Reise : Einfach mal nach drüben gucken

Bis 1989 gab es im Westen geförderten Tourismus zur innerdeutschen Grenze – Millionen Menschen stiegen auf Aussichtstürme

Joachim Göres
In Mödlareuth, dem gespaltenen Dorf, schaute man von Bayern nach Thüringen.
In Mödlareuth, dem gespaltenen Dorf, schaute man von Bayern nach Thüringen.

Gruseltourismus – auf diesen Begriff bringt Wolfgang Roehl seine Erlebnisse mit Reisenden, die an der innerdeutschen Grenze einen Blick nach Osten werfen wollten. Als Beamter des Bundesgrenzschutzes betreute Roehl in den siebziger Jahren viele Gruppen im niedersächsischen Duderstadt. Sie verbanden häufig einen Harzurlaub mit einem Abstecher an die Grenze – weil es dafür öffentliche Zuschüsse gab, wurde die Fahrt insgesamt billiger.

Doch es ging nicht nur ums Geld, wie sich Roehl erinnert: „Einige wollten nur gucken, und man merkte ihnen das Erschrecken an. Andere waren gespannt, wie sich die NVA-Soldaten wohl verhalten würden. Und einige wenige fühlten sich sehr sicher und schrien Schimpfwörter hinüber, um zu provozieren. Doch Reaktionen von der anderen Seite gab es darauf meist nicht.“

Zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Menschen fuhren bis 1989 jährlich an die insgesamt fast 1400 Kilometer lange Grenze, die die Bundesrepublik Deutschland von der Deutschen Demokratischen Republik trennte. Von Aussichtstürmen wurde ihnen ein Blick kilometerweit in die DDR geboten, an Informationspunkten konnte man sich über die Grenzsicherung und die politischen Hintergründe ihrer Entstehung aus westlicher Sicht informieren. 1978 gab es in Bayern 15 solcher Ausstellungen direkt an der Grenze, in Hessen 14, in Niedersachsen 27 und in Schleswig-Holstein zehn.

Wie die Orte an der Grenze aussehen müssen, die für Touristen interessant sein könnten, das bringt ein Lehrer aus der Nähe von Andernach auf den Punkt, der 1959 eine Reise an den „Eisernen Vorhang“ plant und auf der Suche nach authentischen Orten ist, die sich durch „wesentliche Gedenksteine, besonders interessante Sicht, unsinnige Grenzziehung“ auszeichnen. Als 1961 die Grenze völlig dichtgemacht wird, da versuchen findige Landräte oder Lokalpolitiker in Hitzacker, Kleinensee, Rappershausen und anderen Orten am Ende der westlichen Welt, aus dieser Lage einen Vorteil zu schöpfen, in dem sie bei der jeweiligen Landesregierung beziehungsweise in Bonn um Zuschüsse für den Bau von Aussichtstürmen werben, die Menschen von weit weg anlocken sollen.

Die Historikerin Maren Ullrich von der Universität Oldenburg hat sich in ihrer als Buch veröffentlichten Dissertation „Geteilte Ansichten“ mit diesem Phänomen beschäftigt. In ihrer Arbeit findet sich das Schreiben eines Mitarbeiters des Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen, das 1963 den Aussichtsturm Lauenstein in Bayern an der Grenze zu Thüringen mitfinanziert hatte. Im Brief an die örtliche Verwaltungsspitze kritisiert der Beamte, „dass der Turm in der heutigen Form ausschließlich ein Ausflugsziel ist, von dem aus man die Schönheit des Frankenwaldes bewundern kann. Die Hindernisse an der Demarkationslinie sind vom Turm aus nur an wenigen, nicht besonders markanten Stellen zu erkennen“.

Die Botschaft ist klar: Der Anblick der Grenze alleine reicht nicht aus, um das gesamtdeutsche Bewusstsein bei den Touristen zu heben. Am Aussichtsturm Lauenstein werden Panoramatafeln angebracht, die den Besuchern erklären, was sie sehen beziehungsweise was es früher einmal zu sehen gab.

