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Kreta : Sehnsucht nach roten Fingernägeln

10.06.2012 00:00 UhrVon Hans W. Korfmann
Schön ist das Leben am Hafen. Allem Anschein nach zumindest für diese beiden Männer in einer Taverne nahe der Mole von Ierápetra auf Kreta. Foto: Tobias Gerber/laifBild vergrößern
Schön ist das Leben am Hafen. Allem Anschein nach zumindest für diese beiden Männer in einer Taverne nahe der Mole von Ierápetra auf Kreta. - Foto: Tobias Gerber/laif

Ierápetra ist ein Städtchen im Südosten Kretas. Hier tanzte „Alexis Sorbas“ am Strand – und brachte Glanz. Ein bisschen ist geblieben.

Auf einer Landzunge, die weit ins Meer reicht, zeichnet sich vor der untergehenden Sonne die Silhouette der Stadt ab: steinerne Quader weißer Häuser, überragt von Palmwipfeln und Kirchtürmen. Den ganzen Tag über hat die Sonne die Hafenpromenade von Ierápetra bestrahlt, noch am Abend sitzen die Menschen kurzärmlig in den Cafés. Unter den Gästen sind nur wenige Touristen, dafür eine Runde von kretischen Hoteliers. Sie schimpfen auf die ausländischen Reiseveranstalter, die Griechenlands Krise ausnutzen, um die Preise weiter zu drücken. „Zehn Euro haben sie mir angeboten pro Person und Halbpension – zehn Euro!“ Einer sagt: „Ich verstehe das nicht, weshalb die plötzlich nicht mehr kommen.

Sie kamen jedes Jahr, wir haben gegessen und getrunken. Ich dachte, wir seien Freunde.“

Ierápetra im Südosten von Kreta hat es schwer. Aber nicht erst jetzt. Bereits vor 500 Jahren verwandelte ein Erdbeben den letzten Hafen vor Afrika, die „südlichste Stadt Europas“ mit ihren damals 100 000 Einwohnern und drei Theatern mit einem Paukenschlag in einen Trümmerhaufen. Seitdem ist der Ort ein namenloser Punkt auf den Karten der Seefahrer und Touristen.

Dabei hat das heutige Städtchen mit seinen gut 15 000 Einwohnern alles, was Touristen suchen: lange Strände, Souvenirgeschäfte, ein Museum mit 4000 Jahre alten tönernen Sarkophagen, deren Griffe aussehen wie die Lederriemen gigantischer Überseereisekoffer, und mit Chrissi eine kleine karibisch anmutende Insel aus feinstem Sand und Blumen, zu der jeden Morgen kleine Schiffe übersetzen. Sogar ein altes, türkisches Viertel gibt es mit einer Moschee und kleinen Häuschen hinter krummen, weiß getünchten Gartenmauern voller Zitronenbäume und Jasminsträuchern.

Das Außergewöhnliche ist, dass es auch noch Geschäfte ohne Postkarten, ohne Bikinis und Sonnenbrillen gibt. Geschäfte mit Eisen-, Papier- und Kurzwaren, Läden von Schneidern, Schustern und Schreinern. Und dass über Ierápetra immer die Sonne scheint. Das ganze Jahr. Selbst im Januar fällt das Thermometer kaum unter zehn Grad. Die winterlichen Durchschnittstemperaturen sind Europarekord.

Weltrekord ist der griechische Salat, den 800 Freiwillige vor zwei Jahren klein schneiden mussten, damit die 13 Tonnen schwere Vorspeise ins „Guinnessbuch der Rekorde“ kam. Nur, um Touristen auf das vergessene Städtchen aufmerksam zu machen. Doch in den Reisekatalogen steht der Salat noch immer nicht.

Nicht einmal Nikos Kazantzakis’ berühmte Romanfigur Alexis Sorbas brachte dem Städtchen Glück. Obwohl der Roman, der 1964 mit Anthony Quinn verfilmt wurde, der erfolgreichste Exportschlager der Insel ist. Das Schwarz-Weißbild des am Strand tanzenden Griechen, dessen ausgebreitete Arme die ganze Welt zu umarmen scheinen, ist unvergessen, scharenweise besuchen Touristen den Drehort, überall auf der Welt tragen griechische Lokale den Namen des kretischen Prototypen.

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