Italien : Der Claqueur von Verona

Seit 100 Jahren erklingen Arien in der Arena. Giancarlo Soave organisiert heute den Applaus.

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Große Bühne für große Opern. Die Arena von Verona gilt als größtes Freilichttheater der Welt.
Große Bühne für große Opern. Die Arena von Verona gilt als größtes Freilichttheater der Welt.Foto: Helge Bendl

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – vor allem jedoch diesem Anfang jetzt und hier. Zur blauen Stunde nach Sonnenuntergang, wenn sich der Vorhang der Nacht langsam über die Dächer der Stadt senkt. Die Hitze des Tages hat sich verzogen, in der milden Brise flattern die Fahnen, und im Amphitheater von Verona erlöschen, wie von unsichtbarer Hand gesteuert, nach und nach fast alle Scheinwerfer. Tausende von Lichtpünktchen flackern dann im Parkett und auf den Rängen, bewegen sich wie eine Kompanie von Glühwürmchen, die Ballett tanzt.

Als hier 1913 zum ersten Mal Verdis „Aida“ zur Aufführung gelangte, gab es keinen Strom an den Sitzplätzen in der Arena: Wer sein Libretto studieren wollte, musste eben eine Kerze mitbringen. Hundert Jahre später haben Liebhaber natürlich ihre Leselampen, doch das Ritual des Kerzenanzündens hat überlebt.

Auf der Bühne werden sie gleich die ganz große Oper geben und das ewige Lied von Freundschaft und Liebe spielen, von Hass und Eifersucht, von Erlösung und Tod. Unter freiem Himmel, ohne Mikrofon oder Verstärker, weil die Römer schon vor 2000 Jahren etwas von Akustik verstanden. Die Musiker im Orchestergraben sind trotz all ihrer einstudierten Professionalität ein wenig nervös, und das gilt auch für die Sänger, Solisten und vielen Statisten.

Bei einer typischen „Aida“ nach traditionell monumental inszenierter Veroneser Art umgibt ein Hofstaat von 500 Priestern, Soldaten, Sklaven, Dienern und Schaulustigen (und gerne auch ein paar Pferden) die nubische Prinzessin, die mit Amneris, der Tochter des Pharaos Ramses, ums Herz des ägyptischen Heerführer Radames kämpft. Die ersten Takte von Verdis Werk erlösen zwar die 15 000 Besucher in der Arena von der erwartungsvollen Erregung, die sich bei ihnen den ganzen Tag lang angestaut hat. Doch einer im Publikum bekommt feuchte Hände. Und konzentriert sich.

Entspannt in der Pause. Diese Darstellerin erholt sich in den Katakomben der Arena.
Entspannt in der Pause. Diese Darstellerin erholt sich in den Katakomben der Arena.Foto: Helge Bendl

Er kommt zu jeder Vorstellung, die ganze Opernsaison von Juni bis September, und braucht niemals eine Eintrittskarte. Er hat seinen festen Standort: von der Bühne aus gesehen rechts, etwas erhöht im Rang – bei Weitem nicht der beste Platz, aber einer, von dem aus er das Geschehen gut beobachten kann. Ob sie nun wie heute Abend „Aida“ geben oder wie in den nächsten Tagen „Nabucco“, „La Traviata“, „Il Trovatore“ und „Rigoletto“: Dieser Mann braucht kein Libretto, er kennt alle Opern auswendig, singt sie im Kopf mit.

Schwarze Hose, weißes Hemd, grau meliertes Haar mit Seitenscheitel, blitzende Augen, eine tiefe Baritonstimme, vor allem aber zwei flinke Hände, diese trotz der großen Beanspruchung ohne Schwielen. Giancarlo Soave ist der Claqueur der Arena di Verona. Er organisiert den Applaus der 14 999 anderen Zuschauer – ehrenamtlich, ohne Bezahlung.

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