• Quer durch Russland - 9: Treffen sich ein Panzer, ein Meteorit und Chuck Norris...

Quer durch Russland - 9 : Treffen sich ein Panzer, ein Meteorit und Chuck Norris...

Tscheljabinsk gilt unter Russlands Städten als besonders rau. Doch im Sommer skaten in „Tankograd“ Jugendliche am Lenin-Denkmal und flanieren Stahlarbeiter durch die Fußgängerzone.

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Wandverzierung in Tscheljabinsk.
Wandverzierung in Tscheljabinsk.Foto: Nik Afanasjew

Unser Autor Nik Afanasjew reist zwei Monate lang quer durch Russland, um zwei schwere Fragen zu beantworten: "Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?"

 

Ein einziges Mal war meine Geburtsstadt Tscheljabinsk weltweit ganz oben in den Nachrichtenspalten – wegen eines Meteoriten. Am 15. Februar 2013 „wurde der Himmel plötzlich weiß“, erinnert sich meine Tante. Meine Cousine erzählt, wie der von ihr und Familie damals bewohnte Plattenbau zu schwanken begann und sie nicht wusste, was war, aber einfach nur dachte: „Es geht zu Ende.“ Glücklicherweise wurde aber niemand vom Meteoritenschauer getötet. Imposant ist das größte erhaltene Stück Meteorit, zu sehen in einem Museum in Tscheljabinsk. Etwa 600 Kilogramm schwer, uneben und eben irgendwie extraterrestrisch. Es ist aber natürlich am Ende auch nur ein: Stein. Der Meteorit von Tscheljabinsk ist wie Kunst von Ai Wei Wei – irgendwelche verbogenen Metallstreben aus einem eingestürzten Kinderheim irgendwo in China – er braucht einen Beipackzettel, um zu überzeugen.

Tscheljabinsk liegt an der geografischen Grenze zwischen Europa und Asien, etwa anderthalb Tage östlich von Moskau, nördlich der Grenze zu Kasachstan.

In meiner Erinnerung ist Tscheljabinsk sehr grau. Ihre hellste Stunde für das ganze Land erlebte die Millionenstadt im Zweiten Weltkrieg, als wichtige Fabriken von der Front hierher verlegt wurden. Der T34, die Katjuscha – Tscheljabinsk war entscheidend für die Kriegsproduktion der Sowjetunion und verdiente sich den Spitzennamen „Tankograd“. Unweit wurde auch Atomforschung  betrieben, in geschlossenen Städten, die niemand Fremdes betreten durfte und die nur Nummern trugen statt Namen.

Diese Rolle als kriegswichtige Industriehochburg sowie die langen, kalten Winter haben wohl auch zum Ruf der Stadtbewohner beigetragen. Tscheljabinsk muss in Russland schon seit vielen Jahren für eine eigene Kategorie von Witzen herhalten. Die gehen in etwa so:

Die Kerle in Tscheljabinsk sind so hart, dass sie ihren Kaffee mit Salz trinken.

Die Kerle in Tscheljabinsk sind so hart, dass sie sich nicht die Fingernägel schneiden, sondern einfach ihre Hände auf Gleise legen und auf dem Zug warten.

Die Kerle in Tscheljabinsk sind so hart, dass sie sich beim Schnäuzen beide Nasenlöcher zuhalten.

Die Kerle in Tscheljabinsk sind so hart, dass sie statt Kaffee zu trinken Kaffeepulver aus der Dose fressen.

Die Kerle in Tscheljabinsk sind so hart, dass sie nach dem Zähneputzen nicht ausspucken.

Manchmal gibt es auch Variationen a lá „die Busfahrer in Tscheljabinsk sind so hart, dass sie an den Haltestellen nicht halten, sondern nur auf 50 Sachen runtergehen“. Im Grunde ist das Muster aber klar. Und ja, es gibt auch den hier: Die Kerle von Tscheljabinsk sind so hart, Chuck Norris ist ein Kerl aus Tscheljabinsk.

BMX-Fahrer vor einer Lenin-Statue.
BMX-Fahrer vor einer Lenin-Statue.Foto: Nik Afanasjew

Wer es sich leisten kann, entflieht der ganzen Härte gerne mal und hat in Tscheljabinsk ein Häuschen außerhalb. Aus dem Grauen ins Grüne sozusagen – „die Kinder aus der Stadt rauskriegen“ war früher eine Formel für den Sommer, die auch meine Eltern verwendet haben. Einer der Fluchtpunkte war Charino, ein Dorf nordöstlich der Stadt, wo meine Großeltern ein Haus hatten. Ich fahre dorthin, um zu sehen, was sich alles geändert hat. Der Dorfkern ist erhalten geblieben, drei Dutzend Häuser, Feldwege, den ungeübten nervt der hyperaktive Hahn früh am Morgen. Als einzigen hervorstechenden Bau gibt es eine Kirche, die zu meiner Kinderzeit halb verfallen war und als Getreidesilo herhalten musste. Zusammen mit Freunden bin ich dort früher durchs Fenster geklettert und dann haben wir wie Dagobert Duck in seinem Goldspeicher Tauchgänge durchs Getreide unternommen, das endlos vorhanden zu sein schien. Heute ist die Kirche vollständig renoviert und ist, wie in so vielen russischen Dörfern, neben dem obligatorischen Zweiter-Weltkrieg-Denkmal, der einzige penibel gepflegte Bau am Platz.

