Rumänien : Die Hoffnung der Wölfe

Ökotouristen zieht es nach Transsilvanien - Wildtiere beobachten. Jäger und Investoren sind jedoch ihre Rivalen.

Marc Vorsatz
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Transsilvanien. Der Landstrich in den rumänischen Karpaten ist dünn besiedelt, die Natur noch intakt. Die Zeit scheint...

Ein fernes Heulen zerreißt die Nacht. Unerwartet ist es da. Ein Heulen, das Angst macht. Der Leitwolf ruft, die Meute folgt. Heute Nacht wird Blut fließen in Transsilvanien. Wie eh und je in diesem Landstrich. Sofort vergessen die Gäste ihr Erdbeerkompott und die bis dahin munter plätschernde Unterhaltung. „Sie werden kommen, schon bald“, sagt Hermann Kurmes. Der 55-jährige Siebenbürger Sachse ist Experte in Sachen Wildtiere, engagiert sich seit Jahren für Wolf, Bär und Luchs. Er betreibt eine Öko-Pension und bietet Tierbeobachtungen im Nationalpark Piatra Craiului. Ein lebensgefährlicher Job im postkommunistischen Rumänien. Nicht wegen der Bären, nicht wegen der Wölfe ...

Das Geheul des Rudels wird intensiver. Irgendwo da draußen schauen sieben, acht hungrige Räuber hinab ins Tal, auf die einsamen Gehöfte von Magura, die ihnen Leben schenken oder nehmen. „Die Tiere sind nach dem Winter ausgemergelt. Die Wölfinnen können nicht mehr jagen. Bald bringen sie ihre Welpen zur Welt.“ Ganz winzig und süß seien sie dann, wie Wollknäuel, gerade so groß wie eine Hand, blind und taub. Das heißt, die Rüden müssen jetzt Beute machen. „Sonst stirbt das ganze Rudel“, sagt Kurmes.

Die deutschen Urlauber sollten Verständnis zeigen. Sitzen sie doch in einer warmen Pension und haben sich soeben an bodenständiger Siebenbürger Küche gelabt. Hermanns deutsche Ehefrau Katharina aus dem Siegerland hat Sarmale gekocht, Krautwickel mit frischem Mett, das rumänische Nationalgericht. Der Kohl kommt aus dem eigenen Garten, das Fleisch vom Gehöft nebenan. Alles Bio. Nicht, weil das en vogue ist, sondern weil die Menschen seit jeher mit und von der Natur leben. Das Geld war immer schon viel zu knapp, Chemiedünger und Turbofutter waren da nicht drin.

Ob die Wölfe bis ins Dorf kommen? Vermutlich ja, wahrscheinlich sogar. Wann? Irgendwann, im Schutz der Nacht. Die Beute? Ein Hund, ein Schaf – wer weiß das schon?

Warum es denn so gefährlich sei, sich im Piatra Craiului, immerhin ein Nationalpark in der Europäischen Union, für den Tierschutz zu engagieren?, wollen die Gäste wissen. Überall auf der Welt gebe es für Karnivoren, also Fleischfresser, sowie deren menschliche Beschützer traditionell drei Feinde: erstens die Bauern, zweitens die Jäger und drittens – die Investoren. Dies gelte in besonderem Maße auch für Transsilvanien, dem „Land jenseits der Wälder“, erklärt uns ein Freund des Hauses, Aktivist des WWF Romania, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Dieser Teil der Karpaten, seit der deutschen Besiedlung auch Siebenbürgen genannt, zählt zu den schönsten, ursprünglichsten Landschaften Rumäniens, vielleicht sogar Europas: karge Gebirgsgipfel, dichte Urwälder, fruchtbare Täler, frische Luft und sauberes Wasser. Dünn besiedelt ist die Region. Außerdem gibt es hier die größte Braunbärenpopulation des Kontinents, seit jeher kaum industrielle Dreckschleudern und mit dem Untergang der Planwirtschaft noch viel weniger davon. Dafür findet man das kulturelle Erbe der Siebenbürger Sachsen, etwa die einzigartigen Kirchenburgen. Dazu lebt der Kult um Bram Stokers fiktiven „Dracula“ und den realen Volkshelden Vlad Dracul, der das Land einst von den Türken befreite.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Menschen hungern, werden Bären und Wölfe gnadenlos abgeschossen und verzehrt. Anfang der fünfziger Jahre leben gerade noch 860 Bären in Siebenbürgen. Doch dann entdeckt der kommunistische Diktator Ceausescu sein Herz für die Vierbeiner und lässt sie unter rigider Strafandrohung schützen – um sie sich anschließend vor die eigene Flinte treiben zu lassen. Gern ballerte er mit Honecker, Tito und Co. um die Wette. Mehr noch als die Jagd liebte der rumänische Staatsmann harte Währung, also verscherbelte er von den 1970er Jahren an Abschusslizenzen in den Westen. Der Tierbestand sank erneut, daraufhin wurden die Strafen für heimische Wilderer noch härter und die Kommunisten ließen fleißig zufüttern. Sogar Kreuzungsversuche zwischen dem europäischen Braunbären und dem – größeren – amerikanischen Grizzly soll Ceausescu angeordnet haben. Als ob so ein 200-Kilo-Braunbär nicht beeindruckend genug wäre. Den Gästen ist erst gestern einer begegnet. Nicht im tiefen Wald, nein, beim Stadtbummel durch Brasov, dem früheren Kronstadt, als er eine Mülltonne nach Essbarem durchsuchte.

