Australien : Gestalt des Lebens

Seltsame Figuren stehen in der Salzwüste des australischen Outbacks. Eine Installation mit genialer Wirkung von Antony Gormley.

Franz Lerchenmüller
Scheinbar verloren in der Wüste. Doch der Schein trügt. Der Künstler Antony Gormley platzierte seine eigenwilligen Skulpturen durchaus planvoll in der weiten Ebene.
Scheinbar verloren in der Wüste. Doch der Schein trügt. Der Künstler Antony Gormley platzierte seine eigenwilligen Skulpturen...Foto: Franz Lerchenmüller

Die Luft flimmert schlierig, spiegelt das Weißgrau und das Rot des ausgetrockneten Salzsees. In Sichtweite vom Ufer entfernt erhebt sich wie ein Kegel ein rund 40 Meter hoher Berg. Gleich daneben erkennt man im flirrenden Licht eine kleine, schwarze, sehr schmale Gestalt. Verschwommen taucht dahinter eine weitere auf. Schließlich sind vier, fünf im Dunst auf der weiten Ebene auszumachen. Zitternde Striche in der Landschaft, weit voneinander entfernt. Dies ist Lake Ballard im Golden Outback von Westaustralien.

Der Berg heißt Snake Hill. Und die Figuren sind Elemente von „Inside Australia“, einer Installation von Antony Gormley, ganz sicher eines der am weitesten von der Zivilisation abgelegenen zeitgenössischen Kunstwerke der Welt.

 Von Kalgoorlie aus, der nächstgelegenen ernst zu nehmenden Stadt, sind es 130 Kilometer in das fast menschenleere Menzies. Und von dort hat der kulturbeflissene Tourist bis zum See weitere 50 Kilometer zurückzulegen, über eine staubige Piste ratternd durch menschenleeres, rotes Land, in dem höchstens ein paar Büsche grünen.

Viele Einwohner arbeiten im "Superpit", der größten Mine des Kontinents

Wie mögen sich wohl jene Heerscharen von Glückssuchern gefühlt haben, die in den 1890er Jahren hier ausschwärmten,  angelockt von Gerüchten um kartoffelgroße Goldbrocken, die man bloß auflesen müsse? So mancher stieß tatsächlich hier auf seine persönliche Bonanza, die meisten jedoch mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Antony Gormley
Antony GormleyFoto: picture alliance

Allein in  Kalgoorlie bestimmt das Gold nach wie vor das Leben. Viele Einwohner arbeiten im „Superpit“, der größten Mine des Kontinents, einer Riesenbadewanne von vier Kilometern Länge, zwei Kilometern Breite und 600 Metern Tiefe.

Aber wie kam eigentlich Kunst in diese unwirtliche Gegend?

Goldgräberland, hierher pilgerten in den 1890er-Jahren Zehntausende, Lebhafte Städte wie Coolgardie, Norseman oder Menzies schossen aus dem Boden – und sind heute verschlafene Nester mit 200, 300 Einwohnern. In Gwalia stehen die Wellblechhütten der Minenarbeiter, als hätten diese eben erst den Tisch verlassen. In Kookynie (acht Einwohner statt einst 3500) kippte Lazy Les, ein Goldgräber, aus seinem Filmdöschen Nuggets auf den Tisch.

Der Festivalchef sagte mutig Ja

In Kalgoorlie aber leben immer noch 30.000 Leute. auf die Suche gehen will, bekommt bei „finders x keepers“ alles nötige Material - vom Metalldetektor über die Spitzhacke bis zum Goldatlas . Seinen glücklichen Fund kann er dann gleich drei Türen weiter versilbern: Goldhändlerin Lecka Mahoney zeigte ein Nugget, das sie an diesem Morgen von einem Schürfer gekauft hatte. Mit 35.000 Dollar in bar sei er – fröhlich pfeifend - zur Tür hinausspaziert.

Alles nahm 2002 seinen Anfang. Zum 50. Jubiläum des Kunstfestivals in Perth bat dessen Leiter den renommierten Künstler Antony Gormley, sich etwas Überraschendes einfallen zu lassen. Ein repräsentatives Stück für die quirlige Hauptstadt Westaustraliens etwa. Immerhin, der viel gefragte Engländer versprach, darüber nachzudenken. Mit einem Freund flog er über die schier endlose Region, um sich ein Bild zu machen, sich auf die Gegebenheiten einzustimmen.

Dabei entdeckte er das 70 Kilometer lange und 30 Kilometer breite System von Salzseen, die – je nachdem, wie es geregnet hat – mal mehr, mal weniger miteinander verbunden sind. Gormley war wie elektrisiert und schlug seinem potenziellen Auftraggeber vor, 100 Figuren in diesen See zu setzen – 750 Kilometer von Perth und dem erwartungsvollen Publikum entfernt. Der Festivalchef sagte trotzdem Ja, handelte den Künstler allerdings auf 51 Figuren und eine Preis von 650.000 australischen Dollar herunter, umgerechnet 430.000 Euro. Der Londoner konnte beginnen.

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