Deutschland : Wagnerlos glücklich

Bayreuth zeigt sich in der festspielfreien Zeit von seiner schönsten Seite. Das Markgräfliche Opernhaus ist das Glanzstück.

Maike Grunwald
Das Markgräfliche Opernhaus in all seiner barocken Pracht soll noch in diesem Monat den Sprung auf die Weltkulturerbeliste schaffen.
Das Markgräfliche Opernhaus in all seiner barocken Pracht soll noch in diesem Monat den Sprung auf die Weltkulturerbeliste...Foto: Maike Grunwald

Harald Hohl ist stolz auf sein Juwel. „Die meisten barocken Theaterhäuser sind abgebrannt. Es ist etwas Besonderes, dass unseres noch steht“, sagt er. Seit 33 Jahren ist der gemütliche Oberfranke Kastellan des Markgräflichen Opernhauses in Bayreuth. Er gehört dazu wie die Einrichtung, mit der er fast schicksalhaft verbunden ist. „Das Holz kommt alles aus demselben Ort wie ich: Spänfleck, zehn Kilometer von hier“, sagt der 53-Jährige und berührt vorsichtig die kunstvoll bemalte Wandverkleidung.

Wir sitzen in der Prunkloge des Markgrafenpaars Friedrich und Wilhelmine von Bayreuth. „Friedrich der Vielgeliebte“ lehnte der Legende nach allerdings lieber unten nahe der Bühne an der Balustrade, wo er den besten Blick auf die Beine der Tänzerinnen hatte. Seine Gemahlin war die Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, der dieses Jahr 300-jähriges Jubiläum feiert. Die preußische Prinzessin aus Potsdam liebte das Opernhaus – sie war nicht nur Intendantin und Regisseurin, sondern stellte sich zum Pläsier auch als Actrice auf die Bretter.

Noch in diesem Jahr soll das Markgräfliche Opernhaus, erbaut 1746 bis 1748, zum Weltkulturerbe erklärt werden. Der Antrag ist eingereicht, die Entscheidung soll Ende Juni bei der Unesco-Sitzung in St. Petersburg fallen. Bayreuths heimliches Schmuckstück würde die Anerkennung verdienen. Wenn man durch das schlichte Treppenhaus in den schummrigen Bühnensaal tritt, hält man erst einmal die Luft an. Die Holzeinrichtung, in Preußisch-Blau gehalten und mit goldfarbenen Ornamenten und Figuren reich geschmückt, ist an barocker Pracht kaum zu überbieten. Sie ist ein Werk des Bolognesen Giuseppe Galli-Bibiena, des berühmtesten Theaterarchitekten seiner Zeit. Bis auf die dezent eingepasste Bestuhlung und die gut versteckte Verkabelung ist fast alles noch wie vor 270 Jahren. „Nur der Vorhang nicht. Den soll Napoleon 1810 mitgenommen und seiner Frau geschenkt haben.1882 wurde er beim großen Theaterbrand in Wien zerstört“, sagt Hohl. Der Kontrast zwischen dem schlichten Äußeren und der fast schon verrückten Glorie im Inneren sorgt für einen Überraschungseffekt, der Besuchern oft ein lautes „Wow!“ entlockt. Auch wer es schon kennt, ist immer wieder überwältigt.

Stolzer Kastellan. Harald Hohl sorgt seit 33 Jahren für das Opernhaus.
Stolzer Kastellan. Harald Hohl sorgt seit 33 Jahren für das Opernhaus.Foto: Maike Grunwald

Ohne das Markgräfliche Opernhaus würde es die Wagner-Festspiele mit Sicherheit nicht geben. Weil Richard Wagner von diesem Prachtstück las, zog es ihn 1870 nach Bayreuth. Heute ist es umgekehrt: Die Festspielgäste kommen wegen Wagner – und landen oft nebenbei auch im Opernhaus. „Placido Domingo, Prinz Charles, die dänische Königin, Richard Burton, Schlingensief, alle waren hier. Loriot hat hier dereinst seinen 80. Geburtstag gefeiert“, sagt Hohl.

Trotzdem wird Bayreuths markgräfliches Schmuckstück immer im Schatten des Grünen Hügels stehen, auch als Weltkulturerbe. Davon ist der Kastellan überzeugt. „Siebzig Kilometer von hier weiß keiner mehr, was das Opernhaus in Bayreuth ist. So wird es auch bleiben“, sagt Hohl. „Über Wagner vergessen die Menschen alles andere. Aber es ist auch gut so, die Stadt lebt ja davon.“

Während der Richard-Wagner-Festspiele vom 25. Juli bis 28. August ist Bayreuth alljährlich im Ausnahmezustand. 58 000 Zuschauer sahen sich 2011 die Aufführungen an. Bis zu zehn Jahre muss man auf eine Eintrittskarte warten. Die Zimmerpreise schießen in die Höhe. Prominente sorgen auf dem Grünen Hügel für Blitzlichtgewitter. Danach, wenn die ganze Aufregung vorbei ist, kehrt wieder Ruhe ein in das weniger als 73 000 Einwohner zählende Städtchen. Danach lohnt sich ein Bayreuthbesuch aus vielen Gründen – nicht nur wegen der dann günstigeren Übernachtungspreise, sondern auch wegen der besonderen, authentischen Atmosphäre.

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