Quer durch Russland - 6 : Stalin ist wieder da - in der Provinz

Comeback des Diktators: Jetzt wird der 1953 verstorbene Machthaber sogar mit einer neuen Statue geehrt – in der russischen Provinz.

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In Schelanger, etwa eine Tagesreise östlich von Moskau in der Provinz Mari El, steht die erste im modernen Russland errichtete Stalin-Statue.
In Schelanger, etwa eine Tagesreise östlich von Moskau in der Provinz Mari El, steht die erste im modernen Russland errichtete...Foto: Nik Afanasjew

Vom Bahnhof mit seinen verrosteten Zügen einmal durch den Ort. Vorbei an der schmucken Kirche und dem aufgeräumten Denkmal für die Helden des Zweiten Weltkriegs. Dann noch einigen Schlaglöchern ausgewichen und schon ist da – Stalin. Er ist lebensgroß und steht auf einem Sockel. Stalin lächelt sein hintergründiges Lächeln, milde und böse zugleich. Er hebt grüßend die Hand. Es ist ein Gruß aus der Vergangenheit. Hier, in Schelanger, etwa eine Tagesreise östlich von Moskau in der Provinz Mari El, steht die erste im modernen Russland errichtete Stalin-Statue.

Aufgestellt hat sie in Jahr 2015 Iwan Kazankow, Chef der örtlichen Sowchose „Zwenigovskij“ – also des landwirtschaftlichen Großbetriebs – sowie der Kommunistischen Partei in der Region. Kazankow ist 73, trägt die Haare sehr kurz und einen dunkelblauen Anzug. Etwas abgekämpft sieht er aus. „Wir haben Wahlkampf“, sagt er mit Bezug auf die nahen Parlamentswahlen im September. „Die Statue habe ich als Fingerzeig aufgestellt, für die heutigen Eliten, damit sie wissen, an wen sie sich in schweren Zeiten wenden müssen.“

Kazankow bittet dann ins Verwaltungsgebäude der Sowchose, auf dem in riesigen Lettern CCCP steht – UdSSR. Unter dem Schriftzug prangen Hammer und Sichel. Willkommen in der Sowjetunion. Die Sowchose ist eine eigene Welt, in der 3300 Mitarbeiter Schweinefleisch herstellen. Davon ist im Verwaltungsgebäude aber wenig zu sehen oder zu riechen. Es ist penibel aufgeräumt, an den Wänden hängen Stalin-Porträts. Neben einem steht: „Unsere Sache ist gerecht. Der Sieg wird unser sein!“ Kazankow bespricht auch gerne in einem Raum, der voller Porträts ist. Allerdings nicht von Stalin, sondern von Che Guevara. „Ach, meine Mitarbeiter, die haben ihre Vorlieben, Sie wissen schon ...“, sagt er etwas verlegen.

Mit Kazankow über die Stalin-Statue und den Sozialismus der Neuzeit zu reden ist nicht ganz leicht, er besteht auf einem Exkurs, in dem sowjetische Statistiken vorkommen – „unter Stalin alle sieben Stunden eine neue Fabrik im Land!“ – sowie militärische Heldentaten, Kursker Bogen, Stalingrad. „Wir brauchten einen Führer, und wir hatten ihn!“, sagt Kazankow und delegiert dann kurz einige Aufgaben an seine Assistentin. Ein guter Chef ist halt immer bei der Sache. Zum Stalinisten wurde Kazankow unter den Bedingungen der Marktwirtschaft. „Ich war elf, als Stalin starb. Wir hatten es sehr schwer. Damals habe ich nicht verstanden, warum alle weinen.“

Iwan Kazankow hat die Statue im Jahr 2015 aufstellen lassen.
Iwan Kazankow hat die Statue im Jahr 2015 aufstellen lassen.Foto: Nik Afanasjew

