Kühlungsborn : Strand ist geduldig

Kühlungsborn existiert erst seit 1938. Das mecklenburgische Ostseebad ist ein Ort voller Geschichte. Doch die wird versteckt.

Hella Kaiser

Ost oder West, da scheiden sich die Geister. Jedenfalls im langgezogenen Ostseebad Kühlungsborn, das in der Mitte sogar von einem großen Wald getrennt wird. Gut vier Kilometer sind es vom Baltic-Platz im Westen bis zum neuen Jachthafen im Osten. Die kann man zwar mit unverbaubarem Meerblick auf der längsten Seepromenade Deutschlands zurücklegen, aber zum Kaffeetrinken oder Abendessen bleiben die Urlauber dann doch lieber in ihrem jeweiligen Kiez. Hier wie dort sind Hotels, Restaurants und Bars schließlich reichlich vorhanden. Sogar einen eigenen Konzertgarten hat jeder Ortsteil zu bieten.

Ältere Einheimische reden sowieso nicht von Kühlungsborn-West und Kühlungsborn-Ost. Sie sprechen von Arendsee und Brunshaupten. Beide Orte wurden Ende des 19. Jahrhunderts zu Seebädern und konkurrierten – „fürstliche Anlagen, weißer Sandstrand“ – um Gäste. Auch Fulgen, wo sich heute der Jachthafen befindet, war ein eigenständiges Seebad. Die Urlauberzahlen stiegen von Jahr zu Jahr, die Küste boomte. Erst vor siebzig Jahren, am 1. April 1938, wurden die drei Orte zur „Stadt Ostseebad Kühlungsborn“ zusammengelegt. Der Name kommt vom Höhenzug Kühlung, der im Süden liegt, und von dem Bach Cubanze. Ein wendisches Wort, das in der deutschen Übersetzung Quell oder Born heißt.

In der Urkunde zur Verleihung des Stadtrechts formulierten die Nazis vollmundig: „Wahrlich, es ist ein Jungborn, aus dem Kühlung, Erfrischung und Erholung sprießen.“ Drei Möwen in Erinnerung an die ursprünglich drei Orte zierten das Stadtwappen und finden sich heute noch – in stilisierter Form – im Werbelogo wieder.

Zu DDR-Zeiten wurde Kühlungsborn zum Massenziel. 1953 enteignete man fünfzig Hotelbetriebe und wandelte sie um zu Ferienheimen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Zwischen 1970 und 1981 kamen in den Sommermonaten jährlich bis zu 160 000 Urlauber. Ein Ferienplatz in Kühlungsborn war heiß begehrt, nicht zuletzt dank der Meerwasserschwimmhalle, die 1972 eingeweiht wurde. Es war die erste in der DDR, und der Architekt Rudi Mehl durfte zuvor sogar in den Westen reisen, um sich in Travemünde und St. Peter-Ording Anregungen zu holen. Dennoch blieb die Sporthalle mit ihrem kühn gefalteten Stahldach einzigartig.

Nah am Meer steht sie – wie angeklebt an eine prächtige neobarocke Villa. 1912 war diese für den jüdischen Justizrat Wilhelm Hausmann gebaut worden. Hausmanns Witwe vermachte die Villa Baltic nach ihrem Tod der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums als Erholungsstätte. Von 1938 an wurde sie Sitz der Goebbels-Stiftung, der Propagandaminister lud Bühnenschaffende in das „Schloss am Meer“. In der DDR taufte man das herrschaftliche Domizil „Kurt- Bürger-Heim“. Die Gäste der Schwimmhalle konnten durch einen Verbindungsgang in die Villa hinüberwechseln. „So entstand die Möglichkeit, in den Gesamtkomplex einen Friseur- und Kosmetiksalon, eine Sauna sowie eine vorzügliche gastronomische Betreuung der Gäste in einem gefälligen Ambiente zu integrieren“, heißt es im eben erschienenen Kühlungsborner Jahrbuch 2008.

