Reise : Die Tücke der Baumwurzel

Im bayerischen Oberaudorf hilft Deutschlands erste Bergwanderschule. Keiner soll mehr straucheln

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Hoppla, jetzt geht’s abwärts. Manchmal sind Flachlandtiroler in den Bergen einfach überfordert. Foto: www.fotex.de
Hoppla, jetzt geht’s abwärts. Manchmal sind Flachlandtiroler in den Bergen einfach überfordert. Foto: www.fotex.deFoto: www.fotex.de

Mit einem weiß-blau karierten Taschentuch wischt sich Wanderführer Markus Hartmann die Schweißperlen von der Stirn. Es ist heiß, der Himmel hat sein blauestes Blau über dem oberbayerischen Kaisergebirge aufgespannt, und die Wucht der Sonnenstrahlen wird nur gelegentlich von ein paar Schäfchenwolken gemildert. Hartmann führt unsere Gruppe auf einer Rundwanderung unterhalb des felsigen Brünnsteins. Aber seine Wangen glühen nicht nur wegen der sommerlichen Temperaturen, Hartmann kommt manchmal kaum zum Luftholen. Er beantwortet Fragen, während wir bei den Pausen verschnaufen, essen und trinken. Selbst im Gehen erklärt und gestikuliert Hartmann. Schließlich ist er nicht irgendein Wanderführer. Er gehört zu den sechs Guides der 1. Bergwanderschule Deutschlands in Oberaudorf, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, den Wandertouristen in eigens konzipierten Kursen möglichst viel über Gehtechnik und Orientierung am Berg beizubringen. Und so gibt es für unsere Gruppe an diesem Tag das volle Programm mit praktischen Übungen und Theorie zu Wetterkunde und Wanderstock, Kartenlesen und Kompass, Aufstieg und Abstieg.

„Im vergangenen Sommer waren wir noch die totalen Flachland-Tiroler“, erzählt Claudia Soemer, die mit ihrer Familie vor Jahresfrist bereits Urlaub im Kaisergebirge gemacht hat. Mittlerweile haben sie, ihr Mann Uwe und Tochter Tabea, aber einige Kurse bei der Bergwanderschule absolviert und fühlen sich „viel, viel sicherer am Berg“. Und das Selbstvertrauen steigt mit jeder neuen Übung: Wanderführer Hartmann hat seinen Gästen ein Paar Stöcke in die Hand gedrückt und gibt eine kurze Einführung in Sachen Gehtechnik. An einem Hang demonstriert er, wie man sich am besten verhält. Er macht kleine Schritte, setzt den Fuß mit Druck auf den Untergrund, damit er nicht wegrutscht und beugt den Oberkörper nach vorn, um das Gleichgewicht zu halten.

Natürlich bringt Hartmann den Gästen auch die richtige Stocktechnik bei: Er packt an den Griffen kräftig zu, setzt die eine Spitze auf den weichen Waldboden und deutet mit dem rechten Zeigefinger auf den 90-Grad-Winkel zwischen Ober- und Unterarm und sagt: „Knöchel, Gelenke und Knie werden um 15 Prozent entlastet.“ Er blickt in die Runde, nickt kurz und geht los. Gleichmäßig, langsam. Selbst im flachen Gelände lauere so manche Unwegsamkeit, erklärt Hartmann, warnt vor glatten Wurzeln – und vor Kühen, die plötzlich auftauchen können und nicht immer harmlos sind. „In Österreich gab es mal eine Herde, die mehrmals auf Wanderer losgegangen ist. Also aufpassen.“ Einige aus der Gruppe verziehen erstaunt die Miene, anderen kann man am Gesichtsausdruck ablesen, dass sie sich (noch) fragen, was das Besondere an dem Kurs sein soll. Wanderführer im Allgäu oder im Lechtal erklären auch die richtige Stocktechnik und warnen auch vor Wurzeln oder Kühen.