Je länger die Grenze nämlich besteht, umso unsichtbarer wird sie. Auf östlicher Seite wird alles getan, um den Blick über den Zaun so langweilig wie möglich zu machen. Häuser werden abgerissen, Menschen aus dem Grenzstreifen ausgesiedelt, die ersten Sperranlagen schon weit vor der eigentlichen Grenze errichtet. Durch die ständige Modernisierung der Sperranlagen kann man nach Ansicht des Ministeriums für Staatssicherheit auf martialische Wachtürme und Drahtzäune verzichten: „Ein sauberer Anblick entlang der Grenze würde dem Gegner bei seinen Hetzvorträgen gewisse Argumente nehmen.“

Außer Wald und Wiesen erblicken die Reisegruppen höchstens mal ab und zu DDR-Grenzer in weiter Ferne, die wiederum mit ihrem Feldstecher die Touristen im Auge haben. Mit großen Fotos von der Sprengung von Gebäuden an der Grenze im Thüringer Landkreis Sonneberg im Jahre 1961 versuchen die Behörden in Bayern gegenzusteuern. Ullrich: „Angesichts dieser paradoxen Entwicklung konnten die Bilder von der Zwangsaussiedlung die Gemüter während der touristischen Fahrt entlang des Zaunes emotional aufladen und die Dimension der ,Unmenschlichkeit‘ wieder ins Spiel bringen.“

Krakelnde Jugendliche oder leichtsinnige Souvenirjäger, die die Grenze überschritten, um von den Grenzpfählen das DDR-Wappen abzumontieren, trübten nicht selten die Beziehungen zwischen den westlichen Bewohnern der Grenzorte und den Touristen. Nicht wenige Einheimische befürchteten, dass solche Vorfälle zu einer Verschärfung der politischen Spannungen zwischen West- und Ostdeutschland führen könnten, worunter vor allem die Grenzbewohner zu leiden hätten. In der Nähe von Wolfsburg ging die Grenze direkt durch das Doppeldorf Böckwitz-Zicherie – ein Umstand, der besonders viele Touristen anzog. „Die 300 Zicheriener wollten Respekt und nicht begafft werden. Die haben auch nicht von den jährlich 200 000 Besuchern profitiert, denn im Ort gab es kein Restaurant. Vielen war der ganze Rummel zu viel“, sagt die in den USA lehrende Historikerin Astrid M. Eckert, die zum Tourismus in der ehemaligen Grenzregion forscht.

Auch im klassischen Urlauberort Hohegeiß im Harz wurde der Grenztourismus mit gemischten Gefühlen gesehen. Mit dem Bau der ersten Befestigungsanlagen im Jahre 1952 blieben viele Gäste weg. Fortan wurde die Grenze in den Ortsplänen einfach ausgespart, um potenzielle Urlaubsinteressenten nicht zu verschrecken. Sie dürfte nicht unbedingt beruhigt haben, dass hier 1963 ein Flüchtling vor den Augen von Touristen erschossen wurde. Der Tagestourismus an die Stätte der Bluttat zog dagegen mächtig an.

Helmstedt dürfte die bekannteste westdeutsche Kommune an der ehemaligen Zonengrenze sein, denn sie lag an der am stärksten befahrenen Transitstrecke nach Berlin. 90 Prozent der Urlauber in Helmstedt kamen aus West-Berlin. Sie füllten fünf Campingplätze und fühlten sich hier mit einem Zweitwohnsitz mit einem Bein im Westen.

Diese besondere Form des Tourismus brach mit der Wende fast völlig zusammen. In der heute 28 000 Einwohner zählenden Stadt sieht man den Wandel im Tourismus dennoch nicht so dramatisch. „Natürlich hatten wir durch den Checkpoint Alpha bis 1989 viele Besucher, die nur wegen der Grenze kamen. Aber die Zahl der Übernachtungen hat sich im Vergleich zu damals nicht verändert. Allerdings müssen wir heute mehr tun, damit Reisende zu uns kommen, denn das touristische Angebot in Deutschland wird immer größer und die einstige Grenze als alleinige Attraktion reicht nicht mehr aus“, sagt Henning Schrader, Geschäftsführer der Tourismusgemeinschaft Elm-Lappwald. Er ist überzeugt, dass es bald mehr Menschen nach Helmstedt und in das nahe gelegene Marienborn zieht: „Vor allem junge Menschen, die das alles nicht mehr miterlebt haben, werden sich hier künftig auf die Spur der Geschichte begeben, da bin ich mir sicher.“

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