Seit der Wende steht die Villa leer. Die Schwimmhalle wurde schließlich 2003 geschlossen, weil die Stadt Kühlungsborn die Betriebskosten nicht mehr aufbringen konnte. Beide Objekte sollen nun von einem Chemnitzer Immobilienunternehmen saniert werden. Die Contrac, so der Name der Firma, erwarb die Villa Baltic 2003 von der Jewish Claims Conference.

„Wir brauchen die Schwimmhalle dringend“, sagt Peter Brauer, Geschäftsführer der Touristik-Service-Kühlungsborn GmbH, und zeigt Pläne. Die Halle solle niedriger werden und mit viel Glas luftiger wirken. Die Verbindung zur Villa werde gekappt. Beide Gebäude sollen wieder für sich wirken. Die Zukunft der Villa? „Drinnen ist alles Marmor“, schwärmt Brauer. Was sie nach der Restaurierung – der genaue Termin steht noch nicht fest – beherbergen soll, ist unklar. „Touristische Nutzung“, heißt es vage.

Die Villa Baltic wäre der ideale Ort für ein gediegenes Kaffeehaus. Denn: Ausgezeichnete Etablissements zum Verweilen sind bislang rar im – so die Werbung – „Seebad mit Flair“. Die meisten Restaurants und Cafés sind mit austauschbarem Einheitsmobiliar versehen. Man musste sich nicht anstrengen im größten Seebad Mecklenburgs, die Urlauber strömen zuverlässig herbei. „1,9 Millionen Übernachtungen haben wir pro Jahr, mehr sollen es nicht werden“, sagt Brauer. Man bemühe sich jetzt um Qualität, wolle ein jüngeres, anspruchsvolleres Publikum, gern auch aus dem Ausland, anlocken.

Für diese Klientel ist auch der unlängst fertig gestellte Jachthafen gedacht. 400 Sportbooten bietet er Platz. Drumherum sind Restaurants und Bars im postmodernen Stil entstanden, wie man sie auch in Retortenorten an der Costa Brava oder auf den Kanarischen Inseln findet. Zwar sind die Fischbrötchen hier teurer als in den beiden Ortszentren, aber nicht unbedingt besser. Ob Froschschenkel, die man im Bistro für zwei Euro pro Stück bestellen kann, in Mecklenburg sein müssen, wo man sie in Frankreich schon fast verbannt hat?

Hinter dem Jachthafen erhebt sich der Morada-Hotelkomplex, ein breiter Klotz mit 1200 Betten. Ein Bauplatz für die Erweiterung ist schon ausgewiesen. Unterkünfte für Menschen der Generation 60 plus, die mit Bussen an Ort und Stelle gebracht werden. „Die Leute haben alles im Resort, die lassen keinen Cent im Ort“, sagt Brauer. Glücklich sei man über diese Entwicklung nicht. Im Hintergrund ist ein ausladender Apartmentblock gewachsen, der Meer(t)räume verspricht. Manche werden in diesen Schachtelbauten wohl eher Albdruck verspüren.

In den jeweiligen Ortsmitten und nicht zuletzt an der verbindenden Ostseeallee stehen noch etliche Villen der Bäderarchitektur. Manche sind schön restauriert, viele aber auch nur historisierend aufgehübscht und oft mit fragwürdigen Anbauten vergrößert. Kleinere Hotels und Pensionen, heißt es, seien nicht rentabel zu bewirtschaften gewesen, so dass man laut Aussage des Bauamtsleiters Wolfgang Stange „eine rückwärtige Bebauung gestattet“ hätte. So ist es nun auf den Grundstücken etwas eng geworden. Einerseits hat man sich bemüht, Schandflecken aus der DDR-Zeit zu beseitigen, andererseits sollte mit den Neubauten Geld verdient werden. Das Dünenschloss in der Ostseeallee ist ein gutes Beispiel. 1953 wurde das respektable Hotel aus dem Jahre 1907 enteignet. Als FDGB-Erholungsheim „Julius Fucik“ wurde es erheblich verändert, ein Turm brannte ab, Erker wurden geschliffen. Nach der Wende wurden die Reste abgerissen. Nun steht eine ausladende Apartmentanlage an Ort und Stelle, die dem Bäder-Baustil des frühen 20. Jahrhunderts „nachempfunden“ wurde. Der Name „Dünenschloss“ klang verkaufsträchtig, so hat man ihn behalten.

