Reise : Bananen pflückt der Affe selbst

Der Leipziger Zoo wird größer und spannender. Tiere aus drei Kontinenten wohnen in der Tropenhalle. Am 1. Juli wird sie eröffnet

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Zoodirektor Jörg Junhold hat angesichts des Erweiterungsbaus gut lachen. Foto: promo
Zoodirektor Jörg Junhold hat angesichts des Erweiterungsbaus gut lachen. Foto: promo

Countdown in der Wildnis. Stress bei 26 Grad und einer Luftfeuchtigkeit zwischen 65 und 100 Prozent. Allen tropft der Schweiß: dem Maler, der die letzten Ornamente an eine Wand auf dem asiatischen Dorfplatz mit der Gastronomie pinselt. Dem Tierpfleger, der mit einem Schälchen Obst unterwegs ist und vermutlich irgendeinem Neuzugezogenen seinen Wohnort schmackhaft machen will. Und auch Michael Ernst, Bereichsleiter der Tierpfleger, dem Kurator Fabian Schmidt im Vorbeigehen etwas zuruft, sieht schon wie aus dem Wasser gezogen aus.

Countdown in der Wildnis. Ein paar Tage noch, dann öffnet am 1. Juli in Leipzig die Tropenhalle Gondwanaland, die größte ihrer Art in Europa. Rund 16 500 Quadratmeter misst das Stück Paradies, das sich unter einem fast 35 Meter hohen, freitragenden Dach aus durchsichtigen Foliekissen dehnt. Zum Vergleich: der Tropengarten Biosphäre Potsdam misst 7000, der Masoala Regenwald von Zürich 11 500 Quadratmeter.

Schweiß steht auch Zoodirektor Jörg Junhold auf der Stirn. Dennoch nimmt er sich Zeit für einen Rundgang durch die Tropen, über die Hängebrücke, für einen Aufstieg auf die Aussichtplattform im höchsten Baum der Anlage. Warum Gondwanaland? „Die Idee kam uns vor etwa zehn Jahren, als wir im Zoo die Anlagen für die Tiere aus Afrika, Asien und Südamerika planten. Als Verbindungsglied dazwischen sollte noch eine Tropenhalle entstehen. Da hatten wir den Einfall, diese nach dem Urkontinent Gondwana zu benennen“, erzählt Junhold. Zwar sei die Halle dann an den Rand des Zoogeländes gebaut worden, doch der Grundgedanke ist geblieben: Tiere aus drei Kontinenten zusammenzuführen. Vor allem sehr seltene und gefährdete Arten sollten hier in den Fokus rücken.

Es hat geklappt. Nun wird Gondwanaland zur Heimat von 300 Exemplaren aus 40 Tierarten dreier Kontinente, darunter Zweifinger-Faultier, Komodo-Waran, Riesenotter, Zwergflusspferd und verschiedene Meerkatzenarten. Fast alle sind schon vor Tagen oder Wochen eingezogen. Der Komodo-Waran hat sein Lieblingsplätzchen mit Fußbodenheizung längst gefunden. Das Sunda-Gavial-Weibchen Nima hat nach einer gewissen Zögerlichkeit zu fressen begonnen und schaut gelassen zu, wenn vor der Glasscheibe seines Badebeckens die Gärtner noch ein paar Töpfe transportieren. Nicht zu vergessen der Medienstar: Das schielende Opossum Heidi hat endliche Ruhe vor den Kameras.

