"Mein Schiff 4" : Im Takt der Tischzeiten

Die neue „Mein Schiff 4“ geizt nicht mit kulinarischen Genüssen. Allein den Abendshows fehlt noch der Pfiff. Ein Erfahrungsbericht von der Vorpremierenfahrt.

von
Kunst am (Schiffs-)Bau. Eine herausragende Rolle auf der „Mein Schiff 4“ spielt nicht allein dieser Pinguin am Ausguck auf Deck 15. Insgesamt 6000 Kunstwerke kann der Passagier an Bord entdecken.
Kunst am (Schiffs-)Bau. Eine herausragende Rolle auf der „Mein Schiff 4“ spielt nicht allein dieser Pinguin am Ausguck auf Deck...Foto: Gerd W. Seidemann

Ja, sind wir denn auf einem Geisterschiff? Es herrscht geradezu gespenstische Stille. Nichts ist zu hören, keine Vibrationen sind zu spüren, keine Schaukelei irritiert das Gleichgewichtsorgan. Ob unser Schiff schon am Kai festgemacht hat? Vorhänge beiseite, Balkontür auf. Offene Ostsee. Und die Sonne linst gerade erst über den Horizont.

Am Abend hatte die „Mein Schiff 4“ in Kiel – noch ungetauft – zur sogenannten Vorpremierenfahrt abgelegt. Jetzt, am frühen Morgen, kann Kopenhagen aber nicht mehr weit sein. Das Bordfernsehen zeigt: wenig Wind, nur 6,3 Knoten Fahrt. Der Kapitän lässt es also langsam angehen. Zum einen spart das Treibstoff, zum anderen ist schließlich für die Nautiker an Bord von Neubauten wichtig, besonders sorgsam in das Schiff hineinzuhorchen, um festzustellen, ob und gegebenenfalls wo noch an Stellschrauben gedreht werden muss.

Das ist normal. Gleichfalls nicht ungewöhnlich, dass Kreuzfahrtschiffe schon vor Taufe und Jungfernfahrt mit Passagieren unterwegs sind. So auch die „Mein Schiff 4“. Denn auf der ersten „offiziellen“ Reise muss alles funktionieren, jeder Handgriff zum Wohl der bis zu 2506 Gäste sitzen. Das gilt auch für das Servicepersonal. Wir lassen uns mal überraschen.

Das hat doch was

Nun also der vierte Streich von Tui Cruises, die „Mein Schiff 4“. In den kommenden Jahren will die Reederei aus Hamburg alle zwölf Monate ein neues Nümmerchen ziehen, sprich: Vier weitere Neubauten sind schon am Horizont zu erkennen. Die nahezu baugleiche „3“ wurde erst im vergangenen Jahr in Dienst gestellt.

Wer auf jenem ersten Neubau von Tui Cruises – die „1“ und „2“ waren Umbauten bereits bestehender „Dampfer“ – schon unterwegs war, darf also keine großen Überraschungen erwarten. Und doch ist es erstaunlich, wie viele Menschen wir an Bord treffen, die schon mit der Vorgängerin gereist sind.

„Obwohl wir wussten, dass wir nichts wesentlich Neues an Bord sehen würden, konnten meine Frau und ich es doch kaum erwarten, dieses Schätzchen kennenzulernen“, sagt Rolf, unüberhörbar gebürtiger Berliner, Marke Seebär, der seit 40 Jahren bei Hamburg wohnt.

