Kurorte in Europa : Reisen ist tödlich für Vorurteile

Gesundheitsurlaub im Ausland hat Konjunktur. Vorbehalte bröckeln, nicht nur wegen der Kosten.

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Marienbad – eine Mischung aus Kitsch, Grandezza, (gestopptem) Verfall und Geschichte. Trotzdem oder deswegen kommen Kurlauber aus aller Welt.
Marienbad – eine Mischung aus Kitsch, Grandezza, (gestopptem) Verfall und Geschichte. Trotzdem oder deswegen kommen Kurlauber aus...Foto: CzechTourism.com

Spätestens seit Schopenhauer wissen wir: „Die Gesundheit ist zwar nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“ Deshalb lassen sich die Deutschen ihr Wohlbefinden und vieles, was die Freude am Leben möglichst verlängert, auch etwas kosten: Fitnesskurse zu Hause und Wellness in allen möglichen Ausprägungen im Urlaub. Abgesehen von ausgesprochener Beutelschneiderei mancherorts, gibt es auch richtig gute, jedoch entsprechend teure Angebote in nah und fern, in Deutschland und unter Palmen.

Doch bei allem Gesundheitsbewusstein, so manchem Urlauber setzt das Budget gewisse Grenzen. Deshalb wächst der „Gesundheitstourismus“ in Länder, die kostenmäßig das deutsche Niveau noch längst nicht erreicht haben, gleichwohl an der Qualität schlechtestenfalls in Ausnahmefällen Zweifel aufkommen lassen. Das reicht vom Augenlasern in Istanbul über die klassische Kur in Polen, Tschechien oder der Slowakei mit allen Wellness-, Antistress-, Beauty & Relax- oder Rheuma-Gelenk-Programmen bis zum Zahnimplantat in Ungarn.

Immer mehr Ärzte, Kliniken und Kur- und Spa-Hotels im nahen europäischen Ausland bieten deutlich günstigere Alternativen zu den Offerten hierzulande. Es ist deshalb keine Überraschung, dass tatsächlich Kranke oder – überwiegend – lediglich Gesundheitsbewusste ihren Urlaub häufig mit einer entsprechenden Behandlung im Ausland kombinieren. In dem Zusammenhang noch ein Zitat: „Reisen ist tödlich für Vorurteile.“ Mark Twain, der Vielgereiste, musste es wissen.

Wer lediglich seinen guten Gesundheitszustand erhalten, Seele und Körper etwas Gutes tun möchte, findet eine Reihe von großen und kleinen Veranstaltern, die „medical Wellness“ (gezielte Fitness kombiniert mit medizinischer Rehabilitation), Kuren oder nur Wellnessangebote zur Vorbeugung gegen alle möglichen Wehwehchen im Programm haben. Komplett, pauschal und bezahlbar, in durchaus attraktivem Umfeld. Sei es die Kur an der polnischen Ostseeküste, in einem der ungarischen Thermalbäder, den traditionellen Kurorten Böhmens oder der Slowakei.

Massagen, Krankengymnastik sowie Wärme- und Kältebehandlungen lassen sich in der Regel bestens mit einem Urlaub im – zugegeben, mal mehr, mal weniger – feudalen Hotel verbinden. Bei Preisvorteilen gegenüber vergleichbaren heimischen Reiseangeboten von bis zu 50 Prozent. Und wer sich informiert und beharrlich ist, wird herausfinden, dass sich seine Krankenkasse durchaus mit dem ein oder anderen Euro an bestimmten Anwendungskosten beteiligt.

Auch Ungarn punktet mit Heilbädern

Obwohl Polen nahezu in allen Landesteilen mehr oder weniger bekannte Kurorte und entsprechende Gesundheitseinrichtungen sowie Hotels aufzuweisen hat, bleibt die Ostseeküste der „Renner“, sowohl bei den per Bus anreisenden Pauschalurlaubern als auch bei den Individualisten. Die allerdings sollten vergleichen, ob sich das selbst gebastelte Paket aus eigener Anreise, Hotel und Gesundheitsanwendungen rechnet, oder ob es nicht doch günstiger und zugleich einfacher ist, die Pauschale eines Veranstalters zu buchen. Eine Weisheit übrigens, die auf eine ganze Reihe von Reisen aller Art zutrifft, zumal sich im Beschwerdefall eigene Ansprüche einfacher gegen einen heimischen Veranstalter durchsetzen lassen als gegen einen Hotelier im Ausland.

Am Meer zwischen Swinemünde und Kolberg fühlen sich polnische wie deutsche Gäste besonders wohl. Die einen, weil es ein vertrautes Umfeld ist, die anderen, weil es so ungewöhnlich preiswert ist. Wobei gesagt werden muss: In den Sommermonaten sollten tatsächlich Erholungsuchende die Strände meiden; denn wenn Polen Ferien hat, ist dort der Trubel groß. Im Frühjahr, Herbst und, ja, auch im Winter herrscht jedoch große Ruhe. Und wer mit Freunden oder Bekannten spricht, wird kaum Klagen hören. Gewiss, dem ein oder anderen war das Drei-Sterne-Hotel denn doch nicht genehm, der Erholungseffekt hat sich bei den meisten allerdings eingestellt, nicht zuletzt auch wegen der guten medizinischen Betreuung.

Gesegnet mit Heilquellen ist Tschechien, insbesondere Böhmen, wo so klangvolle Namen wie Marienbad, Karlsbad oder Franzensbad an die lange Tradition als Gesundungs- und durchaus auch Verlustierungsorte wieder angeknüpft haben. Und angesichts der erhaltenen, meist wieder richtig auf Vordermann gebrachten Kurhäuser mit überwiegend eklektischen Baustilen, kann sich der Gast durchaus in die Zeit zurückversetzt fühlen, als Goethe (natürlich), Chopin, Johann Strauß, Sigmund Freud oder König Edward VII. dort um neue Kraft nachsuchten.

Merkwürdig, dass Ungarn und insbesondere Budapest, oft allein mit überwiegend kosmetischen Zahnbehandlungen oder Schönheitsoperationen verbunden wird. Dabei kann das Land mit einer langen Reihe von Heilbädern punkten. Kurorte wie Hévíz, Hajdúszoboszló, Bük und Sárvár stehen auch bei deutschen Urlaubern hoch im Kurs. Nicht zuletzt dank EU-Fördermitteln sicherte sich Ungarn viele hundert Millionen Euro für langfristige Entwicklungen und Investitionen im Gesundheitstourismus.

Etwa 1000 heiße Quellen und eine moderne medizinische Infrastruktur haben Ungarn zu einer der führenden Gesundheitsdestinationen gemacht. Erfahrene Fachärzte wie Rheumatologen, Neurologen, Dermatologen und Kardiologen sowie Therapeuten sind in den Kur- und Spa-Hotels tätig. Das vielfältige Angebot richtet sich immer stärker nicht auf bereits kranke, sondern vor allem auch auf gesunde Urlauber, die vorbeugende Behandlungen in Anspruch nehmen und mit neuer Energie versehen in den Alltag zurückkehren wollen.

Gute Gesundheit ist in der Tat unbezahlbar. Doch selbst dazu einen Beitrag zu leisten, zumal im Urlaub, ist machbar.

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