Auf dem Río Napo : Mit der Schlange in den Regenwald

Die "Anakonda" gleitet durch Ecuadors Norden – mit Stopps für tierisch-spannende Landgänge

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Kabinen mit bester Aussicht bietet die „Anakonda“, die in Ecuador auf dem Río Napo als Kreuzfahrtschiff unterwegs ist. Foto: Axel Baumann
Kabinen mit bester Aussicht bietet die „Anakonda“, die in Ecuador auf dem Río Napo als Kreuzfahrtschiff unterwegs ist.Foto: Axel Baumann

Ankunft in El Coca. Das Abenteuer kann beginnen. Unsere kleine Reisegruppe – vier Europäer, drei Amerikaner – hat von diesem kleinen Städtchen aus eine Flusskreuzfahrt auf der „Anakonda“ gebucht. Sie befährt den Río Napo, einen der vielen Zuflüsse des Amazonas, durch den ecuadorianischen Regenwald. Der Trip wird nicht Jahre dauern, wie der des Konquistadoren de Orellana, sondern nur fünf Tage. Aber wir werden nachts die gleichen Geräusche hören, die gleichen seltsamen Pflanzen und Tiere sehen wie die ersten Spanier, die auf der Suche nach dem legendären Goldland „Eldorado“ waren. Doch etwas hat sich verändert: Männer mit Schutzhelmen, blauer Arbeitskleidung und gelben Gummistiefeln wimmeln durch den Urwald, suchen unter der Erde das Gold der Neuzeit: Erdöl.

Von El Coca, offiziell Puerto Francisco de Orellana, düsen wir mit Steuermann Newton in einem motorisierten Kanu 70 Kilometer flussabwärts über den dunkelbraunen Napo, da die „Anakonda“ aufgrund von Niedrigwasser den Hafen nicht anlaufen kann. Hinter einer Sandbank versteckt taucht nach zweistündiger Schnelltour am Ufer unser dreistöckiges Boutiquehotel auf.

Schon am ersten Abend wagen wir die erste Exkursion. Gegen 18 Uhr setzt die Dämmerung ein. Ausgerüstet mit Taschenlampe, Fotoapparat und etwas mulmigem Gefühl im Bauch stiefeln wir hinein in den stockfinsteren Wald. Fredy, unser indianischer Guide, gibt ein paar Sicherheitshinweise: „Nichts anfassen, nirgendwo gegenlehnen, keinen Blitz beim Fotografieren benutzen und immer auf den Boden schauen. Wer etwas sieht, bitte sofort melden.“

Früh aufstehen ist Pflicht

Moskitos schwirren und summen um die Wette, stechen aber (noch) nicht. Es ist warm und feucht wie in einer Dampfsauna. Lichtstarke LED-Taschenlampen leuchten das Gestrüpp und fast jedes einzelne Blatt ab wie Suchscheinwerfer, aber wir sehen trotzdem nicht viel in der Dunkelheit. Nur Fredy, der im Urwald aufgewachsen ist, weiß, wo er suchen muss, und findet ständig etwas: einen Tausendfüßler, einen kleinen grünen Frosch, der sich kaum vom Blatt, auf dem er sitzt, abhebt, eine Tarantel und nachtaktive Ameisen. Zurück an Bord eilen alle unter die Dusche. Man weiß ja nie, ob sich nicht doch ein Krabbeltier eingenistet hat …

Im Urwald ist frühes Aufstehen Pflicht, weil die Natur mit dem ersten zarten Tageslicht erwacht. Die „Anakonda“ verlässt ihren Ankerplatz und manövriert im Schlingerkurs stromabwärts. Während der Fahrt steigen wir ins Kanu um. Eine etwas kippelige Angelegenheit, doch es klappt. Newton nimmt Kurs auf die Pañacocha-Lagune. Der Yasuni-Nationalpark, zumindest was über der Grasnarbe wächst und lebt, gehört den indigenen Einwohnern, den Kichwa. Bodenschätze wie Erdöl gehören auch hier dem Staat.

Durch Eintrittsgelder für den Park finanzieren die Kichwa Projekte, um von den Ölkonzernen unabhängig zu sein. Sie haben Lodges gebaut, befestigte Pfade angelegt sowie einen Eisenturm errichtet, damit Besucher in den hohen Wipfel eines gut 700 Jahre alten Kapokbaumes steigen und den Urwald von oben entdecken können. In der Baumkrone gibt es ein eigenes Biotop mit unterschiedlichen Moosen, Orchideen und Bromelien. Manche Eidechsen und Frösche fühlen sich hier oben so wohl wie ihre Artgenossen auf dem Boden.

