Rekordwinter : Eis, so weit das Auge reicht

Es geschah vermutlich nur fünf Mal in 1000 Jahren – von Januar bis März 1963 war der ganze Bodensee zugefroren.

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In einer langen Prozession trugen katholische Gläubige, begleitet von mehr als 2000 Menschen aller Konfessionen, am 12. Februar 1963 eine Büste des Evangelisten Johannes vom schweizerischen Münsterlingen über den gefrorenen Bodensee nach Hagnau in Baden-Württemberg. 1573 wurde diese Tradition begründet. Foto: picture alliance / Harry Flesch
In einer langen Prozession trugen katholische Gläubige, begleitet von mehr als 2000 Menschen aller Konfessionen, am 12. Februar...Foto: picture alliance / Harry Flesch

Aus der Luft sah das 1963, beim Anflug auf den Flughafen Zürich, gewaltig aus, vor 50 Jahren flogen die Verkehrsflugzeuge deutlich niedriger als heute: 540 Quadratkilometer geschlossene Eisdecke, teils von Schnee bedeckt, an anderen Stellen durchsichtig, tiefschwarz. Wie transparent wölbte sie sich da über dem Bodensee. Zehntausende von Menschen, sie wirkten wie Ameisen, die hin und her strömten, von einem Ufer zum anderen – ein einziges, großes Volksfest, vom Januar bis Anfang März im Jahre 1963. Bis zu 60 cm Dicke wuchs die Eisdecke über dem größten deutschen Binnengewässer. In den vergangenen tausend Jahren war es vermutlich nur fünf Mal vollständig zugefroren. So genau weiß man das bis heute nicht. Zwar sind 33 Mal sogenannte Seegfrörne – das ist der alemannische Begriff – seit dem Jahre 875 in den Chroniken dokumentiert, aber meistens war dann nur der Überlinger oder der Untersee mit Eis bedeckt und nicht auch der 254 Meter tiefe Obersee, wie 1963. In diesen Tagen erinnern sich die Menschen am deutschen, schweizerischen und österreichischen Ufer des historischen Ereignisses.

In der katholischen Kirche des Winzerdorfes Hagnau am Bodensee steht seit dem 12. Februar 1963 eine schlichte, farbig gefasste Holzbüste des Evangelisten Johannes. In einer Prozession tausender Gläubiger war sie an diesem Tag aus dem schweizerischen Münsterlingen über den zugefrorenen See getragen worden. 133 Jahre hatte sie in der Pfarrkirche von Münsterlingen, auf der anderen Seite des Sees, ihren Platz gehabt. Denn 1830 war der See das letzte Mal zugefroren gewesen, konnte der Evangelist über das Eis getragen werden. Noch einmal 34 Jahre davor, 1796, hatte man den Evangelisten von Hagnau nach Münsterlingen gebracht. Denn auch da war der See zugefroren gewesen. Die erste Eisprozession fand 1573 statt, als der See unter dem Eis lag. Damals hatten die Münsterlinger die hölzerne Büste des Johannes gestiftet, von einem heimischen Kunstschreiner fertigen lassen und geschworen, sie über das Eis zu den Deutschen herüberzutragen, und das solle fortan immer geschehen, wenn das Eis den ganzen See bedeckte.

Die erste totale Eiszeit am See ist im Jahre 1277 dokumentiert, dann wieder 1435. Als der Dichter Gustav Schwab 1826 sein Gedicht vom „Reiter und der Bodensee“ aufschrieb, verarbeitete er eine Anekdote, die ihm in Überlingen erzählt worden war. Sie handelte vom Elsässer Postreiter Andreas Egglisperger, der 1573, ohne es zu merken, den zugefrorenen See mit dem Pferd überquert und bei Überlingen auf festes Land geritten war. Anders als in Schwabs dramatischer Dichtung, in der dem Reiter vor Schreck das Herz stehen bleibt, als er begreift, was für eine verschneite Ebene er da gerade durchritten hatte, bekam Egglisperger sein Ritt bestens. Die Überlinger Bürger feierten ihn mit einem großen Fest.

Damit der See zufrieren kann, muss es sehr lange sehr kalt und vor allem windstill sein. Die Kälteperiode der letzten Seegfrörne begann am 27. Dezember 1962 und dauerte bis zum 15. März 1963. In diesen fast drei Monaten lag eine stabile Hochdruckzone über Europa, die sich vom Nordatlantik bis zum Ural erstreckte. Zwar kletterte an einigen Tagen das Thermometer mittags über die Null-Grad-Grenze, aber die Nächte waren bitterkalt. Am 14. Januar 1963 sank die Temperatur auf minus 21,8 Grad, am 26. Februar auf minus 21,5 und am 3. März noch einmal auf minus 17,5 Grad.

Man kann sich heute, in einer Zeit des fast völlig unkontrollierten Grenzverkehrs, das Abenteuerhafte der damaligen Situation kaum vorstellen. Die deutsch-schweizerische Grenze ohne Zollkontrolle und Vorzeigen der Personalpapiere zu überqueren, das war völlig undenkbar. Als der See mehr und mehr zufror und die Eismeister – die von den Seegemeinden bis heute bestellt werden – gefahrlos zu nutzende Routen über den See mit kleinen Tannenbäumen markiert hatten, strömten die Menschen zu hunderten, bald zu tausenden von einem Ufer zum anderen. Zunächst versuchten die Zollbehörden beider Länder, auf dem Eis, etwa in der Mitte des Sees, noch Kontrollstellen aufzubauen. Angesichts der Menschenmassen gaben sie ihr Vorhaben aber bald resignierend auf und beschränkten sich auf Einzelkontrollen am Ufer, die aber auch bald eingestellt wurden, weil sie unfreiwillig recht komisch wirkten.

Mit dem Pferd oder dem Fahrrad den See zu queren, wurde schnell ein Sport. Vor Lindau und Meersburg landeten kleinere Flugzeuge, Mutige fuhren mit dem Auto übers Eis. Ungefährlich war das alles nicht. Immer wieder bildeten sich mit einem Peitschenknall tiefe Risse im Eis, verursacht durch temperaturbedingte Spannungen oder durch Faulgase vom Seeboden. Zwei Kinder erfroren auf einer abgetriebenen Eisscholle, die in der Dunkelheit von Bundeswehrhubschraubern zu spät entdeckt wurde. Nebel und Schneegestöber machten die Orientierung schwer. Immerhin dauerte die Überquerung auf dem mehr als zwölf Kilometer breiten Obersee bis zu vier Stunden. Die Gefahr des Erfrierens im kalten Wind auf der völlig ungeschützten, riesigen Freifläche war nicht gering und mancher rettete sich in der anbrechenden Dämmerung im letzten Moment an ein völlig anderes Ufer, als er ursprünglich anvisiert hatte.

Der immer höhere Sonnenstand im März und die in den Alpen beginnende Schneeschmelze machten dem Bodenseeeis dann schnell den Garaus. Am 15. März nahm die Autofähre von Konstanz nach Meersburg wieder den Betrieb auf, am 17. März folgte der von der Bundesbahn betriebene Schiffsverkehr auf der gleichen Strecke. Wegen der großen Treibeisfelder war es noch länger nicht möglich, über den Obersee bis nach Friedrichshafen oder gar Lindau zu fahren.

Zu einem grandiosen Naturschauspiel wurde das Ende der Eiszeit auf dem schmalen Untersee, durch den der Rhein zum Schaffhauser Rheinfall, dem einzigen Seeausgang, fließt. Das aufgestaute Schmelzwasser drückte tagelang von unten gegen die geschlossene Eisfläche, immer wieder barst sie unter ohrenbetäubendem Lärm. Mitten in einer Spätmärznacht schoss das Eis in der Mitte des Untersees in bis zu zehn Meter hohen Schollen mit einem explosionsartigen Knall in die Höhe, der die Menschen aus dem Schlaf riss.

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