Kazankow und seine Familie berappelten sich, wie das ganze Land. Er stieg in der Sowchose zum Leiter auf. Nach 1990 brachen die Vertriebskanäle zusammen, Kazankow schickte seine Mitarbeiter raus, suchte neue Abnehmer. „Dieses Land wurde 25 Jahre lang zugrunde gerichtet“, sagt Kazankow in seinem einfachen Russisch. „Wer in dieser Gegend selbstständig Landwirtschaft betreibt, ist ein Sklave seiner selbst. Er ist nicht konkurrenzfähig, muss auch arbeiten, wenn er krank ist. Ich sorge für die Leute.“ Kazankow ist sich seiner Sache sicher, auch beim Thema stalinistische Repressionen. „Es gab sie. Aber insgesamt überwiegt doch das Positive. Stalin hat einen Acker genommen und daraus eine Atommacht gemacht! Diese Demokraten machen aus der Atommacht noch wieder einen Acker!“ Wenn schon ein Sowchose-Chef vor der Ackerisierung Russlands warnt, muss er wirklich sauer sein. Über die aktuelle Regierung will er dann aber lieber nicht reden. Viel hält er von ihr nicht, das wird klar. Widerstand von den lokalen Behörden gegen die Statue gab es nicht, erklärt Kazankow. Sie steht auf Land, das der Sowchose gehört.

Es ist allerdings nicht so, dass der frühere Diktator in der Gegend nur als Kultfigur reüssiert. Vor einigen Jahren gab es in der Provinzhauptstadt Joschkar-Ola eine Ausstellung zum stalinistischen Terror. Dort wurden von der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ auch Zahlen genannt. 40000 Menschen aus der Region waren von Stalins Repressionen getroffen – in der ganzen Sowjetunion waren es Millionen – mussten also etwa Zwangsarbeit leisten oder wurden inhaftiert. 7000 Menschen aus der Region wurden erschossen. Trotzdem wurden in ganz Russland in den vergangenen Jahren zahlreiche Büsten Stalins aufgestellt, Museen widmen sich seinem Wirken, zumeist in abgelegenen Gegenden. Nachdem in den 90er Jahren sogar die Kommunistische Partei Stalins Verbrechen verurteilte, findet gerade eine Neubewertung des Diktators statt.

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Die Bewohner von Schelanger interessiert Politik wenig. „Ja, ist doch schön!“, sagt ein Frau, auf die Statue angesprochen. Eine andere: „Das ist mir egal.“ Die Löhne in der Sowchose seien besser als woanders, der Zusammenhalt gut, der Chef fair, ist von allen zu hören, die am Verwaltungsgebäude vorbeigehen. Auf dem Parkplatz davor stehen viele neue Autos, Toyotas, auch deutsche Fabrikate. Einige Meter von der Statue entfernt ist auch Lenin als Büste zugegen, auf einer Wand werden die produktivsten Mitarbeiter mit gerahmten Porträts präsentiert. Banner verkünden sozialistische Weisheiten. Eine stammt von Kazankow selbst und trägt einen fast kapitalistischen Gedanken in sich: „Der Erfolg des Unternehmens hängt von jedem Einzelnen von uns ab!“

Kazankows Stimme wird etwas düster, wenn er über seinen schweren Autounfall im Jahr 2008 spricht. „Unfall, ha“, sagt er und nennt dann den Namen seines politischen Widersachers, der diesen Unfall „organisiert“ habe, weil er, Kazankow, sich vorgewagt und nach mehr politischer Macht gestrebt habe. Kazankow wurde zweimal in Freiburg operiert. „Ich bin wirklich dankbar. Die Deutschen waren sehr freundlich.“

Dann führt Kazankow in ein Zimmer ganz oben im Verwaltungstrakt. Dort steht er wie ein Priester in seiner von ihm erbauten Kapelle, wie ein Mann, der sein Leben lang hart gearbeitet hat und am Ende tief religiös wurde, nur dass seine Religion Kommunismus heißt. Das Zimmer ist mit weichem Teppich ausgelegt, an der Wand hängen rote Banner und Fahnen. Sonst ist es leer. Zu einer Seite erlaubt eine weite Glasfront den Blick auf die Sowchose. Kazankow blickt von dort auf Hallen, Straßen, Strommasten. Dahinter ist Wald – und Russland. Bei Kazankow aber lebt die Sowjetunion.

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