Rede im EU-Parlament : Sonneborn nennt Erdogan den "Irren vom Bosporus"

Martin Sonneborn hat im EU-Parlament den türkischen Präsidenten als "Irren" bezeichnet. Hintergrund war der Versuch der türkischen Regierung, den Völkermord an den Armeniern zu relativieren.

von
Martin Sonneborn hat den türkischen Präsidenten Erdogan scharf kritisiert
Martin Sonneborn hat den türkischen Präsidenten Erdogan scharf kritisiertFoto: dpa

Der Satiriker und Politiker Martin Sonneborn (Die Partei) hat in einer Rede im EU-Parlament den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als "den Irren vom Bosporus" bezeichnet. In seiner Rede kritisierte er das Vorgehen Erdogans, der verhindern wollte, dass in einem Kunstprojekt der Dresdner Sinfoniker der Genozid durch die Türkei an Armeniern als Genozid bezeichnet wird. Konkret wollte Erdogan bewirken, dass die kulturelle Förderung des Projektes in Höhe von 200.000 Euro gestrichen wird. Durch seine Botschafter hatte sich Erdogan an die EU-Kommission gewandt, die hatte daraufhin die Sinfoniker aufgefordert, entsprechende Textstellen abzuschwächen. Das hatte in Deutschland wie in der Türkei zu Protesten geführt.

Sonneborn, der seit 2014 für die Satire-Partei "Die Partei" im EU-Parlament sitzt, sagte: "Ich empfehle dringend, das Wort Genozid zu streichen und stattdessen durch den Begriff Völkermord zu ersetzen." Als Deutscher kenne er sich mit Völkermord aus. Der Satiriker fügte hinzu: "Allerdings konstatiere ich mit einer gewissen Verblüffung, dass uns hier die Türkei  hier allmählich den Rang abläuft." Damit bezog er sich auf die derzeitige Lage der Kurden in der Türkei. Sonneborn wolle die türkische Regierung "warnen", den "hundertjährigen Rhythmus, in dem sie offensichtlich Genozide zu begehen gedenkt, ... nicht zu beschleunigen." Seine anderthalbminütige Rede beendete Sonneborn mit den Worten: "Nichts für Ungut, derzeit keine Türkeiurlaube geplant."

Sonneborn, Böhmermann, Extra 3

Sonneborn reiht sich damit in eine Liste von Satirikern, die die zunehmend autoritären Machenschaften des türkischen Präsidenten aufs Korn nehmen. Eine breite mediale Debatte in Deutschland darüber begann, als das NDR-Satiremagazin "Extra 3" ein Lied über Erdogan dichtete, der bestellte daraufhin den deutschen Botschafter ein. In der Folge veröffentlichte Jan Böhmermann ein "Schmähgedicht", dass dem Satiriker zahlreiche Strafanzeigen einbrachte, die Bundesregierung entzweite und eine juristische Debatte über den Paragraphen 103 im Strafgesetzbuch auslöste, der Majestätsbeleidigung. Andere Komiker sprangen mehr oder weniger gelungen oder geistreich auf den Zug auf, darunter Dieter Hallervorden.

Sonneborn ist allerdings der erste prominente Satiriker und Erdogan-Kritiker, der gleichzeitig ein politisches Amt innehat.

Autor

66 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben