Weltreise mit Kindern : Mit dem Schulbuch unter Palmen

Fünf Monate auf Reisen mit einem schulpflichtigem Kind und einem Kleinkind – geht das denn überhaupt? Eine Kreuzberger Familie hat dieses Abenteuer in Sri Lanka gewagt.

von
Amelie bei den Hausaufgaben.
Amelie bei den Hausaufgaben.Foto: Malte Clavin

„Morgens bin ich einfach in Richtung Strand losgelaufen, nur mit einer Badehose an, ohne Schuhe, ohne Handtuch. Ich habe gemerkt, wie wenig ich eigentlich brauche. Das war faszinierend“, sagt Malte Clavin. „Na, für dich vielleicht“, sagt seine Frau Annette und lacht. „Ich musste schon ein bisschen planen und habe dann die Sonnencreme, die Windeln und etwas zu trinken für die Kinder eingepackt.“

Fünf Monate war Familie Clavin in Sri Lanka unterwegs -  Vater Malte, Mutter Annette, Tochter Amelie, 10 Jahre, und Smilla, eineinhalb. Jetzt sitzen sie an ihrem Kreuzberger Küchentisch und erzählen. Amelies Augen strahlen. „Am schönsten war, dass alle mit den Fingern essen“, sagt sie. „Und mit Papa auf den Adams Peak steigen“. Mitten in der Nacht hatte sich Malte allein mit Amelie auf den Weg gemacht, um den Berg zu erklimmen, der auf Sri Lanka vier Religionen als heilig gilt - es wurde ein unvergessliches Erlebnis für die beiden.

Vielleicht sind es Momente wie diese, die Malte Clavin meint, wenn er sagt: „Reisen sind die intensivsten und eindrücklichsten Zeiten im Familienleben, große Einzahlungen auf das seelische Bankkonto. Und deshalb wollen wir unser Leben mehr danach ausrichten.“ Er schwärmt von der Gelassenheit, die sich irgendwann einstellt: „Wenn wir nachmittags einfach sitzen bleiben konnten, weil die Sandburg noch nicht fertig gebaut war. Weil es einfach nichts zu erledigen gab. Weil dann wirklich Raum für Neues entsteht, der nicht von selbst geschaffenen Ablenkungen oder Gewohnheiten zugekleistert wird.“ Kaum sind sie zurück in Berlin, geht „die Tretmühle wieder los“, wie Annette das nennt. Das Organisieren und Durchwurschteln. Arbeiten, Elternabend, Einkaufen, zum Klavierunterricht und zum Hockeytraining, Arzttermine, Wäschewaschen.

Aber die Schulpflicht?

So lange verreisen mit einem schulpflichtigen Kind, geht das denn überhaupt? „Ja, es geht“, sagt Annette, „aber man muss sich vorher gut informieren und gemeinsam mit der Schule eine Lösung finden.“ Sie haben sich frühzeitig mit Amelies Lehrerin an ihrer Kreuzberger Grundschule zusammengesetzt – und auch ein bisschen Glück gehabt. „Amelies Lehrerin ist selbst vom Reisen begeistert. Ihrer Meinung nach können Kinder auf Reisen viel mehr lernen als es in der Schule überhaupt möglich ist. Insofern hatten wir da eine große Unterstützung.“

Im Schulgesetz ist geregelt, wie mit der Schulpflicht umzugehen ist. Danach können Beurlaubungen aus „wichtigem Grund“ erfolgen, zum Beispiel weil sie medizinisch notwendig sind oder wegen wichtiger Feiern im engsten Familienkreis. Ausdrücklich nicht genehmigt werden sollen Beurlaubungen direkt vor und nach den Ferien. Ob die Beurlaubung tatsächlich durchkommt, liegt im Ermessen der Schulleitung und der Schulbehörde. Dabei ist laut Schulgesetz zu berücksichtigen, wie der Leistungsstand des Kindes ist und ob es während einer längeren Abwesenheit anderweitig unterrichtet werden kann.

