Reise : Goedenmorgen am See

Entwicklungshilfe in Mecklenburg: Wie eine holländische Familie einen Campingplatz modernisiert

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Holländisches Quartett. Niek, Douwe, Coralie und Marianna (von links). Foto: Elke Weiler
Holländisches Quartett. Niek, Douwe, Coralie und Marianna (von links). Foto: Elke Weiler

Die Camperin schaut misstrauisch gen Himmel. Sie steht unter dem Vorzelt ihres Wohnwagens, der mit Spitzengardinen und Topfpflanzen ausgestattet ist. Dann spannt sie ihren Schirm auf und geht vorsichtig los. Sie hat Strickzeug und „Super-Illu“ beiseitegelegt und will zu den Sanitäranlagen des Campingplatzes. „Aber es regnet doch kaum“, ruft ihr eine kleine Frau im lila Leinenkleid zu, die ihr auf dem Waldweg entgegenkommt: Marianna von Schmidt, die Betreiberin des Campingplatzes. Na ja, mit Schirm sei man doch sicherer, ein paar trockene Fäden am Leibe zu behalten, sagt die erfahrene Dauercamperin. Marianna von Schmidt schüttelt lachend den Kopf und geht weiter über ihren Platz mitten in der Natur, an der Grenze zwischen Mecklenburg und Brandenburg. Ein Engel aus Glas, den sie an einem Lederband um den Hals trägt, wippt auf und ab.

In dieser kleinen Szene sind soeben zwei Welten aufeinandergeprallt, oder auch: die Vergangenheit und die Zukunft des Campens. Skat und Häkeln, Jägermeister und Pulverkaffee und ältere Dauercamper mit Gartenzwergen vor dem Wohnwagen verbindet man oft mit der Vergangenheit der Zeltplätze. Wie die Zukunft des Campings aussehen könnte, kann man hier beobachten: im Naturcamp am Ellbogensee. Seit 55 Jahren existiert der Campingplatz auf dem zwölf Hektar großen Areal bei Fürstenberg, 100 Kilometer nördlich von Berlin. Sogenannte Naturzeltplätze haben im Osten, vor allem in Mecklenburg, eine lange Tradition – noch Jahre nach der Wende zeichneten sie sich vor allem dadurch aus, dass es dort wenig außer eben Natur gab – vor allem keinen Komfort, etwa bei den Sanitäranlagen.

Vor fünf Jahren stand der Campingplatz am Ellbogensee zum Verkauf und zufällig waren Marianna von Schmidt und ihre Familie just im Urlaub in Mecklenburg. Die gebürtigen Holländer lebten damals noch in ihrer Heimat und gingen ganz anderen Berufen nach. Marianna arbeitete bei der Stadtverwaltung in Amsterdam, ihr Mann Niek Kuijs, ein gelernter Lebensmittelchemiker, als Betreuer geistig Behinderter. Sie hätten sich in „die Ruhe und den Sternenhimmel“ am Ellbogensee verliebt, sagt Marianna von Schmidt. Deshalb gaben sie ihr Leben in Holland auf. „Wir haben es noch keine Millisekunde bereut.“

Dann hatten sie die Idee, den Campingplatz so herzurichten, „ wie wir ihn selbst gern hätten – zum Beispiel mit sehr gutem Kaffee und Bio-Essen“. Außerdem auf der Wunschliste: Kunst, Kultur, Spiritualität und viel Verständnis für Kinder. Das alles wollten sie ihren Gästen bieten. Also krempelten sie den alten Campingplatz gehörig um, sozusagen in eine Außenstelle von Prenzlauer Berg – nur ohne den Trubel der Großstadt. Weitgehend nach ökologischen Standards und entworfen von einem niederländisch-schweizerischen Architekturbüro bauen sie soeben eine kleine Mehrzweckhalle. Dort sollen bald Yoga- und Meditationsseminare angeboten werden, eine kleine Bibliothek entsteht und demnächst soll auch ein Theaterfestival stattfinden.