Zwei Stunden später sind die Skeptiker überzeugt. Hartmann hat auf der Seeon-Alm seine Wanderkarte über dem Holztisch ausgebreitet, dem die Sommersonne die Lackschicht von der Oberfläche gefressen hat. Seit einer halben Stunde erklärt er geduldig das Einmaleins des Kartenlesens und beantwortet konzentriert jede Frage. Selbst erfahrenere Wanderer können jetzt einiges lernen.

Gemeinsam zählt die Gruppe Höhenlinien – und rechnet. Jede steht für 200 Höhenmeter, wer heute zum Gipfel will, muss also bis auf 1800 Meter steigen. Weil der Weg dorthin aber gepunktet eingezeichnet ist, ist der Anstieg laut Hartmann nur für Geübte. Einfache Wanderwege sind hingegen mit durchgehend roten Linien gekennzeichnet. Ganz wichtig ist in den Augen des Wanderführers auch, vorab die Gehzeit zu berechnen, damit man sich nicht zu viel zumutet. „Die Höhenmeter geben darüber nur bedingt Aufschluss“, sagt der 62-Jährige. Wichtig ist auch die Weglänge, die jeder mit einem Lineal ausmessen könne. Vier Zentimeter auf einer gängigen Karte im Format 1:25000 entsprechen einem Kilometer. Nur wer diese beiden Faktoren bei der Routenplanung berücksichtige, sei auf der sicheren Seite.

Wieder prasseln Fragen auf Hartmann ein. Zwei, dreimal kommt er zwar ins Schwitzen, aber die Zweifel hat er ebenso schnell vom Tisch gewischt wie die Schweißperlen von seiner Stirn, für die er regelmäßig das blau-weiße Tuch aus seiner Hosentasche zerrt. Zum Schluss lächelt der Mann mit dem grau-weißen Vollbart in die Runde. „Noch Fragen?“

Das ist es, was einen Kurs bei der 1. Bergwanderschule einmalig macht: Hartmann legt seinen Gästen sein ganzes Wanderwissen zu Füßen und befasst sich ausgiebig mit jeder Frage. So lange, bis alle zufrieden sind. Diese individuelle Betreuung setzt sich beim Marschieren fort: Hartmann fühlt und denkt mit jedem seiner Schäfchen. Er ist nicht besserwisserisch oder herablassend, wenn er Claudia Soemer darauf hinweist, dass sie im Steilstück gerade drei Fehler auf einmal produziert hat und deshalb ins Straucheln geraten ist. Er nimmt sie zur Seite und erklärt ihr, dass sie unkonzentriert war, den Fuß auf eine Wurzel gesetzt hat, außerdem einen zu großen Schritt gemacht und vergessen hat, die Stöcke einzusetzen.

Hartmann fühlt sich auch verantwortlich, wenn jemand eine Frage einfach so in die bayerische Bergluft haucht – wie Gertraud zum Beispiel: Die Tirolerin hat gerade etwas über Kühe und die Almwirtschaft gemurmelt, schon ist der 62-Jährige zur Stelle und klärt die Gruppe auf, dass die Almbauern nur deshalb überleben können, weil sie rund 70 Euro pro Kuh erhielten, die sie im Sommer hier oben betreuen. Selbst das Getuschel der Kinder über die seltsame rote Gondel dort hinten im Bergwald vernimmt er und erklärt der ganzen Gruppe, dass mit dem Lift Baumstämme ins Tal transportiert werden.

In jenen Momenten, in denen niemand eine Anmerkung macht, bemüht sich Hartmann trotzdem, ein Stückchen Wissen an den Menschen zu bringen. Er bückt sich und zeigt den beiden mitwandernden Mädchen ein grünes Kraut am Boden. „Das riecht wie Kaugummi“, sagt Tabea. „Ist ja auch Pfefferminze“, antwortet Hartmann. Als er weitergehen will, erkundigt sich ein Gast nach den gelben Blumen daneben: „Da kann ich nicht helfen. Am besten, Ihr kauft ein Buch und schaut nach, wie die Dinger heißen.“ Die erste Frage, die unbeantwortet bleibt. Und die einzige.

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