40 Jahre Tui : Einmal nach Paella, bitte

Pauschaler Erfolg: Mit Tui lernten viele Deutsche die Welt kennen. Jetzt wird der Konzern 40 Jahre alt

Gerd W. Seidemann
Tui
Im Stil der Zeit. Heinz Erhardt 1970 mit seiner Filmfamilie am Strand. -Foto: Cinetext

Als „hannoversche Gemischtwarenhandlung in Sachen Ferienvergnügen“ fing am 1. Dezember 1968 alles an. Begleitet von solchen Schlagzeilen hatten sich die Reiseveranstalter Scharnow, Dr. Tigges, Hummel und Touropa vor 40 Jahren zur „Touristic Union International“, heute besser bekannt als Tui, zusammengeschlossen. In jenem Jahr ging von Hannover aus bereits 950 000 Mal das Produkt Urlaub über die deutschen Reisebürotresen. Seitdem ist das stetig wachsende Unternehmen einen langen, erfolgreichen Weg gegangen. Heute buchen etwa 13,5 Millionen Kunden eines der rund 10 000 Urlaubsangebote aus mehr als 40 Katalogen des größten deutschen Veranstalters.

Das Gründungsjahr 1968 wurde in Deutschland auf unterschiedlichste Art geprägt. Der erste „Aufklärungsfilm“ von Oswald Kolle wurde heiß diskutiert, der 1. FC Nürnberg durfte sich tatsächlich Deutscher Fußballmeister nennen, in Frankfurt am Main brannten nach Anschlägen von Baader, Ensslin und Genossen zwei Kaufhäuser, der Studentenführer Rudi Dutschke wurde in West-Berlin bei einem Attentat schwer verletzt, Heintje sang sich in den Charts ganz nach oben, das Musical „Hair“ feierte seine Deutschland-Premiere – und viele Menschen waren wild auf eine Pauschalreise.

Das Fliegen galt damals noch als etwas Besonderes, zählte bereits als erstes tolles Urlaubserlebnis. Mallorca beispielsweise war zwar kein gänzlich neues Reiseziel mehr – Hummel hatte die Insel seit 1956 im Programm – , doch jetzt war die Insel in sagenhaft kurzer Zeit zu erreichen: Nur vier Stunden dauerte der Flug von verschiedenen Städten Deutschlands aus. Gewiss, die Anmutung einer halben Weltreise hatte der Trip auf die Baleareninsel bereits eingebüßt. Die Anreise musste eben nicht mehr wie noch Ende der fünfziger Jahre mit dem Zug bis Genf und von dort mit einer DC-3, die Rückreise per Schiff bis Genua und wiederum per Eisenbahn in die Heimat bewältigt werden.

Der Aufschwung Mallorcas als Urlaubsziel ist übrigens untrennbar mit dem Wachstum der Tui verbunden. Die deutschen Veranstalter mit den Hannoveranern an der Spitze beförderten 1968 immerhin schon 200 000 Deutsche auf die Insel. Heute urlauben zirka vier Millionen Deutsche jedes Jahr auf Mallorca, von denen die meisten bei Tui buchen.

Am Strand der Playa de Palma trennte 1968 zwar längst kein Seil mehr die männlichen und weiblichen Badegäste, doch es ging noch einigermaßen sittenstreng zu im Spanien des Diktators Franco. Die ersten Bikinis riefen gar die Polizei auf den Plan. Die deutschen Señoritas wollten allerdings partout nicht verstehen, was die Ordnungshüter von ihnen wollten – und bei der Guardia Civil sprach niemand Deutsch. Also blieben die Zweiteiler. Offiziell fiel das Bikini- Verbot in Spanien schließlich 1970.