All dies war bei Amelie kein Problem. Sie ist gut in der Schule und Mutter Annette hatte Spaß daran, sich auf der Reise als Lehrerin zu erproben. Jeden zweiten Tag setzten sich die beiden zusammen, packten die mitgebrachten Bücher aus und gingen den Lehrstoff durch. Sechs Kilo wog das Schulmaterial, das sie eingepackt hatten. Zwischendurch schickte Amelie Aufsätze per E-Mail an ihre Klasse. Zum Beispiel über ihre Erlebnisse mit Meeresschildkröten auf Sri Lanka oder zum Thema Tsunami.

Ob eine so lange Zeit ohne Klassenverband und normalen Unterricht aber jedem Kind gut tue, das lasse sich so pauschal nicht beantworten, sagt Annette Clavin. Eine offene Rücksprache mit den Lehrern und eine ehrliche Einschätzung, was das eigene Kind zum Lernen braucht, sei wichtig. „Amelie lernt einfach sehr gern und ist selbständig“, sagt ihre Mutter. Auch nach der Rückkehr habe sie keine Schwierigkeiten gehabt, sich wieder in die Klasse zu integrieren. In vielen Fächern sei sie jetzt sogar weiter als ihre Mitschüler. „Und Englisch hat sie in diesem Urlaub auch noch so nebenbei gelernt“.

Annette, Smilla, Amelie und Malte Clavin.
Annette, Smilla, Amelie und Malte Clavin.Foto: Erik Tolman

Die Clavins haben Erfahrung mit langen Reisen. Schon als Amelie vier war, reisten sie sechs Monate lang durch Vietnam, Laos, Kambodscha, Burma und Bali. Malte arbeitet als selbständiger Unternehmensberater und Fotograf und kann sich Zeit und Geld einteilen, Annette ist Verlagsangestellte, sie nahm für die Reise unbezahlten Urlaub. Schon bevor die beiden Eltern wurden, waren sie viel gereist. Dass das mit Kindern nicht mehr gehen sollte, das wollten sie nicht glauben.

Mit Kindern reist man anders

Aber natürlich reist man mit Kindern anders. Vor einer großen Reise liegen viele Monate der Planung. Als sie anfingen, sich auf ihre erste Reise vor fünf Jahren vorzubereiten, merkten sie, dass es kaum Ratgeber zu diesem Thema gab. Also wurden sie selbst zum Experten. Wie schützt man sich und die Kinder vor Malaria, was muss man alles einpacken, wo gibt es Windeln, welche Impfungen sind notwendig, wie sieht es mit Finanzen und Versicherungen aus? Auf ihrer Webseite www.weltreise-mit-kind.de stellen sie ihre Erlebnisse zusammen und geben Tipps. Malte Clavin rät, sich vor allem nicht verrückt machen zu lassen: „Ich glaube, wir waren alle noch nie so gesund wie in diesen Monaten auf Sri Lanka.“

Ganz wichtig sei es auch, sich nicht zuviel vorzunehmen. Wer fünf Länder in drei Wochen bereisen will, der tut damit weder sich noch seinen Kindern einen Gefallen. Besser wenig planen, sich inspirieren lassen, dem Gefühl trauen und lieber vor Ort schauen, wie es weitergehen soll. „Der Plan ist, keinen zu haben“, sagt Malte. Mit Kindern reise man langsamer, dafür könne man aber auch ganz andere Erfahrungen machen.

Offenbar haben viele Eltern den Wunsch nach einer langen Reise mit ihren Kindern, täglich beantworten die Clavins per Mail Fragen von Familien und verschicken ihre PDF-Ratgeber. Viele Familien würden insbesondere die Elternzeit und das Elterngeld nutzen, um gemeinsam auf Reisen zu gehen. Malte Clavin sieht darin einen Trend, ein neues Lebensgefühl: Nicht mehr nur das Berufsleben zählt, sondern die gemeinsame Familien- und Reisezeit soll im Mittelpunkt stehen. Über diesen Lebensentwurf wollen die Clavins jetzt ein Buch schreiben. Und im nächsten Jahr geht es dann wieder auf Tour.

Fotos der Reisen kann man sich auf den Webseiten www.clavin-photo.com und www.weltreise-mit-kind.de anschauen.

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben