Quer durch Russland -14 : Eine Bahnfahrt, die ist lustig

Was hilft, wenn der Zug tagelang ostwärts durch Russland rattert? Nichts hilft. Außer... schon klar, das eine. Ist allerdings verboten.

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Ein Blick aus dem Fenster der transsibirischen Eisenbahn.
Ein Blick aus dem Fenster der transsibirischen Eisenbahn.Foto: Nik Afanasjew

Unser Autor Nik Afanasjew reist zwei Monate lang quer durch Russland, um zwei schwere Fragen zu beantworten: "Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?"

Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, mich auf auf unendlich langer Zugfahrt durch Russland mit völlig Unbekannten durch Schnapsgläser zu unterhalten. Es gehört dazu, aber Traditionen sterben aus, überall. Ich weiß, ich weiß, was ihr jetzt denkt, die alte Leier vom besoffenen Russen. Es stimmt ja auch: Klischees sagen mehr über den aus, der an sie glaubt als über die Objekte seiner ethnologischen Projektionen. Ich weiß aber auch, dass es Tage für so klugscheißerische Sätze gibt wie den eben gerade – und es gibt die Tage für lustig.

Der Zug fuhr, nördlich der Mongolei, oder östlich von China, es spielte doch keine Rolle. Die Fernfahrt hatte alle gepackt, dieses aufgekratzte Nichtstun, das manche dauerschlafen lässt und andere nur aus dem Fenster in die Felder starren. Ich saß in einem Coupé mit drei anderen Menschen.

Fjodor, um die 50, der fünf Kinder von drei verschiedenen Frauen hat. Fjodor sieht aus wie Hermann Hesse, diese Intellektuellenbrille auf einer gebräunten, ausgemergelten Nase

Wasja, um die 40, der in den vergangenen zwei Wochen seine „Zweijahresration“ getrunken hat. Ich glaube, er wollte mit dieser Information untermalen, was für ein strebsamer Typ er ist. Er fuhr von seiner geliebten Geliebten im Altaigebirge zurück zu seiner ungeliebten Ehefrau.

Und die ebenfalls etwa 40-jährige Vera, die keine vergleichbaren Eskapaden zu vermelden hatte.

Die drei hießen eigentlich anders. Sie kannten sich auch alle erst seit gerade.

Verdächtig war, dass alle mit der russischen Eisenbahn zu tun hatten, der RZD. Fjodor und Wasja arbeiteten für die EeerZheeDeee, waren jetzt auf Freizeitfahrt, Vera nicht, aber ihr Ehemann. Daran ist eigentlich gar nichts verdächtig, ich verwende diesen Ausdruck nur extra, weil die drei mich die ganze Zeit als verdächtig einstuften. Oder als „Agent“. Großer Spaß.

Hallo Herr Agent. Deutscher Agent. Ausländischer Agent. Ich bin vor lauter Agent irgendwann eingeschlafen und als ich aufwachte, rief Fjodor: „Komm, Herr Agent, wir fragen dich aus.“ Wie zum allergrößten Spaß habe ich halb verschlafen gesagt: „So geht das nicht, Agenten werden erst abgefüllt, dann verraten sie alles.“

War natürlich kein Spaß. Wurde auch nicht so interpretiert.

Wasja holte an einem der langen Halte Bier, vier Zwei-Liter-Kanister. Keine Gefangenen in dieser Agentengeschichte. Wusste ich ja vorher nicht. Hätte aber nicht anders gehandelt wenn als ob.

Wir tranken das Bier, offensichtlich nur ein Vorspiel. Wasja hatte Zedernschapps dabei. Selbst gebrannt.

Ich war vor einer Woche in einer ur-russischen New-Age-Community, die total auf Zedern standen, das schien mir ein Zeichen, also: nicht zedern, sondern handeln.

Wir tranken also. Dazu gab es Wurst, übriggelassen von Veras Vorgängerin. Die Menschen steigen aus, aus Fernzügen, und von manchen bleibt nur Wurst.

Ich wollte gar nicht die Schlagkraft der US-Armee betonen

Wasjas Telefon machte immer einen Ton, wenn wir kurz Empfang hatten, er lief dann in den Gang, wo es in die Steckdose eingestöpselt war und versuchte der geliebten Geliebtem zu texten, kam dann fluchend wieder. Wieder kein Empfang. Funkstille.

