Welt : Ramstein-Tragödie: 67 Tote - weil der Pilot sterben sollte?

Werner Raith

Das DIN-A-4-Blatt, das da an einem schönen Junimorgen 1991 im Briefkasten lag, trug den dicken Stempel "RISERVATISSIMO", streng geheim, trug den Briefkopf des italienischen Verteidigungsministeriums - und enthielt, mit Stempel und Unterschrift, unter dem Datum des 25. Mai 1988, nichts Geringeres als einen Mordbefehl: der Pilot mit der Matrikelnummer 32053 solle bei der anstehenden Luftfahrtshow in Ramstein "den sicheren Tod" finden.

Drei Monate später kam der Pilot tatsächlich um - in Ramstein: Ivo Nutarelli, Träger dieser Matrikelnummer, Solopilot der italienischen Kunstflugstaffel "Frecce tricolori", riss zwei Kameraden und mindestens weitere 67 Menschen in den Tod, mehrere hundert Zuschauer wurden in dem Flammenmeer schwer verletzt.

Dennoch ist das ministerielle Papier eine Fälschung, wie sich nach langen Recherchen herausstellte. Es war nicht der erste und auch nicht der letzte Versuch einer fachgerechten Spurenverwischung in einem Fall, der bis heute seiner Aufklärung harrt.

Die Unfallursache für den Absturz schien schon wenige Stunden nach diesem dramatischen Augusttag vor zwölf Jahren klar - menschliches Versagen: der Solopilot war nach einem Looping zu früh am Kreuzungspunkt seiner Kollegen angekommen und so in die seitwärts abgerollte linke Teilstaffel hineingerast. Eine Figur, die an sich von allen Piloten als die "einfachste der gesamten Vorführung" bezeichnet wurde. Nutarelli war der erfahrenste Pilot der Staffel und einer des längstgedienten der Luftwaffe überhaupt - wieso konnte ihm das passieren?

Mit dieser Frage begannen nicht nur die Rätsel - sondern auch die Verschleierungen. Während alle davongekommenen Kollegen einen "Kunstfehler" ausschlossen, ordnete sowohl das in Ramstein herrschende US-Oberkommando wie die italienische Luftwaffenleitung sofort "Pilotenfehler" als Ursache an. Gleichzeitig wurde das gesamte Personal der Air-Base, die deutschen Feuerwehrleute, die Rotkreuzhelfer und sonstigen Einsatzkräfte zu "absolutem, dauerhaften Stillschweigen über alles, was sie sehen oder erfahren" verpflichtet. Warum, wurde ihnen niemals erklärt - trotzdem halten sich die meisten bis heute daran, zum großen Teil aus Furcht vor Konsequenzen, die ihnen angedroht wurden. Die Untersuchungen der Absturzursache wurde gemäß NATO-Statut vom Herkunftsland des "Verurachers" durchgeführt, mithin Italien.

Danach hörte man erst einmal lange nichts mehr. Doch Anfang 1991 ergab sich ein merkwürdiger Zusammenhang: Solist Nutarelli und ein weiterer der getöteten Piloten waren acht Jahre zuvor möglicherweise Zeugen in einem anderen Flugzeugdesaster gewesen, dem Absturz einer italienischen DC-9-Linienmaschine nahe der Mittelmeerinsel Ustica mit 81 Toten: höchstwahrscheinlich ein versehentlicher Abschuss während einer hochgeheimen Militärübung amerikanischer und französischer Einheiten, die der Maschine des lybischen Staatschefs Ghadafi auflauern sollten. Die Luftwaffe wie die verschiedenen Geheimdienste leugneten standhaft die Tatsache dieses Militärmanövers - aber es gab Hinweise, dass Nutarelli nach der Flugshow von Ramstein hatte auspacken wollen, aus Wut über eine nichterfolgte Beförderung. Und da im Zusammenmhang mit "Ustica" bereits ein gutes Dutzend möglicher wichtiger Zeugen auf ungeklärte Weise ums Leben gekommen war, hätten beim Tod der Frecce-tricolori-Piloten wohl die Alarmglocken klingeln müssen.

