Italien : Der falsche Trevi-Brunnen

Die Cinecittà, Roms Traumfabrik, wird 75 – und hat die Tore für Besucher weit geöffnet.

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Europas Hollywood. Am 28. April feierte Rom den 75. Geburtstag seiner Traumfabrik Cinecittà . Das Filmstudio wurde 1937 als Propagandainstrument für den Diktator Benito Mussolini eingeweiht.
Europas Hollywood. Am 28. April feierte Rom den 75. Geburtstag seiner Traumfabrik Cinecittà . Das Filmstudio wurde 1937 als...Foto: REUTERS/ Alessia Pierdomenico AMP/CRB

Es ist eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte: Jener Moment, wo sich Marcello Mastroianni und Anita Ekberg in „La Dolce Vita“ im Wasser der Fontana di Trevi gegenüberstehen. Er im schwarzen Anzug, sie im tief dekolletierten, langen Gewand, über ihnen der steinerne Neptun. Mit wallender blonder Mähne raunt sie ihm zu „Komm, Marcello, komm!“ Wer die Szene gesehen hat, vergisst sie nicht. Und will, wenn er in Rom ist, natürlich den Schauplatz in Augenschein nehmen. Kein Wunder also, dass Roms bekanntester Brunnen täglich von Zigtausenden von Touristen belagert wird. Münzen wirft kaum noch jemand, um – wie die Legende sagt – in die Ewige Stadt zurückzukehren. Auch ins Wasser springt niemand mehr, denn mittlerweile drohen dafür empfindliche Geldstrafen. Stattdessen wird wild geknipst. Jeder möchte den legendären Ort ablichten und das Stück des „süßen Lebens“ mit nach Hause nehmen.

Dabei entstand ein Großteil des Films gar nicht im historischen Zentrum Roms, sondern in der Cinecittà. „Selbst der Trevi-Brunnen wurde hier nachgebaut“, erklärt Giuseppe Basso, Direktor der römischen Traumfabrik, „außerdem Teile der Via Veneto, die eine zentrale Rolle in dem Streifen spielt.“ Ohne die Traumfabrik vor den Toren Roms wären Fellinis Werke überhaupt nicht denkbar. Ob „Roma“, „Casanova“ oder „Die Stadt der Frauen“ – der Kultregisseur brauchte einfach die Konzentration und kreative Atmosphäre der Studios. Vor allem des Teatro No. 5, das zu den größten Europas gehört. Es ist so eng mit seiner Person verbunden, dass hier nach seinem Tod sogar sein Sarg aufgebahrt wurde und unzählige Römer defilierten, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. „Cinecittà ist der ideale Ort, die kosmische Leere vor dem Bigbang“, soll er gesagt haben.

1937 eröffnet, hat nicht nur Fellini das Hollywood am Tiber als Drehort genutzt. Fast alle großen Namen des italienischen Kinos, von Rossellini und Vittorio de Sica über Pasolini und Visconti bis Michelangelo Antonioni haben hier gearbeitet, außerdem entstanden amerikanische Produktionen wie „Cleopatra“ mit Liz Taylor oder Terry Gilliams „Abenteuer des Baron von Münchhausen“. Selbst Woody Allen nutzte die Infrastruktur für die Post production seines letzten Werks „To Rome with Love“. „Cinecittà ist ein Symbol der Filmgeschichte, aus dem Meisterwerke hervorgegangen sind“, ist auch der New Yorker Stadtneurotiker überzeugt.

Ihre Existenz verdankt sie allerdings dem Faschismus. Nachdem die Cines, die Vorgängerstudios in Flammen aufgegangen sind, lässt Mussolini 1936 die neue Filmstadt errichten, um hier nach deutschem Vorbild Propagandafilme drehen zu lassen. Schon bald nach der Eröffnung entstehen Monumentalproduktionen, die das Reich der Antike beschwören.

Doch nachdem die Cinecittà 1943 von den Alliierten bombardiert und zum Teil zerstört worden ist, montieren die Deutschen erst mal Teile der Ausrüstung ab und nehmen sie mit nach Deutschland, anderes wird geplündert und zerstört. Zeitweise fungiert die Cinecittà als Lager für sogenannte Displaced Persons. Danach werden aber die Studios wieder aufgebaut, die Traumfabrik füllt sich erneut mit Leben.

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