Ob eine Begegnung mit Wolf und Bär gefährlich sei? Schließlich wollen die Besucher morgen auf Beobachtungstour in die Wolfsschlucht. „Eine typisch westeuropäische Angstphobie“, sagt der ehemalige Lehrer Hermann lachend. Er hat 20 Jahre lang in Göttingen gelebt, dort Sport und Bio unterrichtet, und ist dann als einer der wenigen in seine alte Heimat zurückgekehrt.

„Die Tiere greifen den Menschen grundsätzlich nicht an. Ausnahme: Bären fühlen sich in die Ecke gedrängt oder eine Bärin ist mit ihren Jungen unterwegs.“ Gebührender Abstand sei also angesagt. Ein Braunbär sei schließlich kein Teddy. Und Wölfe zu Gesicht zu bekommen, sei sowieso ein echter Glücksfall. „Sie beobachten uns, aber wir sehen sie nicht. Wenn wir morgen Nacht durch den Wald streifen und ihr Heulen hören, keine 50 Meter entfernt, dann bekommt ihr eine Gänsehaut, versprochen.“ Selbst ihm ginge das noch immer so, sagt Hermann.

Nur wenn ein Wolfsrudel Schafe reißen will, nimmt es die Konfrontation mit dem Menschen in Kauf. Die kräftigen Hirtenhunde verteidigen Schäfer und Schafe bis aufs Blut. „Ich kann die Bauern verstehen“, erklärt der WWF-Mann. „Von Anfang 2008 bis jetzt haben Wölfe und Bären allein hier im Dorf fast zwei Dutzend Schafe, zwei Kühe, ein Kalb, einen Esel und ein Pferd gerissen.“ Der klirrend kalte Winter hatte die Karpaten fest im Griff, und die Wölfe holten sich dann nachts schon mal einen Hund von der Kette. Was soll man denn einem Bauern sagen, der gerade einen treuen Wachhund oder eine Stute auf der Weide verloren hat? Die Antwort sei relativ einfach: „Strom.“ Also versorgen die Naturschützer die Bauern mit Elektrozäunen. An der Umsetzung im Freien hapert es noch, aber im Winter sind die Ställe immerhin schon recht sicher. Es geht also.

Viele Höfe – und deren Bewohner – sehen hier heute noch so aus, als hätte der liebe Gott irgendwann einmal um 1900 einfach die Uhr angehalten. Fast surreal. Kein Wunder also, dass auch Hollywood hier ein paar Streifen gedreht hat. Das amerikanische Bürgerkriegsepos „Cold Mountain“ mit Nicole Kidman, Jude Law und Renée Zellweger zum Beispiel.

Ähnlich wie im Krieg geht es zuweilen auch im realen Siebenbürgen zu, nämlich immer dann, wenn zur großen Jagd geblasen wird. Denn die Hatz auf Trophäen ist offensichtlich nicht an das alte politische System gebunden. Was einst die Parteibonzen veranstalteten, erledigen heute die Reichen und Einflussreichen aus Rumänien und Westeuropa. Allen voran Ion Tiriac, früher Tennisprofi, dann Bum-Bum-Becker-Manager, heute Milliardär und – Großwildjäger. Mit Freunden wie Wolfgang Porsche, Prinz Max Emanuel von Thurn und Taxis oder dem spanischen König legt sich der Lebemann gerne mal auf die Lauer. Juan Carlos soll einmal an einem einzigen Tag neun Bären zur Strecke gebracht haben. Das war 2006. Ein Jahr zuvor erlegte Tiriac mit prominenter deutscher Unterstützung 300 Wildschweine, Wölfe, Rehe, Luchse und Braunbären. Weil die kapitalkräftigen Sportsfreunde bevorzugt kapitale Burschen schießen, leidet obendrein der genetische Pool, die Fertilität nimmt ab. So schrumpfte die Bärenpopulation von 8000 Stück zu Beginn der neunziger Jahre inzwischen auf die Hälfte.

Gegen die mächtigen Männer können die mickrig ausgestatteten Tierschützer kaum etwas ausrichten. Filz aus Politik und Geld will bauen, und zwar in großem Stil, auch im Nationalpark Piatra Craiului. Das ist die größte Gefahr für Wolf und Bär. Wenn erst einmal Luxusdomizile in die Täler betoniert und Autopisten durch die Schluchten asphaltiert werden, ist das wilde Herz Europas domestiziert.

Allein, die weltweite Rezession hat Transsilvanien nicht vergessen. „In so einer Krise steckt ja auch immer eine Chance“, sagt Katharina hoffnungsvoll. „Vielleicht beginnen diese Menschen jetzt endlich zu begreifen, dass wir alle am meisten gewinnen, wenn sie ihre Planierraupen unten in der Stadt lassen.“

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