Norwegen : Treffpunkt Hinkelstein

Viel Grün, 25 Menschen und 143 Schafe, das ist Nord-Hidle. Ein winziges Eiland vor der südnorwegischen Küste – mit erotischer Geschichte.

Monika Hippe
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Phallus im Garten: Inselführerin Terjer

Die rothaarige Frau mit den fröhlichen Sommersprossen umarmt den steinernen Phallus wie einen guten alten Freund. Der übermannshohe Menhir ist ein Relikt aus der ersten Besiedlung Norwegens und steht in ihrem Garten. Vor 2000 Jahren symbolisierte er Fruchtbarkeit, später wurde er zum Grabstein. Heute steht der ungewöhnliche Hinkelstein einfach nur noch da, bedeckt mit Moos und Altersflecken. „Viele Funde erzählen von der früheren Beziehung zwischen Mann und Frau“, sagt die Insulanerin Terjer Hidle. „Sie zeigen, dass sich daran bis heute kaum etwas geändert hat“, fügt sie lächelnd hinzu und führt die Gruppe weiter über den jahrtausendealten Kulturpfad auf ihrer Insel Nord-Hidle. Zwei weitere Phallussymbole aus der Bronzezeit, die hier gefunden wurden, stehen inzwischen im Museum in Stavanger, eine Schnellbootstunde weiter südlich.

Das hügelige Inselchen vor der südnorwegischen Küste ist mit eineinhalb Quadratkilometern kleiner als Helgoland und nur per Fähre oder Boot erreichbar. Die Besucher, hauptsächlich gebildete Frauen ab Mitte vierzig, kommen nicht nur wegen der erregenden Archäologie. Hier können sie abschalten und den Alltag vergessen. Denn das kleine Eiland ist ein Paradies der Stille. 25 Menschen wohnen hier – und 143 Schafe. Es gibt keine Autos, keine Motorräder, keine Rasenmäher. Nur der Wind raschelt im Apfelbaum, und ab und zu blökt ein Schaf. Terjers Stammgäste lieben die saftig grünen Hügel und den Blick aufs Meer. Sie schauen den Schafen zu, die unverdrossen das Gras kürzen. Und kommen zur Ruhe.

Wer Bewegung mag, schwimmt im Boknafjord oder fährt Fahrrad auf einer der wohl schönsten Teilstrecken der Nordseeroute, die hier vorbeiführt. Das Klima ist mild, es regnet selten und der Westwind trägt die Mücken mit sich fort. Nirgendwo in Norwegen liegt die Durchschnittstemperatur höher.

Vor einigen Jahren wurde die Stille einmal vom Ticken eines Weckers durchbrochen, den Terjer nach ihrem Landwirtschaftsstudium aus Oslo mitbrachte. „Ich habe ihn schnell entsorgt“, erzählt sie und macht eine wegwerfende Handbewegung. Trotzdem ist die Zeit für Terjer nicht stehen geblieben. Die temperamentvolle Unternehmerin war lange politisch engagiert, leistete Entwicklungshilfe in Bolivien und Tansania. Bis sie feststellte, dass das Gras woanders auch nur grün ist, dass es aber auf Nord-Hidle besonders intensiv leuchtet.

Seit ihrer Rückkehr züchtet sie Schafe, Weihnachtsbäume und Stechpalmen. Nun hockt sie inmitten junger, hellgrüner Nordmanntannen vor einem runden, weißen Stein. Sie erzählt, gestikuliert, faltet schließlich die blassen Hände und legt sie auf den heiligen Stein, wie auf eine Wahrsagerkugel. „Wer ihn berührt, soll acht Kinder bekommen“, ruft sie und schaut durch ihre eckige Brille erwartungsvoll in den Himmel. Zwei wikingerblonde Söhne hat sie schon. Mag sein, dass sie sich gerade sechs weitere Kinder wünscht oder zumindest den Mann dafür. Denn ihr Exgatte lebt jetzt auf der Nachbarinsel.

Sieben bewohnte Inseln mit insgesamt 3000 Einwohnern gehören zur Inselgruppe Sjernaroyane. Die Bedeutung des Namens ist umstritten. Laut Terjer könnte das Wort sjerna vom altnordischen Verb serda kommen, was so viel wie „beischlafen“ heißt und zum damaligen Fruchtbarkeitskult passt. Alle Inseln sind durch Brücken miteinander verbunden – bis auf Nord-Hidle. Deshalb bedeutet hier die Pflege sozialer Kontakte ständiges Inselhopping. „Dabei den Traummann zu finden, ist nicht ganz leicht. Wir haben zwar eine breite Autobahn vor der Tür“, sagt Terjer und zeigt auf das Meer, wo gerade ein Schnellboot vorbeiflitzt, „und die Fährverbindungen sind gut, doch spontan geht nichts. Alles muss geplant werden“, bedauert sie. Dann winkt sie ihrer Mutter zu. Die weißhaarige Frau will gleich mit der Fähre hinüber zur Kircheninsel tuckern, im Gotteshaus beten und den Pfarrer besuchen.

Morgens schippern die Kinder zur gegenüberliegenden Schulinsel. Einkauf und Behördengänge erledigt Terjer auf Finnoy, dem Sitz der Verwaltung. Immerhin gibt es Strom auf Nord-Hidle. Die ersten Seekabel für Elektrizität wurden Mitte der fünfziger Jahre verlegt. Vorher drehte sich noch die Windmühle, die ihr verstorbener Vater baute, damit sie Licht hatten und bügeln konnten.

Seit Terjer ihren eineinhalbstündigen Spaziergang zu den Ausgrabungen vergangener Epochen mit erotischen Geschichten aufpeppt, kommen immer mehr Männer, Firmenmitarbeiter verlegten sogar schon ihren Betriebsausflug hierher. Auf Vorbestellung kocht Terjer dann Menüs, die nicht nur die kulinarische Lust entfachen: Rosengelee in Marzipan soll die Sinne benebeln, Lammbraten in Liebstöckelsoße den Eisprung fördern. „Das Gewürz hilft schließlich auch bei der Ovulation von Kühen“, sagt Terjer schmunzelnd. „Die erotischen Menüs sind lecker und amüsant. Es ist ein Gag. Wir lachen dabei immer viel“, erzählt sie den Besuchern. Die sitzen jetzt beim Kaffee auf der Bank unter der Rosenhecke und probieren Marzipanpralinen.

Seitdem sie das Erotiklexikon studiert hat, wachsen in Terjers Garten lustweckende Kräuter und Gemüse. Auf den Tellern ihrer Gäste kullern Zutaten, die durch Form, Farbe, Geruch oder Geschmack an das „Schönste auf der Welt“ erinnern sollen – wie Möhren, Erdbeeren oder Tomaten. Ob Terjers Vater schon von der erotischen Wirkung dieser „Liebesfrüchte“ wusste, ist unklar. Jedenfalls hat er schon 1938 Tomaten angebaut. Heute gedeihen auf den „Tomateninseln“, wie Sjernaroyane auch genannt wird, mehr als ein Drittel der norwegischen Landesproduktion. Und irgendwie scheinen all die Fruchtbarkeitssymbole aus Stein und Gemüse tatsächlich die Gebärfreudigkeit zu steigern: denn auf Nord-Hidle sind die Hälfte der Einwohner Kinder und Jugendliche.

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