• Ramstein-Desaster: Die Angehörigen der Opfer glauben nicht an einen Fehler des Piloten

Welt : Ramstein-Desaster: Die Angehörigen der Opfer glauben nicht an einen Fehler des Piloten

Werner Raith

Das Schlimmste, sagt Giancarlo Nutarelli, das Schlimmste an diesem Tag sei der Blick "in die Augen dieser Menschen", die Angst, dass diese in sich "eine unglaubliche Wut, zumindest aber eine unüberwindbare Abneigung gegen meinen Namen nähren könnten - und es wäre ja auch verständlich". Giancarlos Bruder Ivo Nutarelli war derjenige, der vor 12 Jahren durch einen angeblichen "Pilotenfehler" das Desaster von Ramstein ausgelöst hat - mindestens 70 Menschen waren beim Absturz der italienischen Kunstflugstaffel "Frecce tricolori" umgekommen.

Ein gutes Dutzend von den Opfern und Hinterbliebenen steht nun, neben Giancarlo Nutarelli und seinem Vater, im Freigelände des Luftfahrtmuseums von Rimini vor den vor einem Jahr hierher gebrachten Trümmern der damals zusammengestoßenen Flugzeuge: zwei Schwanzflossen der Maschinen sind zu erkennen, eine mit der Nummer 2, die andere mit der 13, daneben eine deformierte Pilotenkabine; die Instrumente fehlen - sie sind für die Untersuchungen der Unfallursache entnommen worden und seither verschwunden.

Aufgewühlt

Unvorstellbare Emotionen habe die Fahrt hierher geweckt, sagen Marlis und Alfred Witt: sie haben damals ihren 16-jährigen Sohn verloren, einen Flieger-Fan, der sein Zimmer mit Postern der "Frecce" vollgehängt hatte - sein letztes Foto war das der auf die Zuschauer zurasenden Maschine Nutarellis. Roland Fuchs, dessen Frau und sechsjährige Tochter dort umgekommen sind, war "ähnlich aufgewühlt wie damals", als er zum ersten Mal wieder zu der Aufschlagstelle in Ramstein gefahren war.

Ähnlich fühlt auch Konrad Fus, der selbst unverletzt geblieben ist, dessen neben ihm sitzende Ehefrau aber durch ein Splitter tödlich getroffen wurde. Sie alle, die ihren Lebensgefährten verloren haben, wie Gabriella Johnson, oder wegen ihrer hochgradigen Verbrennungen arbeitsunfähig geworden sind und noch heute in der Furcht vor Panik-Schüben leben, wie Norbert Mangold, oder deren damals noch kleine Kinder an schweren psychischen Folgen leiden, wie bei Helmut und Cornelia Günter oder der Familie Schwab.

Sie alle sind mit höchst widerstreitenden Gefühlen der Einladung des Museums-Schöpfers und -leiters Gianfranco Casolari zu einem Gedenktreffen gefolgt: Zumal bekannt ist, wie sehr offizielle Stellen noch immer derlei Vorgänge missbilligen: kein Mitglied der "Frecce" oder des italienischen Generalstabs lässt sich blicken, lediglich der örtliche Vorsitzende des Luftwaffenverbandes hält eine kurze Ansprache; die Amerikaner - die im übrigen bis heute die Zahl ihrer Opfer geheimhalten - haben nicht einmal einen Delegierten geschickt.

Die Deutschen sind durch den Luftwaffenattache in Rom vertreten, der aber auch bald wieder wegfährt, ohne das Wort zu ergreifen. Eine Begegnung mit den Witwen der Piloten wird seitens der Behörden noch immer verhindert.

Ramstein: ein Un-Wort, es ruft nicht nur schaurige Gefühle bei den Betroffenen hervor, sondern offenbar auch mächtige Ängste bei manchem "im Hintergrund", die Sache könne noch einmal hochkochen. Von den Angereisten versichern alle dem Piloten-Bruder Gianfranco Nutarelli, dass von ihnen niemand an die offizielle Version des "Pilotenfehlers" glaubt, und dasselbe versichert Delegationsleiterin Sybille Jatzko, die in Deutschland mehrere hundert Opfer betreut, auch für die zuhause Gebliebenen. Die Indizien, die sich in den Jahren seit dem Unglück angesammelt haben, sprechen ja auch immer stärker gegen einen Kunstfehler Nutarellis.

Allmählich kommen auch Berichte ans Licht, die die US-Behörden damals - durch schriftliche Schweigeverpflichtungen - zu unterdrücken versucht haben. Einer, der bis vor kurzem geschwiegen hat, ist hierher mitgekommen. Hans-Joachim Lenhard stand damals als Feuerwehrmann auf der Airbase mit seinem Löschfahrzeug nur 60 Meter von der Aufschlagstelle entfernt. Obwohl körperlich unverletzt geblieben, ist er zu den Opfern aus ähnlichen Gründen gestoßen, wie sie Giancarlo Nutarelli plagen - jemand könne ihm vorhalten, er hätte damals mehr für die Verletzten tun können. Noch heute kommen seine Sätze stockend heraus, wird sein Blick leer, wenn er von Erinnerungen überwältigt wird.

"Die Amerikaner hatten nur eines im Sinn: alles wegräumen, alles beseitigen, ohne Rücksicht auf Verluste." Kein Arzt konnte sich an Ort und Stelle um Verletzte kümmern - "alles auf die Lastwagen" war die Devise, Tote und Schwerverletzte: "Einem, dem jemand eben eine Infusion gelegt hatte, wurde der Tropf weggerissen, die Kanüle stand leer in die Luft".

Obwohl ihm niemand jemals Vorwürfe gemacht hat, kommt er nicht von alledem los; seit einem weiteren Unfall im Ramstein, wo ein Transporter abstürzte und er selbst schwere Rauchvergiftungen erlitt, ist er arbeitsunfähig. Kein Mensch konnte jemals die brutale Eile vermitteln, mit der die Amerikaner über alles den Mantel der Geheimhaltung legten - und bis heute nicht lüften.

Nie untersucht

Giancarlo Nutarelli versichert, dass sein Bruder "mit Sicherheit im letzten Moment eher seitwärts abgedreht hätte anstatt in die Staffel hineinzufliegen" - weshalb er felsenfest daran glaubt, dass es eine andere Ursache für den Zusammenstoß geben muss, dem so viele Menschen zum Opfer fielen.

Zumal die Möglichkeit einer Sabotage nie gerichtlich untersucht wurde. Ivo Nutarelli war 1980 ein wichtiger Zeuge bei einem anderen von amerikanischen und französischen Militärflugzeugen provozierten Desaster, bei dem in der Nähe der italienischen Insel Ustica eine italienische Passagiermaschine abstürzte. Bis heute ist ungeklärt, ob sie versehentlich abgeschossen wurde. Der Pilot Nutarelli wollte in dieser Sache unmittelbar nach der Flugübung in Ramstein vor Gericht aussagen. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Er starb in Ramstein. Damit waren sämtliche Zeugen der Ustica-Katastrophe ums Leben gekommen.

Vor der Stelle, unter der die Opfer des Infernos namentlich aufgezählt sind, nimmt er sich vor, nächstes Jahr nach Ramstein zu kommen, dorthin, wo - außerhalb der Base, für drinnen gaben die Amerikaner keine Genehmigung - ebenfalls eine solche Tafel steht.

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