Es irrt, wer befürchtet, dass die Tierwelt der drei Kontinente in der Riesenhalle einfach so aufeinander losgelassen wird. „Eigentlich haben wir hier ganz normale Gehege“, beruhigt Michael Ernst. „Nur eben ganz raffiniert voneinander abgegrenzt, so dass der Besucher es kaum sieht. Da wir Tierpfleger von Anbeginn in die Planungen eingebunden waren, konnten wir auch Ideen einbringen und Bedenken anmelden, wenn die Architekten beispielsweise die Sprunghöhe unserer Schützlinge unterschätzt und der Optik wegen eine zu niedrige Barriere eingeplant hatten.“

Countdown in der Wildnis. Auch die Bewohner der neuen Gehege müssen noch einiges lernen. Die Tiere, die nahe der Außenmauern untergebracht sind, schlafen und fressen in der Regel in Räumen hinter den Kulissen, die sie zur richtigen Zeit finden müssen. Auf den Inseln im Inneren der Halle klettern unter anderem Affen- und Meerkatzenfamilien in den Wipfeln. Damit die Tiere nicht nachts über die Brücken ausbüxen, werden die wie Weidezäune unter schwachen, leicht zwickenden Strom gesetzt. Irgendwann verzichten die schlauen Kerlchen dann vorsichtshalber auch tagsüber auf Exkursionen.

Bis die ersten Besucher kommen, muss auch das junge Zwergflusspferd gelernt haben, dass man hinter der Glasscheibe nicht weiter schwimmen kann. Deshalb kleben dort für ein paar Tage noch Papierpunkte. Und dem Hornvogel, der hinter einem nahezu unsichtbaren Drahtgespinst lebt, helfen bis zur Eröffnung ein paar eingeflochtene Plastikstreifen, die Grenzen seines Zuhauses richtig einzuschätzen.

Nico Heinzelmann, der Chef der von Marché betriebenen Gondwanaland-Gastronomie, klettert auf ein Podest und beschreibt die Tafeln mit den Namen der asiatischen Gerichte, die auf dem Speiseplan stehen. Hier, zwischen Selbstbedienungs-Tresen und den großen Fensterscheiben mit Blick in den Urwald, herrscht zum Glück mitteleuropäisches Klima. Aber da schon das große Probekochen begonnen hat, dürfte auch das nur ein Teil des 45-köpfigen Gastro- Teams genießen können. „Wir haben schon alles trainiert und gekostet“, erzählt Heinzelmann. „Aber nicht immer ist etwas, das uns schmeckt, auch perfekt asiatisch. Doch dazu haben wir – so wie in der afrikanischen Kiwara- Lodge vorwiegend Mitarbeiter aus Afrika arbeiten – hier genügend Kollegen aus Asien. Die probieren jetzt alles und urteilen dann, ob es auch wie in der Heimat schmeckt.“

Alles wird noch mal überprüft: die Bootstouren auf dem Flusslauf, die, während man durch einen finsteren Vulkan gleitet, mit einer vierminütigen Multimedia-Exkursion auf den Urkontinent beginnen. Der Baumwipfelpfad, der bis unter das Dach führt. Der tropische Nutzgarten, in dem Ananas, Pfeffer, Kakao und vieles mehr gedeihen.

Kurz vor der offiziellen Eröffnung zieht als einer der letzten Neubewohner dann auch die Gruppe der Schabracken-Tapire ein. Eigentlich hätte Obertierpfleger Michael Ernst die Sensibelchen gern etwas früher an Ort und Stelle gehabt. „Aber die mussten erst sicher in die Reisekiste laufen. Und hier in der Halle war das Problem, dass ihr Gehege lange als Baustellenzufahrt fungiert hat. Jetzt muss zunächst noch das Gras wachsen, dann können sie umziehen.“

Im Laufe der kommenden Woche also treffen mit den Tapiren die größten Tiere ein. Am 1. Juli dürfen dann die Besucher kommen. „Wir rechnen mit einem Ansturm von täglich zehn- bis fünfzehntausend Gästen aus ganz Deutschland“, gibt sich der Zoo-Direktor äußerst optimistisch. „Deshalb haben wir in den kommenden Monaten auch erst mal keine außergewöhnlichen Veranstaltungen oder Sonderführungen geplant.“ Und die Tierwelt legt zunächst eine Einzugspause ein. Frei fliegende Vögel werden erst später unter dem Dach der Tropenhalle kreisen. Für sie gibt es dann den nächsten Countdown.

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