„Jetzt verstehe ich dich überhaupt nicht mehr“, hörte ich Wasja irgendwann. „Du meinst, die Amerikaner könnten... Aber die sind doch alle verweichlicht! Wir russischen Männer, wir würden uns zerreißen für Russland und deshalb werden wir immer siegen! Ich verstehe dich überhaupt nicht mehr!“ Wasja war etwas erregt.

Ich wollte gar nicht die Schlagkraft der US-Armee betonen, das ist eigentlich das letzte was ich möchte: durch die Welt fahren und irgendeiner Armee huldigen. Ich hatte nur irgendwann widersprochen, als Fjodor und Wasja sich viel zu einig waren, dass die Russen die ganze Welt zusammen sowas von in den Arsch treten würden... aber sowas von... aber: wartet nur ab! Vera hatte nur still genickt, aber die trank ja auch nicht mit.

Draußen waren Birken. Wasja kippte Zedern nach. Da ging noch einer. Erst den Trunkspruch.  („Auf die EehrZheeDee!) Dann Ausatmen. Und...

„Die Leute sagen, ich bin verrückt, weil ich fünf Kinder habe und mit keiner der Frauen zusammen bin“, sagte Fjodor. Ich antwortete: „Ja, das würde ich auch sagen.“

„Jetzt verstehe ich dich wieder“, sagte Wasja. Der Klügere kippt ja bekanntlich nach. So tat Wasja. Es wurde dunkel.

„Ha, jetzt hört mal hin!“, rief Fjodor den beiden anderen später zu. Er hatte mich entlarvt! „Der Agent sagt, dass er es nicht schlimm fände, wenn seine Tochter Lesbe wird! Hört ihr das!“

„Ich verstehe dich einfach nicht“, sagt Wasja, diesmal eher traurig. Er kippte nach.

Fjodor schaute auf seine Uhr. „Eine Stunde Verspätung! Das gibt es nicht! In fünf Jahren gibt es das wirklich nicht mehr, die EehrZheeDee! Dieser Laden bricht zusammen!“ Wasja und Vera nickten.

Vera trank nicht mit, aber sie konnte mit den beiden reden wie auf Maloche. Sie wussten immer, welche Ampel was bedeutete, warum die Männer draußen an den Gleisen mit den Leibchen nie arbeiten, wenn der Zug vorbeifährt - „die dürfen dann nicht, Sicherheitsvorschriften!“ - die drei wussten sowieso zu viel – zumindest für die Schaffnerin. Die drei munterten sie immer auf, sie wand sich immer heraus. Sie arbeitete alleine, obwohl so lange Fahrten normalerweise zu zweit gemacht werden.

„Ein Skandal!“, sagte Fjodor.

„Die RZD ist schuld“, sagte Wasja und kippte nach.

„Jetzt haben wir die Flasche halt schon aufgemacht“, sagte ich. Wir tranken.

Ich hatte kürzlich „Die Reise nach Petschuki“ von Wenedikt Jerofejew gelesen. Großartigste Alki-Prosa, ein Klassiker, Alki-Pop aus Zeiten des Agitprop.

Hält ewig.

Frei übersetzt etwa so: „Es ist nötig, gerade aufgewacht, sofort irgendetwas zu trinken, aber nein, ich lüge, nicht „irgendwas“, sondern genau das, was du gestern getrunken hast, und zu trinken ist das mit Pausen so alle 40 bis 45 Minuten, damit du bis zum Abend 250 Gramm mehr getrunken hast, als am Vortag. Dann wird es keine Übelkeit geben, keine Scham, und du selbst wirst so entzückend aussehen, als ob dir schon seit einem halben Jahr niemand die Fresse poliert hätte.“

Wasja goss nach. „Ich ziehe zu ihr, in den Altai“, sagte er.

„Was ist so toll an ihr?“, fragte Vera.