Das waren noch Zeiten, als die Deutschen an südlichen Gestaden die Preise mit einem „Oh wie billig“ bestaunten und diesseits aller Weltläufigkeit mit Begriffen wie Sangria oder Paella nichts anzufangen wussten. Tui-Gästebetreuerin Erika Lopez erinnert sich: „In einem Hotel stand der Reiseleiterschreibtisch in der Nähe der Bar. Links davon hing die Tafel mit den Ausflügen, rechts befand sich ein Ständer mit dem Schild: ,Morgen 13 Uhr Paella und Sangria, nur 790 Peseten.‘ Es dauerte nicht lange, da wollten zwei Gäste bei mir den günstigen Ausflug nach Paella und Sangria buchen.“

Reisen auf andere Kontinente waren zwar 1968 noch etwas Exotisches, doch auch für Pauschalurlauber längst nicht mehr außer Reichweite. Im Touropa- Flugkatalog hieß es zu Ostafrika vielversprechend: „Sonne im Überfluß und das erregende Erlebnis einer Foto-Safari mit Tieren, die wir zu Hause nur im Zoo bewundern können.“ Die Idee, Fernreisen als Charterflug anzubieten, war bereits im Winter 1964/65 durch Scharnow Reisen und Touropa fast zeitgleich geboren worden. Mit Flugzeugen vom Typ „DC 7 C“ der Südflug und „Viscount“ der Condor erreichte Scharnow im ersten Halbjahr die überschaubare Zahl von 572 Teilnehmern. Im Sommer 1970 buchten allerdings schon 15 000 Gäste einen Langstreckenflug, vornehmlich nach Ostafrika, in die USA und zur Weltausstellung nach Osaka in Japan. Die Presseabteilung von Scharnow-Reisen jubilierte entsprechend: „Das Jumbo-Zeitalter ist angebrochen.“ Auch komplette Weltreisen waren inzwischen im Katalog zu finden. Scharnow und Dr. Tigges boten damals 24-tägige Erdumrundungen für 3980 D-Mark, also umgerechnet rund 2000 Euro an.

Um bei Pauschalreisen die Anreise zum Urlaubsort aus einer Hand anbieten zu können, beschloss die Tui Ende der 70er Jahre, eigene Nacht-Reisezüge bauen zu lassen. In der Tradition des Touropa-Ferienexpress aus den frühen 50er Jahren (zunächst mit Hängematten für Nachtfahrten) wurden die Züge auf neu gebaut. Ab 1978 kamen diese Züge als „Tui-FerienExpress“ zum Einsatz. Sie fuhren wöchentlich die wichtigsten Urlaubsgebiete auch in Italien, Österreich und der Schweiz an. Ein Zug bot 420 Reisenden Platz.

Alle Liegewagen-Abteile hatten nur vier (statt sechs) Plätze. Als Clou führte jeder „FerienExpress“ zudem in der Zugmitte einen als „Tui treff“ bezeichneten Wagen mit Bar- und Speisebereich. Wegen des großen Erfolges des Ferienzuges verstärkte schließlich die Deutsche Bahn ihre Aktivitäten im Urlaubsreiseverkehr, sodass der „FerienExpress“ nach und nach Kunden verlor. 1993 verkaufte Tui ihre Zuggarnituren nach Holland.

Nun können auch große Reiseveranstalter nicht stets die Welt neu erfinden, um immer wieder Anreize zu setzen und die Buchungszahlen zu steigern. Um sich von anderen zu unterscheiden, ist Arbeit am Detail gefragt. Tui sah als erster großer Reiseveranstalter den Hoteliers sowie Gemeinden in Sachen Umweltschutz auf die Finger und gab wertvolle Anstöße in puncto Kläranlagen und Energieeinsparung. Dass ausgerechnet im Jubiläumsjahr dunkle Wolken am Tourismushimmel aufziehen, wird die Feierlaune am 1. Dezember in Hannover möglicherweise ein wenig trüben. Doch an Optimismus hat es der Branche eigentlich nie gemangelt. Schon gar nicht dem Primus.

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