Papageien schwirren herum wie wilde Hummeln

Langsam treibt das Kanu mit der Strömung. Rechts und links nur eine grüne Wand aus Blättern. „Leise“, mahnt Fredy und flüstert: „Auf 13 Uhr Manakin.“ Mit einem Laserpointer deutet er die Richtung an. Doch wir wissen nicht, wie ein Schnurrvogel aussieht, und bei einem Tier, das die Größe eines Sperlings hat, ist es, als suche man zwar nicht die Nadel im Heuhaufen, aber im Dickicht. „Acht Uhr Turtel“, lautet die nächste Ansage. Flutsch – sind die Mini-Schildkröten auch schon im Wasser untergetaucht.

Bei den Fledermäusen klappt es besser. Die sind noch zu verschlafen, um sich einen neuen Baum oder Ast am helllichten Tage zu suchen. Hin und wieder versucht unser Guide auch eine Vogelstimme zu imitieren, um herauszufinden, wo sich ein Tier versteckt haben könnte. „Sieben Uhr Grey Heron.“ Endlich, gleich entdeckt! Nicht weil der Vogel etwas größer ist, sondern weil uns ein Graureiher auch aus heimischen Gefilden bekannt ist.

Am nächsten Morgen schippert Newton an das südliche Ufer des Napo in einen anderen Teil des Yasuni-Nationalparks. Nach einem halbstündigen Fußmarsch kommen wir zu einer Salzlecke. Hier versammeln sich immer zur gleichen Tageszeit verschiedene Arten von Papageien und vielfarbigen Wellensittichen, um Salze aufzunehmen. Tagsüber fressen die Vögel Samen, Früchte, Blätter, die auch Toxine enthalten. Die Mineralien neutralisieren und fördern die Verdauung. Ein Abführmittel rezeptfrei mitten im ecuadorianischen Dschungel.

Alle Augen sind auf eine rund 20 Meter entfernte Mulde in einer Lehmwand gerichtet. Die ersten Vögel flattern zaghaft in das Tal, als wollten sie erst mal ausspähen, ob keine Gefahr droht. Schließlich trauen sich mehr und mehr Sittiche und Papageien in die Senke. Wie wilde Hummeln schwirren sie umher. Die braune Mulde wird zu einem grellbunten Teppich aus Hunderten von grünen Vögeln mit gelben, tieforange- und türkisfarbenen Punkten auf dem Gefieder.

Augen zu, Mund auf

Zum Abschluss der Kreuzfahrt statten wir einer indigenen Sani-Gemeinde einen Besuch ab. Etwa 65 Familien leben hier. „Ala punschu – Guten Morgen“, begrüßt uns Monica, eine der Dorfbewohnerinnen. Im Gemeinschaftshaus, einer auf Stelzen gebauten Holzhütte, bereitet sie für uns eine kleine Mahlzeit zu. Die Zutaten werden in einer Palmenblatt-Folie über dem offenen Feuer gegrillt. Nachdem wir einen grätenreichen, aber gut gewürzten Fisch mit Maniok und gebackener süßer Banane verspeist haben, offeriert Monica noch die Spezialität des Hauses: Maiones. Das sind vier Zentimeter lange weiße Maden, auf Holzstäbe gespießt und geröstet.

Augen zu, Mund auf. Der dicke Mantel der Fliegenlarven ist zäh wie Kaugummi. Das Innere weich und geschmacklos wie eine Weißwurst. „Ein wichtiger Eiweißlieferant, der gut wirkt gegen Asthma“, sagt Monica zum Abschied. Dann kann die Luft im schwülen Busch heute ja nicht mehr knapp werden … Nach fünftägiger Dschungelfahrt kehren wir zurück in die Zivilisation mit ihren bekannten Gerüchen und Geräuschen und bald auch wieder normalen Pflichten.

Fredy hat hingegen hat ganz andere Träume. Er plant eine lange Floßfahrt. Er möchte den Napo und Amazonas bis zur Mündung befahren. Sich von dem ernähren, was der Urwald seit Hunderten von Jahren dem Menschen bietet. Eine Aufklärungsreise über die Natur, aber auch, um den am Fluss lebenden Menschen zu erzählen, welche Rechte und Möglichkeiten sie haben, Ursprünglichkeit und Moderne in Einklang zu bringen und zu erhalten. In einigen Jahren, so hofft Fredy, wird er seine Traumreise verwirklichen können.

Ecuador auf der ITB in Halle 1.1

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