Interview : Bukarest ist die Metropole der Gärtner

Warum ein deutsches Ehepaar Bukarest lieben lernte und Rumänien mehr Besucher wünscht.

Renate Nimtz-Köster
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Brücke der Begegnung. EU-Berater Gerhard Köpernik mit seiner Frau in Bukarest. Mit reichen Erfahrungen kehrt das Paar nun nach...Foto: Nimtz-Köster

Insgesamt fünfeinhalb Jahre haben die Autorin Herma Kennel und ihr Mann Gerhard Köpernik, Jurist, EU-Berater und Präsident der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft in Berlin, in Bukarest gelebt, darunter auch einige Zeit in der kommunistischen Ära unter Ceausescu. Jetzt kehrt das Ehepaar nach Berlin zurück.

Bei 37 Grad müssen Sie nun, im August, Ihre Koffer in Bukarest packen, atmen Sie auf?


Herma Kennel: Wir hätten es noch länger ausgehalten, es fällt uns schwer, von hier wegzugehen.

Was mögen Sie am heißen Sommer in der rumänischen Hauptstadt?


Kennel: Die Bukarester lieben Blumen, Scharen von Gärtnern graben und pflanzen bunte Ornamente inmitten der endlosen Boulevards, in jedem noch so kleinen Vorgärtchen blüht es, nicht so geordnet wie zu Hause, schön durcheinander. Es gibt auch prächtige alte Parks, in denen immer etwas los ist, Musik und Tanz auf großen Bühnen. Überall sind jetzt neue Parkbänke aufgestellt worden …

… unter denen Straßenhunde Schatten suchen …


Kennel: … wir haben selber einen von ihnen betreut.

Gerhard Köpernik: Bukarest ist eine Stadt, in der Extreme und Gegensätze dicht beieinander liegen. An jeder Ecke gibt es hier Schönes, Skurriles, Hässliches: Fette Schoßhündchen und abgemagerte Streuner, protzige Limousinen und Pferdegespanne, mit denen Roma Alteisen einsammeln. Es sind auch die Roma, die im grünen Overall der städtischen Müllabfuhr täglich die Straßen sauberkehren. Um die Ecke häufen sich dann schon wieder Plastiktüten und Abfall, einfach weggeworfen. Aber: Soeben sind am Boulevard Decebal, wo wir zuletzt gewohnt haben, drei nagelneue Container zum Mülltrennen aufgestellt worden.

Was hat die neue Zeit den Bukarestern noch gebracht?


Kennel: Ihr Alltag hat sich, im Vergleich zur Ceausescu-Zeit, vollkommen verändert: Wer Geld hat, kann alles kaufen, statt Mangel herrscht Überfluss, nicht selten Maßlosigkeit. Viele Rentner allerdings haben nicht genug zum Leben.

Köpernik: Vor allem aber gibt es seit der Wende eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit, von der die zum Teil sehr schrillen Medien auch regen Gebrauch machen.

Wie haben Sie von 1979 bis 1983 den kommunistischen Alltag erlebt und gemeistert?

Kennel: Das war schwierig, obwohl wir durch unseren Diplomatenstatus relativ geschützt waren. Selbstverständlich wurden auch wir überwacht. Sogar in unserer Wohnung waren wir vorsichtig, nannten bei Gesprächen keine Namen von rumänischen Freunden, um sie nicht zu gefährden, denn den Rumänen war Kontakt mit Ausländern verboten, natürlich vor allem der mit den westlichen. Jede Begegnung mussten sie melden.

Dennoch haben Sie damals Freundschaften und Bekanntschaften geknüpft, wie war das möglich?