Schon fertig ist ein helles Gebäude oberhalb des idyllischen Sees. Ein Bio- Tante-Emma-Laden ist dort eingezogen. Und vor allem ein Café, das durchaus auch in Szenebezirken mit der Konkurrenz mithalten könnte. Auf einer Designer-Anrichte steht ein riesiger Feldblumenstrauß; an der Wand hängt ein verschnörkelter Spiegel mit goldfarbenem Rahmen; gleich daneben ist die Spielecke für Kinder.

„Chai Latte“, also Milchtee, steht auf der Karte – und Bio-Bier. Zwei große Espressomaschinen aus Italien prunken hinter der Theke. „Man bekommt bei uns immer etwas zu trinken“, sagt Marianna von Schmidt. „Sieben Tage die Woche von 8 bis 20 Uhr“. Den Barmann spielt Marianna Schmidts Schwiegersohn, Douwe Tromp, der mit Mariannas Tochter Coralie ebenfalls aus Holland hergezogen ist. Die beiden haben zwei kleine Kinder, Silke und Jonah, die den ganzen Tag über den Platz wuseln und mit den Gästekindern spielen.

Douwe Tromp stellt einen Caffè Latte auf den Tresen: Auf dem Milchschaum prangt ein Herz, so wie es sein soll. Den Kaffee trinken Gäste vorzugsweise auf der Terrasse im Hängemattensessel. Von hier aus schauen sie über eine Wiese zum See. Ruhe liegt über dem Platz. Und das, obwohl Marianna von Schmidt eben erzählt hat, dass sie die verordnete „Mittagsruhe“ abgeschafft haben, die hier traditionell gepflegt wurde. Die Kinder sollten durchgehend auch mal etwas lauter spielen dürfen. Schließlich sind sie Mariannas Lieblingsgäste. „Wir nehmen nur noch Dauergäste, die Kinder haben“, sagt sie. Wer nur für ein paar Urlaubstage kommt, muss jedoch nicht unbedingt Nachwuchs haben. „Es gab schon Probleme mit älteren Stammgästen, die vor unserer Zeit am Ellbogensee campten. Manche sind weggegangen“, sagt Marianna von Schmidt. Sie habe ihnen nicht hinterhergeweint: „Dafür sind andere gekommen.“ Vor allem Berliner und Hamburger – unter ihnen mancher Akademiker – haben es sich auf den 220 Stellplätzen bequem gemacht, im Halbschatten zwischen Kiefern, auf der Anhöhe neben Erlen oder auf der Wasserwandererwiese in der Sonne.

Boote stehen zum Verleih, und bald sollen die Gäste hier sogar lernen, ihre eigenen Kanus zu bauen: Douwe Tromp und Coralie sind gelernte Bootsbauer und wollen entsprechende Kurse anbieten.

Kinder stehen zwar im Mittelpunkt, doch es gibt kein Animationsprogramm für sie. Sie sollen hier vor allem Freiräume finden, sagt Marianna. „In der Großstadt sind Kinder ständig unter Obhut. Hier ist das nicht nötig.“ Fünf der zwölf Hektar seien für die Kleinen zum Herumtollen bestimmt, zum Hütten bauen und Tiere beobachten. Rehe kommen manchmal ganz nah, Igel und ein Marder, der, na ja, gefüttert wird. Mitten auf dem Campingplatz, im Kiefernwald, hat die Familie einen Naturspielplatz mit Seilgarten, Klettermikado und Nestschaukel gebaut.

Und noch etwas ist hier anders als auf anderen Campingplätzen: Die Waschmaschinen und Duschen in dem hellen Sanitäranlagen-Pavillon funktionieren ohne Münzen – im Vertrauen darauf, dass Gäste sparsam mit Wasser umgehen.

Camp am Ellbogensee 1, 17255 Wesenberg; Telefon: 03 30 93 / 321 73, www.ellbo gensee.de, Übernachtungspreise: Minizelt 4,75 Euro, Normalzelt 7,75 Euro, Wohnwagen 8 Euro sowie immer 4,95 Euro pro Erwachsener; ähnliche Campingplätze findet man unter www.bio-natur-urlaub.de

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