Il Borro : Ein Dorf wird Dornröschen

Lange war Il Borro ein trister Flecken in der Toskana. Dann kam Salvatore Ferragamo – und machte den Ort zum Schmuckstück

Carolin Gagidis-Rappenberg,Kristin Oeing

Beim morgendlichen Gang über die alte Steinbrücke des Dorfes wirken die verwinkelten Gassen wie ausgestorben. Friedlich und ruhig, fast unwirklich – märchenhaft. Kein Autolärm, keine hektisch eilenden Menschen. Die Bänke auf dem Marktplatz sind verlassen, die Türen der Häuser verschlossen. Die Ruhe ist Balsam für Ohren und Seele. Mitten im magischen Dreieck der Toskana, zwischen Arezzo, Florenz und Siena, weit weg vom Massentourismus liegt Il Borro.

„Wir sind nur noch acht Bewohner“, sagt Marta Mencattini, „aber eine feste Gemeinschaft.“ Auf dem Weg zu ihrem Haus mit der eigenwilligen blauen Treppe schweift der Blick der 63-Jährigen über die Wälder, die Il Borro sanft umschließen. Leise sagt sie: „Die Hülle des Dorfes hat sich verändert, aber nicht seine Seele.“

1993 wohnten noch 25 Menschen in Il Borro. Unter ihnen auch Marta. „Das Dorf war kaum mehr bewohnbar“, sagt sie und zieht an ihrer Zigarette. Ihr Blick schweift über den Dorfplatz vor dem alten Kirchturm. Mit einem Seufzer atmet Marta den Rauch aus und streicht sich mit der Hand widerspenstige Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Alles war kaputt, ganze Wände eingestürzt, die Wege waren eine Katastrophe.“ Trotzdem blieb sie. Aus Liebe zu dem Dorf, in dem sich die Bewohner sonntags zur Messe in der kleinen weißen Dorfkirche trafen. „Damals gab es noch keine Bänke auf dem Marktplatz“, sagt sie und klopft mit der Handfläche auf die ausgetretene Steinstufe, auf der sie sitzt. „Die hier haben uns gereicht.“

Il Borro, erstmals im Jahr 1039 schriftlich erwähnt, stand kurz vor dem endgültigen Zerfall. Der Herzog von Aosta, ein Cousin des letzten Königs von Italien, dem der alte Adelssitz samt Dorf gehörte, zeigte nur wenig Interesse an seinem Besitz – vielleicht konnte er ihn nicht retten, vielleicht wollte er es nicht. Keiner weiß das so genau. Während er in seiner prächtigen Villa auf einem Hügel über den Dächern von Il Borro thronte, verfielen die Ländereien, verwilderten die Weinberge. Viele Bewohner gaben auf, zogen weg. Nur ein paar Hartgesottene hielten an ihrem Hügelidyll am Fuße des über 1500 Meter hohen Pratomagno-Gebirges fest.

Dann kam die Wende: Salvatore Ferragamo, der Enkel des bekannten Modeschöpfers aus Florenz, befand sich auf einem Jagdausflug durch die Wälder rund um Il Borro. „Ich habe mich gleich in den Anblick dieses Dorfes verliebt.“ Salvatore trägt den gleichen Namen wie sein Großvater, der mit Schuhen für Marilyn Monroe, Sophia Loren und Audrey Hepburn ein millionenschweres Modeimperium aufgebaut hatte. Doch er ist aus anderem Holz geschnitzt. Die Hektik der Modebranche ist ihm zuwider, er liebt das ruhige Landleben, und so zog er sich aus dem florierenden Unternehmen zurück. In lässigen Jeans sitzt er in seinem Empfangszimmer im ehemaligen Herzogspalast, stützt die Unterarme auf den Holztisch und drückt die Fingerspitzen aneinander. Die Streifen seines Hemdes haben die gleiche blaue Farbe wie seine Augen. „Für mich stand fest – das will ich haben“, sagt Salvatore. Was sein Vater Ferrucio Ferragamo für den königlichen Besitz samt Dorf und Palazzo bezahlt hat, darüber sprechen die Ferragamos nicht. „Zahlen verderben die Poesie der Geschichte“, erklärt Salvatore knapp.

