Rap : Wege zum Ruhm

Lady „Bitch“ Ray ist eine Bremer Wissenschaftlerin. Und Rapperin. Aber am besten kann sie provozieren.

Kolja Reichert
Bitch Ray
Lady "Bitch" Ray bei Maischberger. -Foto: Imago

Einige Eltern dürften hilflos die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, als sie vergangenen Montag „Menschen bei Maischberger“ verfolgten. Ist die Unschuld ihrer Kinder nicht schon genug bedroht durch die frauenverachtenden allgegenwärtigen Texte von Rappern wie Sido („Arschficksong“) und Frauenarzt („Ghettofotze“), über die seit Monaten heftig diskutiert wird? Muss nun auch noch eine Frau eine aggressive Sexualität vertreten?

Maischberger hatte neben Aufklärungspionier Oswalt Kolle auch die Skandalrapperin Lady „Bitch“ Ray geladen, die seit einiger Zeit mit provokanten Auftritten auf sich aufmerksam macht. Ray antwortet den männlichen Rap-Kollegen in deren Sprache – propagiert dabei aber weibliches Selbstbewusstsein. „Ich emanzipiere dieses Land“, rappt sie auf ihrer ersten Single „Mein Weg“. „Bitch“, das englische Wort für „Nutte“, wird in ihrem Mund zu einer Bezeichnung, die frau mit Stolz tragen sollte. „Ich bin für die vaginale Selbstbestimmung, jede Frau soll sich nehmen, was sie will“, erklärte sie einer befremdet bis belustigten Sandra Maischberger und einer ihre Abscheu nur mühsam verbergenden Michaela May.

Die TV-Kommissarin, die einst in München-Schwabing die sexuelle Befreiung miterlebte, reagierte nach typischem Alt-68er-Muster: Was wollt ihr, wir haben doch damals schon alle Freiheiten erkämpft. Ray genoss sichtlich die Wirkung ihrer sexuell expliziten Provokationen. Die Tochter türkischer Einwanderer, mit bürgerlichem Namen Reyhan Sahin, irritiert vor allem dadurch, dass sie die Grenzen zwischen Ghettosprache und Intellektualität einreißt. Sahin hat an der Universität Bremen Germanistik und Linguistik studiert, für ihre Magisterarbeit mit dem Thema „Jugendsprache im Hip-Hop“ erhielt sie eine 1,2. Derzeit schreibt sie an ihrer Doktorarbeit über Kleidung als Zeichen. Vertreibt sich hier eine Hochbegabte ihre Langeweile mit Hip-Hop-Parodien und genießt den Wechsel der Rollen? Das möchte man glauben, sieht man sie in ihrer Internet-Show „Große Fische, kleine Fische“ mit Rapper B. Tight über Sex reden. Kann sie das ernst meinen? Offenbar ja. Reyhan Sahin legt Wert darauf, dass sie beides ist – Wissenschaftlerin und Rapperin. Um reine Parodie zu sein, ist ihre Musik auch zu professionell.

Tracks wie „Mein Weg“ oder „Du bist krank“ sind mitreißend produziert und wirken weitaus frischer als die Produktionen, die aus dem Umfeld aggressiver Berliner Rapper kommen. Es geht Sahin nicht darum, Mechanismen von Provokation und Vermarktung vorzuführen – sie bedient sie ganz offen. Und ihre Strategie, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, geht wunderbar auf. „Bild“ ist schon lange auf sie angesprungen und präsentiert gerne ihre freizügigen Fotos als Skandal. Die sonderbare Verbindung von Ernst und Ironie lässt Sahin an vielen Stellen anecken. Rap-Fans wünschen sich in Online-Foren, Sahin würde sich auf die Wissenschaft beschränken. Und Radio Bremen kündigte ihr, als sie sich weigerte, ihre Sarah-Connor-Beschimpfung „Ich hasse dich“ aus dem Netz zu nehmen. Schon immer entsprang ein Teil der erfrischenden Kraft von Hip-Hop auch aus der Beschimpfung anderer. Es geht darum, cooler und härter zu sein als der andere. Lady „Bitch“ Ray lässt sich auf dieses Spiel ein und dreht die Schraube einfach weiter. Der Ökonomisierung von Sexualität setzt sie damit nichts entgegen – sie ermuntert Mädchen aber, selbstbewusst als Händlerinnen ihres eigenen Körpers zu agieren. Aus den Kommentaren auf ihrer Myspace-Seite schlägt ihr dafür Bewunderung entgegen – von Männern.

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