„Schreib das alles auf, lieber Agent!“, hörte ich irgendwann

Wasja richtete sich auf. Strich sich über das stoppelige Haar. „Eine Stunde, höchstens, also nicht mehr als einer Stunde haben wir mit etwas anderem verbracht, als...“

Vera sagte: „Sex ist nicht alles.“

„Schreib das alles auf, lieber Agent!“, hörte ich irgendwann. Dann gingen Fjodor und Wasja wieder rauchen, im Verbindungsteil zweier Waggons, wo es am lautesten rattert. Das Zwischendeck eines Überlandzuges. Vera sagte: „Das wird stinken im Abteil hinterher. Ihr schlaft draußen!“

Jerofejew hat sein größtes Saufproblem so beschrieben, ich gebe wieder so in etwa wieder, wegen sonst zu anstrengend: Vom ersten bis zum fünften Glas wird Jerofejew immer kraftvoller, aber die Gläser fünf bis neun machen ihn fertig, schicken ihn zu Boden. Dabei ist es doch so leicht! Jahrelang hatte sich Saufpoet Jerofejew damit herumgequält, bis er die Lösung hatte: Die Gläser fünf bis neun sind alle auf einmal zu trinken. Aber nur in Gedanken. In Wahrheit gilt es sich darauf zu konzentrieren, dass nach dem fünften sofort das zehnte kommt, also die ganze Kunst des Saufens liegt am Ende darin, sich selbst davon zu überzeugen, dass das sechste das zehnte ist! Von da an gewinnt der Trinker nur an Kraft, von der sechsten (der zehnten) bis zur 28en (der 32en), das heißt, von da an kräftigt der Schnaps bis zu „dieser Grenze, hinter der nur der Wahnsinn und die Schweinerei folgen und sonst nichts mehr“.

Wir tranken dann noch einen.

Wasja und Fjodor gingen rauchen. Ich ging mit. Die Schaffnerin erwischte uns. Sie drohte uns rauszuschmeißen. So im Ernst. „Aber wir sind doch alle EeehrrZhheeDee!“, rief Wasja ergriffen. „Die können mich alle!“, sagte Fjodor. Die Schaffnerin konnte nicht mehr, trotzdem gingen die Lichter aus.

Später schlurfte ich durch den Zug und erwischte die Schaffnerin bei Rauchen. Auch noch mit einer anderen Schaffnerin, diese beiden, in ihren Schaffnerinenuniformen. Ich gab ihr sehr vieldeutige Blicke, so welche wie zwischen der sechsten und der neunten. Sie guckte nicht schuldig zurück.

Zurück im Abteil sah ich Wasja texten. „In was für einem Land leben wir nur?! Kein Empfang! Schon wieder!“

Draußen war nur die endlose Taiga, sonst nichts. Wir tranken dann noch einen, - „auf die Frauen!“ Dann sollte der nächste lange Halt kommen. Späti-Time!

„Nee, nee, nee, auf keine Fall!“, sagte Vera. „Das reicht jetzt mit dem Trinken. Hier ist jetzt schon keine Luft mehr. Ich melde euch der Schaffnerin!“ Auch sie: so ganz im Ernst.

Ich dachte nur: die kann uns doch nicht verpfeifen, nachdem wir stundenlang zusammen gesessen haben. Eine  Frau, zwei Eisenbahner und ein Spion! Ich holte meine Laptop heraus und tippte.

Fjodor legte sich dann hin. Ich weiß nicht, ob er nochmal zählte, wie viele Kinder er hat von wie vielen Frauen.

Wasja ging zu seinem Smartphone und fluchte. Ich hörte das gleichmäßige Rattern des Zuges und hoffte, diesen unseren Zug morgen auch wieder sehen zu können.

„In Petuschki“, schrieb Jerofeew, „verblüht nie der Jasmin und verstummt nie der Vogelgesang...“

Teil 0 – vor der Abreise

Teil 1 – Die Krim, das neue Staatsgebiet

Teil 2 – Der melancholische Verteidigungsminister der Hooligans

Teil 3 – Alle Wege führen nach Moskau

Teil 4 – In Kasan ist es wie in der Schweiz

Teil 5 – Seit einig und streitet euch!

Teil 6 – Stalin ist wieder da

Teil 7 – Ein Zwischenfazit, verflucht nochmal

Teil 8 – Der lange Marsch zum russischen Stonehenge

Teil 9 – Treffen sich ein Panzer, ein Meteorit und Chuck Norris in Tscheljabinsk...

Teil 10 - An diesem Tag ist jedes Jahr WM-Sieg

Teil 11 - Russlands grüner Exodus

Teil 12 - Im Angesicht des unendlichen Baikalsees

Teil 13 - Der Uhrenmacher von Uglitsch

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