Reise : Niederschlesische Sensationen

Wer sich zu Fuß längs des westpolnischen Bobers in Richtung Riesengebirge aufmacht, trifft auf die Spuren des Dichters Heinrich von Kleist, erlebt Bunzlauer Verirrungen, britische Mythen, aufgelassene Rittergüter und indische Spiritualität

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Abenddämmerung am Fluss. Beschaulich, wie hier in Bytom (Beuthen), ist das Lebuser Land östlich der Oder. Foto: Caro/Bastian
Abenddämmerung am Fluss. Beschaulich, wie hier in Bytom (Beuthen), ist das Lebuser Land östlich der Oder. Foto: Caro/BastianFoto: IMAGO

Parallel verläuft hier wenig. Lieber mäandern die Straßen ungeordnet vor sich hin, als dass sie sich wiedererkennbar durch die Stadt ziehen, besonders für einen Spaziergänger, der ein paar Bier zu viel bestellt hat und des Polnischen nicht mächtig ist. Aber die Stimmung hier in Boleslawiec ist prächtig, das Bunzlauer Gefühl überwältigend. Der Rest und das Hotelzimmer werden sich finden.

Boleslawiec (Bunzlau) liegt ungefähr auf halber Strecke einer Wanderung, die ein paar Tage lang durch Westpolen führte, meist an den Flüsschen Bober und Queis entlang, die etwa 20 Kilometer östlich parallel zur Neiße fließen. Die Województwo Lubuskie (Lebuser Land) geht bei Zagan (Sagan) in die Heide- und Waldlandschaften Niederschlesiens (Dolnoslaskie) über, die sich hinter Jelenia Gora (Hirschberg) und Karpacz (Krummhübel) zum Riesengebirge auftürmen. Diesen Weg ist der Dichter Heinrich von Kleist mit Freunden und Geschwistern im Juli 1799 gegangen und schrieb zum Schluss ins Gästebuch der Hampelbaude, nach dem Abstieg von der Schneekoppe, eine „Hymne an die Sonne“: „Über die Häupter der Riesen, hoch in der Lüfte Meer ...“

Unter dem Baldachin zweier gewaltig ausladender Eichen ruhen die Toten des Fleckens Budachow, der früher einmal Baudach hieß. Ein einziger deutsch klingender Name fällt aus dem Rahmen – Maria Stempel. Sie lebte 70 Jahre hier, bevor sie 1979 starb. Alle anderen Grabstellen sind mit polnischen Namen versehen, erster Hinweis auf die Umsiedlungs- und Vertreibungswellen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Stadt Krosno Odrzanskie (Krossen) wird durch die Oder geteilt. Die Nordstadt erhebt sich drei, vier Häuser hoch über dem Fluss und bietet hier oben eine Art Balkon mit prächtiger Aussicht auf das jenseitige Ufer und die St.-Hedwigskirche, deren untere Turmhälfte ein wenig an den Turm des Rathauses Schöneberg erinnert, der Turmhelm ein bisschen an St. Marien am Berliner Alexanderplatz. Über dem Altar der Kirche gebietet eine barocke Hedwig über allerlei Säulenheilige, die wie goldbehütete und fromme Zwerge wirken, jedenfalls ziemlich komisch.

In unmittelbarer Nachbarschaft zur St.-Hedwigskirche sind wenige Gebäude aus der Gründerzeit, etwa die Post und eine Bank, erhalten geblieben und restauriert worden. Viel mehr Bausubstanz aus jenen Tagen ist in Krosno Odrzanskie nicht erhalten geblieben; in den letzten Kriegsmonaten wurde hier, wo sich Oder und Bobermündung zu einer Gabel formieren, heftig gekämpft und große Teile der einst schönen Stadt am Fluss wurden in Grund und Boden kartätscht. Wenn es damals während der Verhandlungen im Potsdamer Cecilienhof nach westalliierten Verhandlungsteilnehmern gegangen wäre, dann könnte heute – statt der Neiße 50 Kilometer westlich – der Oderzufluss Bobr (Bober) den deutsch-polnischen Grenzfluss bilden. Die Grenzziehung scheiterte an der Sowjetunion.

Die trägen Stunden am Flussufer sind von dieser unspektakulären Art, in der nichts zu geschehen scheint – mal gibt der Wanderer die Salzsäule, um drei Rehe beobachten zu können, die wiederum ihn, den Wanderer, reglos betrachten. Und mal muss er einer Blindschleiche ausweichen, die es sich auf der sandig-warmen Piste gemütlich gemacht hat. Kukadlo ist der nunmehr polnische Name, auf dessen berühmten preußischen Sohn sichtbar nichts verweist. Hier, auf dem Gut Kuckädel, wurde am 17. Februar 1699 Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff geboren, dessen Baumeisterschaft wir unter anderem Schloss und Park Sanssouci zu verdanken haben. Am Ortsausgang sieht der Wanderer den ersten intakten Ziehbrunnen seines Lebens: Mit einem Hebel, der aus einem Ast geschnitten und etwa so hoch ist wie das Haus nebenan, wird Wasser aus der Tiefe eines Brunnens geschöpft. Wenn dieser frei laufende Kläffer nicht wäre, der in seiner Blutrünstigkeit offenbar nur darauf wartet, dass ich Hand an den Ziehbrunnen lege.

Tarnawa Krosnienska ist eine Siedlung mitten im Wald, in der nur noch 30 Dörfler leben, meist mittelalte und ältere Herrschaften. Ein Fünftel der Bewohner nimmt gut gelaunt mittags neben dem Wanderer Platz, der sich und seine Brotzeit auf der Bank an der Bushaltestelle ausgebreitet hat. Der schnurrbärtige Nachbar Bogdan übersetzt in ausgezeichnetem Deutsch hin und zurück.

Gewiss – das Dorf werde immer älter und junge Menschen zögen fort, sagt Bogdan, gekleidet wie ein Jäger. Er sei aber zuversichtlich, dass Wochenendurlauber zuziehen und neue Häuschen bauen oder alte Häuser renovieren werden. Er selbst sei schließlich der beste Beweis für diesen Trend, sagt er und nickt dem Dorfältesten zu. Der alte Herrn ist Mitte neunzig und offenbar fit wie seine modische hellblaue Baseballkappe.

Die Erzählungen könnten so etwas wie junge und jüngste Geschichte dieser Grenzregion sein – in Kurzform. Eine der Frauen verbrachte einige Jahre ihre Kindheit mit der Mutter in Jena, die dort augenscheinlich im Dienste sowjetischer Offiziere arbeitete. Ihre Nachbarin erzählt stolz von ihrer Verwandtschaft, die sie im vergangenen Jahr in „Schwaben“ besucht habe, genauer gesagt in Baden-Baden.

Zwischen den Wojewodschaften Lebus (Lubuskie) und Niederschlesien (Dolnoslaskie) erstrecken sich über die Niederschlesische Heide (Bory Dolnoslaskie) ausgedehnte Kiefernwälder, die zu den größten zusammenhängenden Waldgebieten Europas gehören. Schon zu deutscher Kaiserzeit dienten Wald und Heide als Truppenübungsplätze. Stets waren hier Stadt und Land vom Militärischen und vom militärisch-industriellen Komplex geprägt. So wurde in den Wäldern vor Nowogrod Bobrzanski (Naumburg am Bober) zu NS-Zeiten eine Sprengstofffabrikation betrieben, die sich über 160 Quadratkilometer ausdehnte – etwa die Größe des Fürstentums Liechtenstein. Insassen eines nahen Konzentrationslagers mussten die lebensvernichtende Arbeit verrichten.

Eine Tagesetappe weiter, rund 30 Kilometer südlich, in den Waldstücken vor Zagan (Sagan), erinnern Bauruinen, Mahnmale und Rekonstruktionen von Fluchttunnels an ein Kriegsgefangenenlager der Reichswehr, das Stalag Luft III. Die Geschichte der Ausbruchsversuche britischer Fliegeroffiziere wurde in den 70er Jahren in „Gesprengte Ketten“ mit Steve McQueen verfilmt. Die Kriegsarchäologie ist eine gut besuchte Erinnerungsstätte, besonders für britische Liebhaber von Militärgeschichte(n).

Ein Zwiebelturm weist den Weg in die Kreishauptstadt Boleslawiec, und der führt garantiert an Läden vorbei, in denen „Bunzlauer Keramik“ verkauft wird. Vor Flucht, Vertreibung und Umsiedlung der Schlesier war die Töpferware weithin berühmt, etwa wegen ihres typischen Musters, das mit „Schwämmeltechnik“ aufgetupft wurde und wegen ihrer formidablen Feuerfestigkeit, die allerdings mit Aufkommen der eisernen Bratpfanne ein wenig an Marktbedeutung abnahm. Offenbar mit Erfolg knüpfen polnische Fabrikanten heute an den alten Mythos an.

In der Milde des Abends hocken die Gäste unter weiß-roten Sonnenschirmen, die vor den Kneipen des Marktplatzes von Bunzlau aufgespannt sind. Kinder laufen quietschend durch die Wasserfontänen des Springbrunnens, ohne allzu nass zu werden oder, wenn doch, zumindest nicht zu heulen wie ein Weichei. Im verplanschten Brunnenwasser wellt sich das Spiegelbild des Turms der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Die verstrebte Dachkonstruktion an der Fassade des Kirchenschiffs erinnert fern an Bauten aus der Hansezeit.

Bunzlau wurde im Zweiten Weltkrieg zu zwei Dritteln zerstört; in der Folgezeit konnten die alten Bürgerhäuser im historischen innerstädtischen Ring wieder aufgebaut werden und tragen heute zum Bunzlauer Gefühl bei, das heute Abend jeden erfasst, der irgendwo auf dem Marktplatz an seinem Bier (Piwo) nippt.

Später, gegen neun Uhr, liegt die historische Mitte der Stadt in der letzten Mattigkeit des Abendlichts; die bürgerlichen, sakralen und profanen Gebäudefassaden sind so einladend wie dezent angestrahlt. Auch der fremdeste Fremdling ahnt, warum Dieter Hildebrand in Talkshows so gerne über seine Heimatstadt Bunzlau erzählt (manchmal sogar in der angestammten Mundart). Bloß, wie würde ihm das postmoderne Wahrzeichen der Stadt gefallen, eine geometrisch überkorrekte Pyramide, in der unter altägyptischem Winkelmaß österreichische Küche verabreicht wird? Seltsam, seltsam.

Vermutlich hat es Jelenia Gora (Hirschberg) nicht nur wegen seiner urbanen Stadtästhetik literarisch zu Ansehen gebracht, sondern aus einem praktischen Grund – wer ins niederschlesische Riesengebirge aufbrach, machte (und macht) erst einmal in der 85 000-Einwohner-Stadt Station. Hier und in den umliegenden Orten standen die Weber Mitte des 19. Jahrhunderts gegen ihre Fabrikherren auf – der Stoff, aus dem der Schlesier Gerhart Hauptmann „Die Weber“ schuf.

Was Hirschberg (nicht nur) für Wandersleute so anziehend und zu einem Kleinod der Wanderlust macht – das ist seine Tallage, die nach 14, 15 Kilometern erst sanft, dann rabiat ansteigt und in die Ausläufer des Riesengebirges vor Karpacz (Krummhübel) führt. Wolkengebirge, die sich in die Richtung der Riesengebirgskuppen bewegen, brechen in diesen Tagen das Sonnenlicht und geben dem Wiesengrün mal transparentes, mal undurchdringlich tiefes Grün, fast Schwarz.

Die Landschaft scheint in Schwingungen versetzt zu sein, wenn das Tal sich allmählich in die Höhe schiebt, 600 Meter, 700 Meter. Jeder, der sich von hier aus südwärts bewegt, hat stets den höchsten Gipfel des Riesengebirges vor Augen. Könnte gut sein, dass Rübezahl hier in den Wäldern der Vorgebirge einst seine Wut darüber ausgetobt hat, dass er eins und eins beim Rübenzählen nicht zusammenbekam. Auf der Höhe vor Karpacz (Krummhübel) müssen sich Wanderer durch haushohe Felsformationen aus Granit klemmen, beeindruckend auch deswegen, weil einige der Brocken bedrohlich ins Kippeln geraten könnten – aber seit ein paar Jahrhunderttausenden still gehalten haben.

Im Tal passiert der Wanderer eine Stelltafel, auf der so groß wie rätselhaft gepinselt ist: „Ananda Putta Bhumi. Ananda Marga Integrated Development Centre“. Wie bitte?

Die Auflösung steht im Lexikon: Vor der gewellten Kulisse der Riesengebirgsgipfel, die sich westlich und östlich an die Sniezka (Schneekoppe) reihen, wird jedes Jahr ein spirituell angehauchtes Festival ausgerichtet und ansonsten ökologisch-dynamischer Landbau betrieben. Ananda Putta Bhumi heißt, aus dem Sanskrit übersetzt, „Ort des reinen Denkens“.

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