Quer durch Russland - 11 : Russlands grüner Exodus

Mitglieder der ökospirituellen Anastasia-Bewegung geben gut bezahlte Jobs auf und ziehen aufs Land. Sie suchen das wahre Russland – und pflanzen Zedern.

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Diese Eier sind ein Brief an Gott.
Diese Eier sind ein Brief an Gott.Foto: Nik Afanasjew

Unser Autor Nik Afanasjew reist zwei Monate lang quer durch Russland, um zwei schwere Fragen zu beantworten: "Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?"

Am westlichen Ufer des mächtigen sibirischen Flusses Ob – knapp  3000 Kilometer östlich von Moskau und 100 von der Millionenstadt Nowosibirsk – liegt ein auf den ersten Blick gewöhnliches Dorf. Doch bei längerer Betrachtung fallen besonders liebevoll gestaltete Holzhäuser auf. Sie stehen alle auf großzügigen Grundstücken von jeweils genau einem Hektar, sind nicht abgezäunt und um sie herum wachsen penibel ordentlich Nutzpflanzen, aber auch Kräuter, optisch hervorstechende Sonnenblumen und Zedern, immer wieder Zedern.

Die Siedlung Blagodatnoje, was sinngemäß übersetzt etwa „das Gnädige“ oder „das reichlich Gebende“ heißt, gehört zur ökospirituellen Bewegung Anastasia, die auf einer neunbändigen Buchreihe des Autors Wladimir Megre basiert. 1994 soll die blonde Schönheit Anastasia Megre an den Ufern des Ob begegnet sein. Die Bewegung wächst laut zahlreichen russischen Medienberichten konstant, 337 Siedlungen gibt es mittlerweile, die genaue Zahl der Anastasier ist aber unklar, da es keine zentrale Verwaltung gibt. Dafür existiert mittlerweile sogar eine aus der Bewegung hervorgegangene politische Partei, die eifrig für Stimmen für die im Parlamentswahl im September wirbt. Traditionelle slawische Familienwerte, ökologisches Bewusstsein und New-Age-Botschaften finden bei den Anastasiern zueinander.

Dabei sind es häufig gut gebildete Großverdiener, die ihr städtisches Leben aufgeben und aufs Land ziehen. So wie Anja, 33, die mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern seit vier Jahren dauerhaft in einem großen Holzhaus in Blagodatnoje wohnt. In ihrem früheren Leben in Nowosibirsk war sie Anwältin, ihr Mann Ökonom. „Manche meiner Freunde sind nach Moskau gegangen, andere nach Europa, aber wir haben andere Ziele“, sagt sie. Anja trägt an diesem warmen Sommertag Shorts und Bluse, ihre Kinder springen halbnackt auf einem Trampolin im Garten, der Rasen duftet frisch gemäht, Wind zieht über nahe Hügel; es ist still.

Das Veranstaltungshaus am Rand von Blagodatnoje.
Das Veranstaltungshaus am Rand von Blagodatnoje.Foto: Nik Afanasjew

„Meine Oma hat Megre gelesen“, erzählt Anja. „Diese Bücher waren der Ausgangspunkt.“ Anja spricht ruhig und überzeugt, es ist in dieser harmonischen Umgebung leicht zu verstehen, was sie mit „wir finden hier zu uns selbst zurück“ meint. Anjas Ehemann Denis leitet eine Autowerkstatt im nächsten größeren Ort, sie erzieht und unterrichtet die Kinder, die aber staatliche Schulprüfungen ablegen. An und wieder kommen sie angerannt, wollen etwas von Mama und erklären auf Nachfrage: „Am besten hier sind der Fußballplatz und der Fluss. Es ist alles besser als in der Stadt!“

Neben dem Hauseingang steht eine große Tüte Zucchini. Wie viele hier ist Anja Vegetarierin, fast alle Lebensmittel werden selbst angebaut, alle ökologisch. Die Zedern in Anjas Garten sind noch jung, haben keine Zapfen. Zedern werden bei Megre und den Anastasianern besonders verehrt, von ihnen geht „eine besondere Energie aus“, erklärt Anja. Plötzlich tauchen gleich vier Kinder vor dem Haus auf, als vermehren sie sich in Blagodatnoje ungesehen von selbst. Schließlich propagiert die Siedlung auf ihrer Homepage einen „Kult um die Natur und das Gebären“. Anja lacht und winkt ab. „Die beiden anderen Jungs sind von den Nachbarn.“

Keineswegs wolle sie komplett aus der Gesellschaft raus, erklärt Anja. „Wir sind Patrioten.“ Zuletzt hätten einige Siedler nach einer Wanderung durch das nahe Altaigebirge die russische Nationalhymne gesungen. „Am Ende sind wir alle nur Tropfen im Ozean“, sagt Anja.

„Ich existiere nur für die, für die ich existiere."

Etwa 40 Familien leben in Blagodatnoje und sie sind „Herrscher über das eigene Leben“, wie es Siedlerin Olga ausdrückt. Sie hat 15 Jahre in Deutschland gelebt, auch in Ökodörfern, „es hat mich aber nach Hause gezogen.“ Ihre Wurzeln betonen hier viele. Die Menschen suchen das ursprüngliche Russland. Was mit jenen passiert, die sich nicht an die Gepflogenheiten halten, ist nicht ganz klar, ohnehin pflegen einzelne Siedlungen eigene Bräuche. Megres Anastasia-Bücher scheinen mehr Material zu sein für ein loses Band denn für feste ideologische Ketten. Allerdings gab es vor allem in den Nuller Jahren auch immer wieder Konflikte, etwa wegen illegaler Landnahme, oder weil besonders radikale Siedler ihre Kinder nicht zu Schulprüfungen lassen  wollten. Heute gibt es in Russland Regionen, die den Anastasiern Land zur Verfügung stellen.

Megres blonde Schönheit Anastasia prangt auch von Wandkalendern bei Clavdija Iwanona, darunter der etwas tautologisch verklauselierte Satz: „Ich existiere nur für die, für die ich existiere."

Die 60-jährige Clavdija beschäftigt sich vor allem mit traditionellen slawischen Riten und Kleidern, gibt auch Kurse und näht mit symbolischen Stickereien verzierte Röcke und Hemden. „Sieben Hemden muss ein Mann haben!“, sagt sie gleich zur Begrüßung schwungvoll, „für die Arbeit, für nach der Banja, für den Krieg, die Heirat...“ Die Frau dagegen dürfe als Wesen, das von der Erde Energie empfange, nur Röcke tragen. Die Rollenverteilung zwischen Frau und Mann hat es Clavdija angetan, in der Abkehr von der natürlichen Ordnung sieht sie viele Probleme begründet. „Der Mann ist Jäger, Ernährer und Erschaffer, die Frau Hüterin des Heims, Mutter und Muse.“ So energiegeladen erzählt die Siedlerin im Rentenalter das alles, dass es den Eindruck macht, als sei zumindest sie mit nur drei Rollen nicht ausgelastet.

Clavdija zeigt dann einen Eierkasten mit bunt bemalten Eiern, der „ein Brief an Gott“ sei. Dann schwingt sie mit einer Hand eine Leine und fordert, ihr das Tuch in der anderen Hand zu entreißen, ohne die Leine zu berühren. „Das ist ein ursprüngliches Spiel!“ Es wirkt so manches seltsam auf der Städter, aber die Gastfreundlichkeit überwältigt. Das Tuch bleibt jedenfalls bei Clavdija.

Es ist kein Zufall, tagsüber vor allem Frauen in Blagodatnoje anzutreffen, denn viele Männer arbeiten im nächsten Ort. Clavdija geht dann rüber zu Anja, die gerade Besuch von ihrer Mutter Lida hat. Auch Lida hat einen Hektar Land in der Siedlung, schafft den Sprung auf Land aber noch nicht. „Da, die trägt Hosen!“, sagt Clavdija über Lida. „Das ist energetischer Unfug!“ Lida entgegnet: „Niemals werde ich deine Röcke tragen!“ Dann verabschiedet sich Clavdija. Lida schimpft dann barsch über ihre Landsleute, die sich nicht zu benehmen wüssten. Anja stoppt sie, legt eine Hand auf ihre Schulter, sagt halb so laut: „Ja, wie man merkt, wohnt unsere Mutter noch in der Stadt.“ Lida lächelt und hört auf. Punkt für ihre Tochter.

„Zu Beginn gab es recht viele Radikale, die ganz ohne Geld oder ohne Außenkontakt leben wollten."

„Ich will auch hierher, aber wer soll dann den Laden schmeißen?“, fragt Lida. In Nowosibirsk leitet sie einen Textilbetrieb mit 25 Mitarbeitern, selbst aufgebaut und deshalb nicht leicht aufzugeben. Gegenüber ihrer beseelt ruhigen Tochter Anja wirkt Mutter Lida hemdsärmelig und aufgekratzt. „Meine Tochter erzieht mich immer“, sagt sie. „Es ist, als ob ihr Geist von wo anders stammt. Den Körper habe ich geboren, aber...“

Wie schwer die Balance zwischen Anastasia-Siedlung und dem Stadtleben zu halten ist, wird an Lida gut sichtbar. Ein Mensch kann sich nun einmal nicht zweiteilen – ein in sowjetischer und chaotisch-russischer Realität sozialisierter Mensch schwer von der Stadt loslassen. Lida fährt dann noch bei Anjas Ehemann Denis vorbei, der im nächsten Ort in der Autowerkstatt noch zu später Stunde geschäftig Mitarbeiter dirigiert. „Wir sind eine vergleichsweise wenig strenge Siedlung, da gibt es auch andere Beispiele“, erklärt er. „Zu Beginn gab es recht viele Radikale, die ganz ohne Geld oder ohne Außenkontakt leben wollten. Einige haben aufgegeben.“

Denis und andere Siedler arbeiten daran, unweit ihrer Häuser ein Zentrum für Festivals, Kurse und Veranstaltungen aufzubauen, um autarker leben zu können. Bisweilen aber bleibt die Utopie an de Ufern des Ob noch wirtschaftlich integriert ins real existierende Russland.

Alle Artikel unserer Serie "Quer durch Russland" lesen Sie hier:

Teil 0 – vor der Abreise

Teil 1 – Die Krim, das neue Staatsgebiet

Teil 2 – Der melancholische Verteidigungsminister der Hooligans

Teil 3 – Alle Wege führen nach Moskau

Teil 4 – In Kasan ist es wie in der Schweiz

Teil 5 – Seit einig und streitet euch!

Teil 6 – Stalin ist wieder da

Teil 7 – Ein Zwischenfazit, verflucht nochmal

Teil 8 – Der lange Marsch zum russischen Stonehenge

Teil 9 – Treffen sich ein Panzer, ein Meteorit und Chuck Norris in Tscheljabinsk...

Teil 10 - An diesem Tag ist jedes Jahr WM-Sieg

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