Vom Kirchturm aus sind die neuen Villen zu sehen, große Häuser auf riesigen Grundstücken, die rund um das alte Dorf entstanden sind.

Die Kirche und das Denkmal in der Mitte für die Alten, die dort wohnen. Und die jungen Reichen bleiben außerhalb, hinter den hohen Mauern ihrer Grundstücke, die sich selbst ein Land und genug sind.

Auch im Jahr 2016 ist aus Tscheljabinsk keine architektonische Perle geworden. Gerade im Vergleich zur größten Stadt des Urals, Jekaterinburg, das mit verspielten Häusern aus der Zarenzeit und Wolkenkratzern aufwartet, fällt sie optisch deutlich zurück. Trotzdem ist irgendwie diese Schwere gewichen, die früher wie der graue Dunst aus den Fabrikschloten über allem zu hängen schien. Über den zentralen Revolutionsplatz wacht wie seit jeher der unvermeidliche Lenin, wirkungsmächtig und unzerstörbar, ein Meteorit seiner Zeit. Doch zu seinen Füßen wurde ein Skatepark aufgebaut, wo Jugendliche mit grünen und blauen Haaren über den Asphalt fliegen. Unweit beginnt die Ulitsa Kirowa, eine Fußgängerzone, wo im Sommer tatsächlich ein Hauch mondänes Flair aufkommt.

Monmartere wo bist du?

Dort setze ich mich etwa in die Mitte der Straße, gegenüber eines Obelisks, der den zentralen Punkt der Stadt markiert. Eine Stunde in der Fußgängerzone von Tscheljabinsk, der Stadt der harten Männer, der Panzer und der gebändigten Himmelskörper. Eine ur-russische Stadt.

Die ganze Straße ist voller Läden und Restaurants. Ein Geschäft verspricht Deutsche Schuhe – und das sogar im Ausverkauf. Daneben ist ein chinesisches Restaurant, wo in der ganzen Stunde  niemand reingeht. Gegenüber ist ein neonbunter Pretty Betty American Diner. Daneben ein Laden mit dem Namen Zanzi Bar Beach BBQ. Bis auf die Tatsache, dass es hier nun einmal wirklich keinerlei Strand gibt, so Beach-BBQ-mäßig, fügen sich alle die westlichen Einflüsse durchaus harmonisch ein. Nur der einzige verglaste Büro-Hochbau steht hinter den Läden etwas verloren in der Gegend herum.

Ein Saxofonist lässt die Straße in eine melancholische Grundstimmung hineinflanieren, Monmartere wo bist du? Leute spazieren vorbei, viele Pärchen, wenige Alte, ein hagerer Tätowierter. Es dauert länger festzustellen, was dort eigentlich fehlt, nicht in dem Sinne, dass es da zu sein hätte, sondern in dem Sinne: sonst ist es halt da. Zumindest für mich, als Berlin-Bewohner. Es sind die Kranken und Kaputten, die Bettler, die Ausgetoßenen. Auch Menschen anderer Hautfarbe oder sichtbar anderer Herkunft gibt es kaum. Es ist eine – nochmal, für einen Berlin-Bewohner – seltsam homogene Masse an Menschen.

Unweit des Obelisks gibt es ein ewiges Feuer für im Zweiten Weltkrieg gefallene Soldaten, die Fußgängerzone selbst wartet mit einigen Kirmes-Schießständen auf. AK47 lässt grüßen. Auch einige graue Bauten gibt es hinter der ersten Reiehe der hübsch renovierten Backsteinhäuser. Soweit der sichtbare sowjetische Einfluss. Sonst überwiegt aber all das Pretty-Betty-Bech-BBQ-mäßige, das gut gefegte Flaniermeilentum, das schicke Ausgehen in schicklicher Umgebung. Das Zentrum von Tscheljabinsk ist nicht so sehr Tankograd, als eine glatt geschliffene, russische Interpretation des westlichen Lebensstils, eine Art gute alte Zeit des Westens, die es in dieser Ausführung auch dort wahrscheinlich nie gegeben hat. Es ist so ungefähr die Chuck-Norris-Zeit. Das Gute hat damals auch nicht immer gesiegt, aber man meinte immerhin zu wissen, wo das Böse ist.

Das denke ich mir also alles, während ich am Obelisk sitze. Und dann läuft an mir ein Opa vorbei, der eine Basecap verkehrt herum und ein blaues Netzhemd trägt und eine Melodie pfeift, so mitten in Tscheljabinsk, und damit irgendwie alle Gedanken an städtische und nationale Identitäten ad absurdum führt.

Die Kerle in Tscheljabinsk sind so hart, sie tragen zum Ausgehen ihre Fischnetze und pfeifen drauf.

Alle Artikel unserer Serie "Quer durch Russland" lesen Sie hier:

Teil 0 – vor der Abreise

Teil 1 – Die Krim, das neue Staatsgebiet

Teil 2 – Der melancholische Verteidigungsminister der Hooligans

Teil 3 – Alle Wege führen nach Moskau

Teil 4 – In Kasan ist es wie in der Schweiz

Teil 5 – Seit einig und streitet euch!

Teil 6 – Stalin ist wieder da

Teil 7 – Ein Zwischenfazit, verflucht nochmal

Teil 8 – Der lange Marsch zum russischen Stonehenge

 

 

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