Bandmitglieder der Punk-Gruppe "Pussy Riot" warten am 17. August 2012 auf ihr Urteil.Weitere Bilder anzeigen
1 von 18Foto: dapd
17.08.2012 12:21Die Bandmitglieder der Punk-Gruppe "Pussy Riot" warten am 17. August 2012 auf ihr Urteil.

Die Anwälte im Gerichtssaal verlesen, dass dies nicht das Motiv der Band war. Nur gegen Putin seien die jungen Frauen, gegen die männerdominierte Gesellschaft, gegen das System. Die Briefe, die die Anwälte verlesen, richten sich, das wird schnell klar, weniger an das Gericht als an die Öffentlichkeit. Wie auch die Verteidigungsstrategie, die als Zeugen den Präsidenten selbst vorladen will.

Die Nebenkläger, um deren verletzte Gefühle es geht, sitzen derweil mit regungslosen Mienen auf der Fensterseite des Raumes. Sie hätten „moralischen Schaden“ genommen, heißt es in der Anklage. Einfache Leute sind es, Wachmänner, eine Kerzenverkäuferin, eine Gläubige, die ständig in einer kleinen Bibel blättert. Wie Statisten wirken sie in diesem Prozess, der weltweit beachtet wird.

Amnesty International hat die Frauen zu politischen Gefangenen erklärt. In London fragt die „Times“ Regierungschef Dmitri Medwedew nach seiner Meinung zu Pussy Riot, auf dem Moskauer Konzert der Band Faith No More zünden vier nicht geschnappte Pussy-Riot-Mitglieder bengalische Feuer auf der Bühne, die Zugabe „We care a lot“ spielt Sänger Mike Patton mit einer gehäkelten Pussy-Riot-Maske über dem Kopf.

Dabei war die Band bis zum Februar dieses Jahres nur eine weitere von zahlreichen Erscheinungen der radikalen russischen Aktionskunst: Mit ihren Häkelmasken und Kleidern kletterten die jungen Feministinnen auf Trolleybusse, auf Gerüste, auf Podeste auf dem Roten Platz und schrien von dort ihre Unzufriedenheit in die Moskauer Luft.

Aber was will die Band eigentlich? Es ist nicht leicht, das herauszufinden. Nach den Verhaftungen ist die Gruppe ein Phantom, Kommunikation läuft, wenn überhaupt, nur noch über eine E-Mail-Adresse oder über Twitter. In ihrem Weltbild wimmelt es vor allem von Namen: Hier ein wenig Slavoj Zizek, dort ein bisschen Judith Butler, Vera Sassulitsch, die russische Revolutionärin aus dem 19. Jahrhundert, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin sind auch dabei. „Wenn du heute schweigst, dann heißt das, dass du einverstanden bist“, heißt es in einem Interview der Aktivistinnen. „Du bist kein Gegner, aber du schließt dich denen an, die nicht darüber sprechen, die etwas verschweigen.“

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