Es war also weniger die Route der fünftägigen Reise, die gelockt hat? „Ehrlich? Nein, war es nicht. Kopenhagen, Göteborg, Oslo – kennen wir schon. Aber so ein paar Tage Ausspannen, noch dazu auf einem neuen Schiff, das hat doch was.“ Und? „Noch haben wir nicht alles gesehen, aber bisher: allet jut.“

Das Cockpit ist seine "Playstation"

In der Tat, es gibt wenig zu meckern. An der Anmutung des Schiffes aus Sicht der Passagiere schon gar nicht. Schiffsingenieure und Innenarchitekten haben ganze Arbeit geleistet. Die öffentlichen Bereiche sind großzügig gestaltet, die Einrichtungen überwiegend hell und freundlich, hier etwas frecher, dort eher gemütlich, doch immer zeitgemäß. Allein über die Farbgestaltung mancher Teppichböden wird es verschiedene Meinungen geben.

Doch mit der Technik ist einer, auf den es ankommt, besonders zufrieden. Kapitän Kjell Holm hatte vor einem Jahr bereits die „3“ von der Werft übernommen. „Da gab es bis zur Jungfernfahrt noch mehr als 1000 Punkte auf der Mängelliste. Bei diesem Schiff waren es nur rund 150, Kleinigkeiten, die wir schon fast komplett abgearbeitet haben“, sagt der 65-jährige Finne.

Seit knapp 51 Jahren fährt Holm nun schon beruflich zur See, doch im kommenden Jahr soll Schluss sein. „Ein Schiff mache ich noch, dann muss ich mich um mein Segelboot zu Hause kümmern“, verrät er verschmitzt. Das heißt, auch die „Mein Schiff 5“ wird er im Frühjahr 2016 von der Werft in Turku abholen und vermutlich während der für Mai geplanten Jungfernreise das Steuer übernehmen.

Aber was heißt schon Steuer auf einem modernen Schiff? „Dies hier ist meine Playstation“, sagt Holm und deutet auf das „Cockpit“ der Brücke, wo just zwei junge Offiziere sitzen, die alles im Blick und das Kommando haben. Einer von ihnen „denkt“ dabei immer laut, der andere hört, überprüft und bestätigt die Beobachtungen, während ein dritter Mann ständig durchs Fernglas die Wasseroberfläche voraus absucht.

Warum das denn? „Es gibt Dinge, die sind zu klein für das Radar. Etwa ein Segelboot oder ein verloren gegangener Container. Eine Kollision wäre für alle Beteiligten misslich, das wollen wir nach Möglichkeit vermeiden.“

Kapitän Holm fährt seit 51 Jahren beruflich zur See.
Kapitän Holm fährt seit 51 Jahren beruflich zur See.Foto: Gerd W. Seidemann

Vier-acht-vier-acht – das ist der Lebensrhythmus auf der Brücke

Einige Bildschirme also, viele Knöpfe. Und reichlich Platz drum herum – die Brücke hat fast die Ausmaße eines kleinen Ballsaals. Mit Panoramascheiben. Allerdings herrscht weniger eine ausgelassene, sondern vielmehr eine ruhige Atmosphäre, knisternde Konzentration. Es wird auch kaum laut gesprochen. „Aufpassen müssen wir in jeder Sekunde, selbst wenn wir fast ausschließlich mit dem Autopilot fahren. Nur in ganz kniffligen Situation steuern wir von Hand“, erläutert der Kapitän.

Kein Wunder, dass die Schicht auf der Brücke nur vier Stunden dauert. Dann gibt’s acht Stunden frei. Vier-acht-vier-acht – das ist der Lebensrhythmus für die nautischen Offiziere auf der Brücke. Zwei Monate am Stück. Es folgen acht Wochen an Land, bevor der bekannte Takt wieder den Alltag bestimmt.

Auf einer ganz anderen Zeitschiene an Bord fahren natürlich die Passagiere. Wir wollen unsere Beobachtungen keineswegs überbewerten, doch ganz entscheidende Taktgeber sind offenbar die Öffnungszeiten der Restaurants. Nun ja, auch auf diesem Schiff ist das Angebot immens. Und an Qualität und Zubereitung der verwendeten Produkte werden bestenfalls notorische Nörgler etwas auszusetzen haben. Und mancher professionelle Restaurantkritiker. Natürlich.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben