Nordamerika : Der rastlose Maler von Maine

An Neuenglands Küste, auf Prouts Neck, wirkte Winslow Homer, Amerikas Kunstgigant.

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W. Homer 1867
W. Homer 1867

Das Erste, was den Gästen im alten Grand Hotel The Black Point Inn auf Prouts Neck in die Hand gedrückt wird, ist ein Merkblatt, auf dem sorgfältigst die Gezeiten aufgelistet sind: Wann Flut ist, wann Ebbe und wann die Sonne auf- und untergeht. Vor der Hoteltür sitzt auf weißen, ausladenden Adirondack-Stühlen eine Familie und schaut wie betäubt in den dichten Nachmittagsnebel, der alle Sicht verschluckt hat. Aus dem Nichts rauscht tosend laut das Meer.

Angeblich saß hier auf der Veranda vor gut 100 Jahren schon der Maler Winslow Homer und genoss seinen Nachmittagstee. „The Painter of Maine“, wie der 1836 in Boston geborene Gigant der amerikanischen Malerei genannt wird. „Weatherbeaten“ (Wetterhart) aus dem Jahr 1894 ist eines seiner berühmtesten Bilder. Dramatisch brechen sich aufgewühlte Wellen an der zerborstenen Granitküste von Maine. Seine Karriere hatte Homer als Illustrator für Zeitschriften wie „Balous’s Pictorial“ und „Harper’s Weekly“ begonnen.

Die kleine Halbinsel Prouts Neck, die kaum 20 Kilometer südlich von Maines Hauptstadt Portland entfernt liegt, war noch Wildnis, als Winslow Homer hier 1875 zum ersten Mal herkam. Heute ist der sogenannte Cliff Walk, wie sich die einstündige Umrundung der Halbinsel nennt, bis zur letzten angeschwemmten Krebsschere mit Naturromantik besetzt. Auf den Spuren des Malers springt man mit Salzwasser in der Nase von Fels zu Fels. Der Spätsommergast findet sozusagen in romantischer Verklärtheit zu sich selbst.

Das Eiland, das zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch zahlreiche Luxushotels zählte, ist heute eine sogenannte Summerhouse Community, eine feudale Gemeinde, in der schmale, nach ihren Erbauern benannte Privatstraßen nur für Fußgänger geöffnet sind. Es lohnt sich übrigens, tatsächlich einen Spaziergang dort zu machen und sich mal umzuschauen; denn viele dieser Häuser sind weit mehr als 100 Jahre alt, sehr gepflegt und so gut wie unverändert. Es gibt selbstverständlich einen Country Club (established in 1907, und Mitglied kann nur werden, wer auf der Halbinsel wohnt!). Ein 18-Loch-Golf Kurs darf ebenfalls nicht fehlen.

Hotelgäste glauben zu wissen, dass es sich bei Prouts Neck um die viertwohlhabendste Ecke des Landes handelt, „old Money“, „altes Geld“ wie gemunkelt wird. Wer übrigens am Kauf eines Hauses interessiert ist, sollte besser in der Lage sein, nicht nach dem Preis fragen zu müssen. Verfügbare Baugrundstücke sind gar so rar wie Regen in Death Valley.

Foto: Portland Museum of Art
Foto: Portland Museum of Art

Doch, im urigen Maine wird die Sommerfrische seit jeher eher bescheiden verstanden. Zuzeiten des „Gilded Age“, als die ersten Karawanen Erholungsuchender Richtung Meer aufbrachen, sich die Oberen Zehntausend in Newport, Rhode Island, mit überdimensionierten Palästen überboten, genossen die Menschen in Maine den Seewind lieber zurückgezogen, eher scheinbar schlicht und dicht an der Natur.

Das Etikett „wilderness“ ist geblieben. Besonders für Neuengländer ist Maine die bevorzugte Auftankwildnis. „America’s Vacationland“ – Amerikas Ferienland, wie es plakativ auf den Nummernschildern des Bundesstaats heißt. Die Winter sind – wie überall in Neuengland – zwar hart und eisig, doch die Sommer kommen immer süß und gelassen daher, riechen nach Salz, Blaubeeren und unendlich viel Zeit.

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