Köpernik: Man wird erfinderisch und trickst den Geheimdienst, die berüchtigte Securitate, dann doch aus: Nach einer Veranstaltung im Goethe-Institut beispielsweise wollten wir den aus dem Banat stammenden Schriftsteller Rolf Bossert, seine Frau und andere rumänische Autoren zu uns einladen. Wir haben vereinbart, bei der Terminabsprache am Telefon den Tag nach unserer Einladung zu nennen. Wir sagten also „Donnerstag“, sie kamen am Mittwoch – und am Donnerstag wartete die Securitate vor dem Haus vergebens auf unsere Gäste.

Lange vor dieser Zeit, in den zwanziger und dreißiger Jahren, galt Bukarest als Paris des Ostens, was ist davon geblieben?

Köpernik: Viele interessante Gebäude: Vor allem der kleine Bruder des Pariser Triumphbogens im Norden der Stadt, wo mehrere Chausseen zusammenkommen. Auch der mächtige Justizpalast und das Athenäum, das neoklassizistische Konzerthaus mit Säulen und Kuppel, sind nach französischem Vorbild gebaut. In der Siegesstraße (Calea Victoriei), der Prachtstraße aus der Belle Epoque mit ihren vielen Palais, ist noch die alte Leuchtreklame eines Moulin Rouge zu sehen. Viele schöne alte Häuser sind allerdings schon den Bulldozern zum Opfer gefallen.

Was haben Sie Ihren deutschen Besuchern und Gästen hier geboten, außer der interessanten Architektur?


Köpernik: Es gibt so viele hübsche Restaurants, mit Garten, in denen man gut und nicht teuer essen kann – Mus von geräucherten Auberginen mit Tomaten, die noch nach Tomaten schmecken, Maisbrei mit Käse, dünne gefüllte Pfannkuchen, nach Art der Crepes, das sind Spezialitäten, die wir vermissen werden, auch die rumänischen Weine. Zum Bier treffen sich vor allem die Studenten an Holztischen auf dem riesigen Dach des Nationaltheaters, die Älteren und die Touristen im Bukarester Hofbräuhaus, dem „Bierkarren“ („Caru cu bere“), einem komplett erhaltenen Restaurant von 1890, innen im Stil einer neugotischen Kirche. Orthodoxe Kirchen gibt es übrigens, so heißt es, in Bukarest für jeden Tag eine, und die werden auch gut besucht: Die Rumänen sind ein frommes Volk.

Was wird Ihnen in Berlin fehlen?


Kennel: Die Toleranz vieler Menschen hier, ihre Freundlichkeit, vor allem Kindern gegenüber: Ich habe gesehen, wie in der überfüllten Metro, in Straßenbahnen und auch in Bussen Erwachsene ihren Platz für ein fremdes Kind freimachten.

Köpernik: Vielleicht gibt es in Bukarest mehr „Schlitzohren“ als in Berlin, aber im Umgang miteinander trifft man auf weniger Aggressivität. „Du kannst es nicht ändern, mach’ also das Beste daraus“ – das ist hier Motto. Es gibt auchnicht mehr Kriminalität als in anderen Großstädten. Für unsere vielen Freunde und Bekannte hier tut es uns leid, dass in Deutschland so ein negatives Bild mit vielen Klischees von Rumänien vorherrscht.

Was lassen Sie gern zurück?

Kennel: Das Chaos im Verkehr hat mich nervös gemacht: Die Autofahrer rasen oft bei Rot über die Kreuzung, Roller- und Mopedfahrer sausen unmittelbar an den Fußgängern vorbei. Die Menschen sind nicht mehr so geduldig wie früher, sie sprechen sogar lauter und schneller, der neuen Zeit angepasst.

Köpernik: Lästig finden wir die allgemeine Beschallung: Überall, in Cafés und Restaurants, auch im Schwimmbad dröhnt die Musik, sogar in den Wartezimmern der Ärzte laufen laut die Fernseher.

Und was würden Sie gern mitnehmen?

Köpernik: Unsere rumänischen Freunde, wir hoffen, dass sie uns in Berlin besuchen.

Das Gespräch führte Renate Nimtz- Köster.

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