Aber es gibt auch gelungene Modernisierungen. Stadtführer Manfred Friebel verweist stolz auf den Rosenhof in der Poststraße. 1901 wurde er als „Pension Siegfried“ erbaut. „Sie können sich nicht vorstellen, wie das Gebäude Anfang der 90er Jahre aussah“, sagt er. Nun ist es wieder ein Schmuckstück.

Auch die Alten Kolonnaden hat man halbwegs wiederhergestellt. Die alten Gebäude wurden restauriert, was nicht mehr zu retten war, entstand neu im passenden Stil. Einst verliefen die Kolonnaden schnurgerade zur Seebrücke von Arendsee. Im Eiswinter 1942 wurde sie von der See fortgerissen. Seit Jahren schon gibt es Pläne, hier einen 300 Meter langen „Sunset Pier“ mit Läden und Apartments zu bauen. Vielleicht sollte man froh sein, dass sich dafür noch keine Investoren gefunden haben.

Kühlungsborn ist mächtig in Bewegung. Ruhe und Beschaulichkeit will hier sogar im Winter nicht so recht einkehren. Aber auch das hat wohl Tradition. Brunshaupten und Arendsee, weiß der Ortshistoriker Alexander Schacht, „waren nie Modebäder wie Heiligendamm oder Heringsdorf“. Sie sind, so vermutet er, einfach zu schnell gewachsen. Da konnte die Hautevolee nicht unter sich bleiben. Auch Künstler, die Ruhe und Abgeschiedenheit für ihr Schaffen suchten, fanden es hier wenig attraktiv. Einzig ein Sommeraufenthalt des Malers Lovis Corinth im Jahre 1903 ist belegt.

Damals gab es die Attraktion noch nicht. Erst seit 1910 fuhr Molli, die Schmalspurbahn, nicht nur von Heiligendamm nach Bad Doberan, sondern auch nach Arendsee. Bis heute existiert die nostalgische Bahn – und hat Kühlungsborn auch außerhalb Deutschlands bekannt gemacht. „Immer mehr Schweizer kommen, um hier binnen zehn Tagen ihren Ehrenlokführerschein zu machen“, sagt Brauer schmunzelnd. Und dann steigen die Urlauber vielleicht auch den Grenzturm BT 11 hinauf, einen der wenigen übrig gebliebenen von einst 70 Wachtürmen entlang der ostdeutschen Ostseeküste.

Das sanierte historische Denkmal zeigt, wie man Geschichte am authentischen Ort verdeutlichen kann. An der Villa Baltic hingegen gibt es keinerlei Information. Auch ein Hinweis auf die 1938 zerstörte Grabpyramide von Wilhelm Hausmann fehlt.

Dass die Nazis drei Seebäder zur Stadt Kühlungsborn machten, „hängen wir nicht an die große Glocke“, sagt die Pressefrau der Touristik-GmbH. Am 70. Geburtstag wird es nicht zu verstecken sein. Eine Feier ist geplant. Es wäre ein guter Zeitpunkt, um den spannenden Ort der Geschichte mit all seinen Wandlungen sichtbar zu machen. Ein nachhaltiges Lehrstück an der Küste. Das trüge dem „Seebad mit Flair“ vielleicht genau die Gäste ein, die es haben will: Interessierte deutsche und ausländische Urlauber, die gern auch hinter die Kulissen schauen. Denn: Einen schönen weißen Strand können sie auch woanders haben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar