Amazonas : Jazz im Urwald

Konzert und Schauspiel: Im Amazonasbecken von Ekuador trumpft die Natur grandios auf.

Beate Schümann
Alberto vom Stamm der Cofan. Er ist einer der letzten Schamanen im Cuyabeno-Naturreservat, geschmückt mit Jaguarzähnen um den Hals und Papageienfedern am Kopf.
Alberto vom Stamm der Cofan. Er ist einer der letzten Schamanen im Cuyabeno-Naturreservat, geschmückt mit Jaguarzähnen um den Hals...Foto: Schümann

Es stinkt. Ein etwas übel riechender Dunst steigt plötzlich auf. Wir fahren friedlich auf dem Cuyabeno-Fluss, mitten in der grünen Lunge des Regenwaldes von Ekuador. Keine Industrie, keine Abgase. Aber es duftet so, dass die Nase beleidigt ist. "Hört ihr das Fauchen?", ruft Kurt, der im Einbaum vorn sitzt und auf das Ufergebüsch zeigt. Unter dem dichten Blätterwerk hockt ein hühnergroßer Vogel, rote Augen, Kopfhaube, weißer Hals, lange schwarz-blaue Schwanzfedern, schön anzusehen. "Von dort kommt der Mief!"

Ein Indianer in Manhattan könnte nicht weniger staunen als wir im Amazonas. Kurt Beate, der Urwaldführer mit deutschen Vorfahren und einem ungewöhnlichen Namen, ist hin und weg. "Ein Hoatzin, auch ,Zigeunerhuhn‘ oder ,Stinkvogel‘ genannt", sagt er. Eine Spezies, die nur im Amazonasbecken vorkomme, verwandt mit Turakos oder Kuckucken. Evolutionsforscher glauben, dass er das Missing link der ausgestorbenen Reptilvögel wie der Archaeopteryx’ sein könnte. "Der Stinkvogel kann nicht fliegen. Er flieht nicht, er wehrt sich eben anders."

Eine Einbaumlänge weiter herrscht wieder der fette Humusduft des Regenwaldes vor. Der Hoatzin ist einer von 560 Vogelarten im Cuyabeno-Naturreservat. Kurt ist der Natur verfallen. "Urwald ist Musik. Sonst ist er nur grün", sinniert er in der nächsten Flussbiegung und lässt Bootsführer Jaime erneut den Motor abstellen. "Ihr müsst auf die Vögel hören. Das ist der Jazz des Urwalds. Bach und Mozart habt ihr dann wieder zu Hause."

Jaime steuert unterdessen das Boot durch eine fast lückenlose grüne Wand aus Baumriesen, Luftwurzeln, Lianen, moosbedeckten Ästen und verkümmerten Zweigen. Morphofalter umsegeln neugierig die Eindringlinge. Wenn sie ihre Flügel klappen, leuchtet ihre Oberseite in leuchtendem Stahlblau, schöner noch als der Rücken des Eisvogels. "Und wenn du mal schlecht drauf bist, kommt garantiert ein Kolibri und macht dir gute Laune."

Auch deshalb lebt Kurt am Cuyabeno, einem der zig Amazonas-Quellflüsse, die aus den Anden kommen. Im Grenzland zu Kolumbien umfasst das Cuyabeno-Naturschutzgebiet 600 000 Hektar Regenwald mit einer erstaunlichen Artenvielfalt und einem unergründlichen Labyrinth aus Wasserwegen, touristisch kaum erschlossen. Das Reservat wurde 1980 auf Drängen von Naturschützern eingerichtet, um das Gebiet vor dem Zugriff internationaler Ölmultis zu bewahren, die im Nordosten bohren. "Das eigentlich Interessante sind die Mäander, die kleineren Nebenflüsse. Wenn man auf dem Amazonas selbst ist, ist er nur ein großer breiter Fluss." Wir stehen hier genau am Anfang, gleich neben dem Äquator.

Jaime dreht den Einbaum gekonnt bei und legt am Steg der Tapir Lodge an. Die komfortablen Baumhäuser haben Kurt und sein Partner Jaime selbst gebaut. Als überzeugter Ökologe nutzt Kurt Solarenergie statt dröhnender Generatoren. Biogas gewinnt er durch die Kläranlage. Überall wachsen selbst gezogene Bromelien, im Garten diverse Küchenkräuter. Gute Nachbarschaft pflegt er, vor allem mit Fledermäusen, die er mit Bananen füttert, und einer Tarantel, die er liebevoll "Tarancita" nennt; sie ist völlig ungiftig. Abends zaubert der Koch Dreigängemenüs, in der Bar mixt der Chef persönlich seinen Spezialdrink: Saft der Passionsfrucht, viel Zucker und viel, viel Wodka. Dazu spielt das Urwaldkonzert auf - es zirpt, krächzt, summt, sirrt und pfeift.

Tagsdrauf treiben wir wieder auf dem Cuyabeno. Brüllaffen turnen in den Bäumen, Leguane flitzen, Papageien kreischen. "Macht eure Augen auf für das Kleine. Das Große ist so gut wie unsichtbar", doziert Kurt und ist wieder bei Vögeln, Schmetterlingen und Insekten. Denn die Big-Five des Regenwaldes - Jaguar, Ozelot, Ameisenbär, Boa und Kaiman - sind nur selten zu sehen. Zwei Drittel des Tierlebens spielt sich in den Baumkronen ab. Verglichen mit einer Afrika safari löst der Regenwald keine besonderen Ängste aus.