Gigantische Vernebelung

Stattdessen setzte sich erneut eine gigantische Vernebelungsmaschinerie in Gang. Telefone und Faxgeräte nachforschender Journalisten wurden regelmäßig gestört. Beim Autor dieses Artikels wurde mehrmals eingebrochen, einmal wurden alle Aktenordner bezüglich Ustica und Ramstein gestohlen, ein andermal alle Videokassetten - und nur diese, während das auf dem Tisch liegende Geld nicht angetastet wurde: man soll ja schließlich wissen, wer da seine Macht zeigt.

Dann wieder kam ein besorgt blickender Mittvierziger daher, stellte sich als Oberst der Luftwaffe vor und beendete ein stundenlanges Gespräch mit dem guten Rat: "Man soll, im Interesse der eigenen Gesundheit, die Vergangenheit ruhen lassen." Ein Kollege vom "Corriere della sera" sah sich dermaßen dicht beschattet, dass er dreimal die Wohnung wechseln musste. Dann wiederum wurden angebliche Superzeugen angeboten - ein halbes Dutzend Mal meldeten sich angebliche "Kameraden" Nutarellis, die allerlei halbwahre Details zum besten gaben. Danach rief eine Frau an, die sich als eine der Witwen der getöteten Piloten ausgab - doch beim Termin wollte sie partout ihren Personalausweis nicht herzeigen. Ein deutscher Fernsehautor fiel auf angeblich sensationelle Radarmitschnitte herein - die erfahrenere Kollegen in Italien bereits als Fälschungen abgelehnt hatten. Der "Mordbefehl" auf ministeriellem Papier gehörte ebenfalls zu diesen Verwischungsaktionen - die Versuchung für uns Nachforschende war zweifellos groß, ihn als "letzten Beweis" für eine mögliche Sabotage der Frecce tricolori zu veröffentlichen. Die Nachricht, dass er gefälscht war, hätte dann die Glaubwürdigkeit unserer Recherchen insgesamt zutiefst erschüttert.

Nicht sonderlich mit Ruhm bekleckert hat sich bei alledem sowohl die deutsche Politik wie die Justiz. Erst nachdem die Presse in Deutschland 1991 immer lauter nach Aufklärung rief, bequemte sich die italienische Botschaft immerhin mitzuteilen, dass die eingeleiteten Verfahren "eingestellt worden seien". Der zuständige Untersuchungsrichter Roberto Paviotti: "Ich habe absolut nichts herausgefunden: wo ich nachgeforscht habe, bin ich auf eine Mauer aus Schweigen gestoßen." Der militärische Untersuchungsbericht umfasste zwar mehr als 1000 Seiten, bestand aber vorwiegend aus technischen Details - die Frage einer möglichen Sabotage wird nicht einmal andeutungsweise behandelt. Nach einem derart oberflächlichen Urteil und so viel Fragezeichen hinter dem "menschlichen Versagen" hätte die deutsche Staatsanwaltschaft ohne weiteres das Verfahren erneut eröffnen können - nichts geschah. Auch parlamentarische Anfragen erbrachten nur dünne Hinweise darauf, dass das "Verfahren in Italien abgeschlossen sei". So ist die Lage heute noch. Der Versuch des Autors, 1988 zum zehnjährigen Jahrestag Spitzen der italienischen Luftwaffe und der Frecce tricolori für eine Fernsehsendung des SWF zu gewinnen, wurde durch ständiges Zögern so lange unterlaufen, bis der Termin vorbei war.

Immerhin: am heutigen zwölften Jahrestag wird, erstmals, eine Gedächtnisfeier abgehalten - im Luftfahrtmuseum zu Rimini, wo ein angeblich echtes Schwanzstück einer der abgestürzten "Frecce tricolori" ausgestellt ist. Und da sollen die - hoffentlich echten - Witwen der Piloten mit Vertretern der deutschen Opfer zusammentreffen. Zwölf Jahre nach dem Unglück.

Der Autor gehörte zu den ersten, die den Zusammenhang zwischen Ustica und Ramstein recherchierten. Er schrieb den Tatsachenroman "Absturz über Ustica". Seit Anfang des Jahres arbeitet der langjährige Italien-Korrespondent für den Tagesspiegel.

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