Im Dorf sind sie sich einig: Die Ferragamos waren ihre Rettung. Niemand wurde gezwungen wegzuziehen. Die Ferragamos schafften Arbeitsplätze, restaurierten das gesamte Dorf. Über dem Ende einer römischen Steinbrücke erheben sich die Fassaden. Der Blick auf Il Borro hat Postkartenqualität. Aus einem tristen und heruntergekommenen Flecken in der Toskana wurde ein Schmuckstück, das nicht künstlich wirkt, sondern aussieht, als hätte es nur sein Gesicht geliftet. An einigen Wänden bröckelt der Putz ab, an anderen rankt sich der Efeu empor – kleine Schönheitsfehler erhalten den Charme. „Die erste Phase des Umbaus ist jetzt abgeschlossen“, verkündet Salvatore.

Die hatte vor etwa acht Jahren begonnen. Der Goldschmied Massimo Sacchetti erinnert sich: „Salvatore rief mich an und fragte, ob ich in Il Borro ein Geschäft eröffnen wolle. Ich müsse auch keine Miete zahlen. Da habe ich sofort zugesagt.“ Als der 37-Jährige ins Dorf kam, liefen die Restaurierungsarbeiten auf Hochtouren. „Il Borro war eine riesige Baustelle. Alles wurde erneuert.“ Zeitgleich mit ihm kamen vier weitere handwerkliche Kunstbetriebe, die gleiche Angebote bekommen hatten. Besucher können heute beim Entstehen der handgearbeiteten Flechtstühle, filigraner Glaskeramik, exklusiver Lederschuhe oder Möbel aus dem Holz von Olivenbäumen zuschauen.

„Erst in den Abendstunden wird Il Borro richtig wach. Dann haben wir viel zu tun“, sagt Massimo Sacchetti. Der junge Goldschmied fertigt Schmuckstücke nach antikem und mittelalterlichem Vorbild an. „Jedes Stück von mir ist ein Unikat“, sagt er und dreht einen wuchtigen Goldring in seinen Fingern, die Kopie eines Eherings des langobardischen Königshauses.

Salvatore Ferragamo liebt Kunst, „vor allem das traditionelle Handwerk“. Er sieht sich auch als Kunstförderer. Ähnlich geht es ihm mit dem Wein. Seine Leidenschaft ließ die Produktion von 6000 Flaschen im Jahr 1999 auf etwa 150 000 Flaschen im Jahr 2007 anwachsen. Mittlerweile lagern 700 Weinfässer in seinen Kellern.

Immerhin 65 Arbeitsplätze wurden in Il Borro geschaffen. Die meisten Angestellten kommen aus dem Nachbarort San Giustino Valdarno. Dank Salvatore kann auch Marta Mencattini in Il Borro bleiben. Ihr Haus ist frisch renoviert, ihre Stelle bei den Ferragamos im Hotel sicher. Für sie ist Il Borro keine Märchenkulisse, sondern Schauplatz des realen Lebens. Die wenigen Touristen, die vor allem aus Japan, Amerika, England, aber auch aus Deutschland kommen, schätzen das ruhige Treiben im Dorf. Einen Urlaub in Il Borro kann sich allerdings nur ein ausgewählter Kreis leisten. Eine Woche in der Villa kostet stolze 33 600 Euro – inklusive Butler und Zimmermädchen. Ein Apartment ist in der Nebensaison ab 200 Euro pro Nacht zu haben. Gäste wie Camilla Parker Bowles, Caroline von Monaco oder Don Johnson können sich das leisten. Für den kleineren Geldbeutel bieten zahlreiche Agriturismo-Höfe, die italienische Variante von Ferien auf dem Bauernhof, preiswerte Übernachtungsmöglichkeiten in der Region.

Schon bald wird in Il Borro „Phase zwei“ beginnen. „Wir wollen den Weinanbau maximieren, ebenso wie das Freizeitangebot. Schon heute werden Besuchern Heißluftballonfahrten, Reitausflüge oder geführte Fahrradtouren angeboten“, schwärmt Salvatore. „Trekkingwege und Panoramastraßen bieten zudem atemberaubende Ausblicke über die ganze Region.“ Seine Hände fahren durch die Luft, ballen sich zu Fäusten. Ein gespannter Flitzebogen, der nur darauf wartet, seine Pfeile abzuschießen. Il Borro: seine Leidenschaft. Bewusst versucht Salvatore, sein Herzstück von dem Familiennamen abzukoppeln. So gibt es kein Ferragamo-Geschäft im Ort. Nirgendwo, weder auf Weinflaschen noch in den Hotelprospekten, entsteht ein Zusammenhang zur berühmten Modemarke. „Il Borro“ soll ein Markenzeichen werden. Salvatores Lebenswerk, abseits der Fußstapfen seines Großvaters.

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