"Wollt ihr baden?" Äh, hier? Doch Kurt wiegelt ab: "Kaimane sind nachtaktiv, Anakondas menschenscheu und Piranhas kommen in Schwarzwasserflüssen wie dem Cuyabeno nicht vor." Die Ersten springen schon, dann schwimmen alle.

Nach der erfrischenden Abkühlung geht es in den Dschungel. Ohne den Fahrtwind vom Einbaum wird es tropisch heiß. Die Luft steht. Mit Gummistiefeln stapfen wir über den weichen Humusboden und unter 40 Meter hohen Kapokbäumen, durch Gestrüpp, Lianen und Luftwurzelvorhänge. Flügelähnliche, mit Flechten bewachsenen Brettwurzeln, die höher als wir selber sind, stützen die Riesen. Wir steigen über Wurzeln, die 80 Meter lang werden können, streifen an Kakaobäumen, blühenden Bromelien, Orchideen und Helikonien vorbei. "Der Regenwald ist wie ein Wohnhaus", erklärt Kurt. "Jeder braucht den anderen." Fehle nur einer, drohe das Gleichgewicht auseinanderzubrechen. An einem verrottenden Baum zeigt er Ameisen, die eigentlich ganz normal aussehen. "Ein kleiner Urwaldsnack gefällig?", fragt er munter und schnappt sich ein paar Tierchen mit der Zunge. Alle machen es nach. "Köstlich!", ruft einer, "wie Brausepulver, Sorte Zitrone." Urplötzlich verstummen die Vögel. Der Wald wird still. Einzelne Regentropfen sind auf den Blättern zu hören. Minutenlang schirmt das Kronendach ab. Dann prasselt der Tropenregen nieder. Zehn Minuten, nicht mehr. Die Dusche endet abrupt, so plötzlich wie sie gekommen ist.

Der Wald lichtet sich. Der platt getretene Pfad führt zu ein paar Holzhütten. Hühner flitzen davon, als sie uns entdecken. Ein bunter Ara kreischt. Eine Schar Kinder läuft uns aufgeregt entgegen. Auch Alberto ist vom Stamm der Cofan. Er ist einer der letzten Schamanen der Gegend, der Heiler der verbliebenen Eingeborenen. Und er nimmt seinen Job ernst. "Ich heile auch Touristen", sagt er und lächelt milde. "Wenn sie wollen." Der greise Cofan strahlt zwar Weisheit und Vertrauen aus, doch keiner traut sich.
Alberto ist eine beeindruckende Gestalt: auf dem Kopf ein Kranz aus Papageienfedern, im Gesicht rote Bemalung, eine Feder in der Nase befestigt, Glasperlen und Jaguarzähne um den Hals. Und der Medizinmann nimmt seine Aufgabe ernst. Mehrmals im Monat vertreibt er böse Geister und Krankheiten aus seinen Patienten. Er zelebriert ein magisches Ritual und trinkt dazu einen Drogencocktail aus Kräutern und Lianen. Und die Reise in sein geheimnisvolles Universum beginnt, eine Welt, von der die Fremden aus dem über alles aufgeklärten Europa keine Vorstellung haben. In den härteren Fällen mixt er sogar mit Engelstrompete, die ihn manchmal erst nach 24 Stunden aus dem Zauber entlässt.

Im Cuyabeno-Park hat der Medizinmann den allerbesten Ruf. Auch wenn er für Heilung nicht garantiert. Doch seine Welt ist noch in Ordnung. Er besitzt vielleicht keine Uhr und kein Buch. Aber er weiß, dass wir von Magie keine Ahnung haben. "Alles Überlieferung", sagt er. Die Fähigkeit müsse der Mensch in sich tragen. Er meint damit, dass man den Tod, die Sonne und die Sterne begreifen müsse, dann sei man für den Zauber begabt. Sein bester Ratgeber sei der Regenwald. Aber heute könne kaum jemand darin lesen.

Der Schamane findet, dass er genug seiner Geheimnisse verraten hat, wirkt etwas müde und entlässt seine Gäste. Wenig später sind wir wieder draußen im unergründlichen Grün des Amazonas.
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TIPPS FÜR EKUADOR //

ANREISE

Iberia fliegt ab Berlin über Madrid nach Quito ab etwa 894 Euro ( www.iberia.de ). Die staatliche Gesellschaft Tame fliegt 30 Minuten von Quito nach Lago Agrio im Cuyabeno Naturreservat. Preis: 120 US-Dollar retour.

REISEZEIT

Ganzjährig.

ÜBERNACHTUNG

Tapir Lodge (Laguna Grande/Cuyabeno, Internet: www.tapirlodge.com ). Hochgelobte Unterkunft im Regenwald mit zwölf Doppelzimmern, zwei Dreier- und zwei Fünferzimmer; alle mit Bad und heißem Wasser. Übernachtung zwischen 106 und 142 Euro pro Person.

LITERATUR

Apa Guide mit Reisemagazin: Ecuador/Galápagos. Polyglott-Verlag, 1. September 2010, 368 Seiten, 24,95 Euro

Volker Feser: Ecuador, inklusive Galápagos. Michael Müller Verlag, Erlangen, 5. Auflage Dezember 2009, 695 Seiten, 26,90 Euro

AUSKUNFT

Ekuadorianische Zentrale für Tourismus, Robert-Bosch-Straße 28, 63225 Langen; Hotline: 008 00 / 59 30 05 93 (kostenfrei), im Internet unter www.visit ecuador.de wird einem zwar für den Besuch gedankt, doch die Seite ist leider noch "in Bearbeitung". Informationen finden sich jedoch unter www.ecuador . travel, allerdings nur auf Spanisch und Englisch.

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