Trampen mit dem Frachter : Fahrt ins Blaue

Der Frachter „Frank W“ hat keine festen Routen. Wo etwas zu laden gibt, macht er Halt. Wer als Passagier an Bord ist, erlebt Seefahrt pur

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Volle Kraft voraus. Doch wenn eine Order der Reederei eingeht, muss der Frachter schnell die Richtung wechseln.
Volle Kraft voraus. Doch wenn eine Order der Reederei eingeht, muss der Frachter schnell die Richtung wechseln.Foto: Bernd Ellerbrock

Schnell, schnell! Muße haben die Jungs von der „Frank W“ jetzt wahrlich nicht. Mitten in der Nacht mussten sie alle raus aus Kojen und Kammern, vom Chefingenieur bis zum Koch. Über die wacklige Gangway werden Pakete, Kisten und Kästen via Menschenkette weitergereicht. Dutzende von Flaschengebinden werden an Bord genommen. Palettenweise frisches Obst und Gemüse schaukelt über die Reling, ein XXL-Sack voller Kartoffeln wird an Deck gestemmt.

Zwischendurch wandert in Gegenrichtung mein Koffer von Bord. Als kleines, letztes Dankeschön an die Crew helfe ich, die eingeschweißten Waren von ihren Plastikumhüllungen zu befreien, damit das Entladen zügiger geht. Es ist das erste Mal, dass ich als Passagier mithelfe (vom Teekochen für den Kapitän einmal abgesehen) – hier an der von Flutlicht erhellten Nordkammer der großen Seeschleuse in Kiel-Holtenau.

Genau hier hatte ich mich vor zehn Tagen auch eingeschifft. War pünktlich im Morgengrauen um 5.15 Uhr angekommen, nicht ahnend, dass der Frachter schon vor der Schleuse Brunsbüttel viel Zeit verloren hatte, in einer der zwölf Weichen des Kanals erneut warten musste und sich deshalb um mehrere Stunden verspätete. So begann das entschleunigte Leben schon wartend im Aufenthaltsraum des Seemannsheims. Erst mal an Bord, würde ich sowieso alle Zeit der Welt haben.

Mit Glück zurück durch den Kiel-Kanal

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nur dreierlei: Erstens, woher das Schiff kam: nämlich aus Vlissingen, Niederlande. Zweitens, welchen Hafen es als nächsten anlaufen würde: nämlich Oulu, Nordfinnland. Und drittens: dass es irgendwann auch wieder den Nord-Ostsee-Kanal, international auch „Kiel-Kanal“ genannt, durchfahren würde, so dass ich genau hier wieder aussteigen könnte.

Immer gut gelaunt — der Matrose Albert Duku aus Ghana.
Immer gut gelaunt — der Matrose Albert Duku aus Ghana.Foto: Bernd Ellerbrock

Vorausgesetzt freilich, die „Frank W“ würde anschließend nicht immer nur Häfen der Ostsee ansteuern; vorausgesetzt, der Kanal würde nicht mal wieder gesperrt wegen Havarie, kaputten Schleusentoren oder Streik; vorausgesetzt, die Route zurück in die Nordsee würde tatsächlich durch den Kanal führen und nicht etwa um Skagen herum. Vorausgesetzt also, mein kleines Abenteuer würde sich in genau den überschaubaren Grenzen halten, die ich mir ausgemalt hatte.

Ziemlich viel Konjunktiv dabei, aber, um es vorwegzunehmen: Ich hatte Glück.

Für den Kapitän ist das Schiff eine "olle Gurke"

Mit 90 Metern Länge und 12,5 Metern Breite ist die „Frank W“ wahrlich kein großer Pott, Kapitän Michael Lüdtke nennt ihn eine „olle Gurke“ und wundert sich, dass es immer wieder Passagiere gibt, die es auf seinen kleinen „Dampfer“ verschlägt. Die traditionsbewusste Reederei Wieczorek aus Hamburg hat gleich sechs solche Trockengut-Frachter für Getreide, Futtermittel, Schrott, Müll, Holz, Projektladung, Kali oder Steine in Fahrt.

Wer als Passagier mitfährt, muss flexibel sein. Denn solche Schiffe sind nicht wie die meisten Containerfrachter im Linienverkehr eingesetzt, sondern in der sogenannten Trampfahrt, also ohne feste Route und Fahrplan.

Trampreedereien gibt es schon seit einer Ewigkeit. Im 19. Jahrhundert war es sogar üblich, große Segelschiffe um die halbe Welt „trampen“ zu lassen, wie es Jean Randier über „die großen französischen Frachtsegler“ beschreibt: „Mit englischer Kohle von Europa nach Chile und mit Salpeter zurück; mit Industrieausrüstungen nach der Westküste der USA und mit Schnittholz zurück; in Ballast nach Neukaledonien und mit Nickelerz zurück; schließlich die australische Weizenfahrt; gelegentlich auch Trampreisen von über einem Jahr rund um die Erde.“

Die „Frank W“ tingelt allerdings im überschaubaren Fahrtgebiet zwischen Nord- und Ostsee hin und her, läuft dabei unterschiedliche Häfen und Ladeplätze an, je nachdem, wohin sie vom Charterer und Befrachter, der niederländischen „königlichen“ Reederei Wagenborg, dirigiert wird.

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