Russland : Noch nie so viele Verletzte bei Meteoriteneinschlag

Es ist der erste Meteoriteneinschlag der Menschheitsgeschichte mit so vielen Verletzten. Wieso wurden die Menschen nicht gewarnt? Kann so etwas auch in Deutschland passieren? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Doris Heimann, Rainer Kayser
Foto: dpa

Ein Kondensstreifen am Himmel, ein rasender Lichtblitz, ein Ohren betäubender Knall. Fensterscheiben bersten, Alarmanlagen heulen auf. Viele Einwohner der russischen Stadt Tscheljabinsk glauben zunächst an einen Flugzeugabsturz. Doch was sich um 9 Uhr 20 Ortszeit über dem Ural abspielt, ist ein seltenes und zerstörerisches Naturereignis: Ein Meteoritenregen geht über der Region nieder. Insgesamt sollen etwa 1000 Menschen verletzt worden sein, viele von ihnen müssen in Krankenhäuser eingeliefert werden. Die meisten von ihnen haben Prellungen, Schnitt- und Splitterwunden erlitten.

Wie haben die Menschen den Einschlag erlebt?

„Ich unterrichtete gerade Sport in unserem Kindergarten, da sah ich durch das Fenster am Himmel einen weißen Streifen, dann gab es einen hellen Blitz“, erzählt die Erzieherin Ljudmila Belkowa, „ich rief den Kindern zu: Legt euch auf den Boden! Macht die Augen zu! Dann folgten fünf oder sechs Explosionen.“ Die Druckwelle zerstört alle Fensterscheiben. Die Erzieher bringen die Kinder in die Turnhalle. „Wir haben ihnen Musik angestellt, versucht, sie abzulenken.“ Vielerorts bricht Panik aus. Handy-Videoaufnahmen zeigen Jugendliche in einer Schulkantine, die schreiend durch Glassplitter laufen, einige bluten. „Das war so eine Explosion wie bei der Atombombe im Film Terminator“, berichtet Michail Schtajura aus Tscheljabinsk schockiert.

Die Druckwelle ist von großer Hitze begleitet. Augenzeugen berichten von einem metallischen Geschmack im Mund. Manche haben Angst vor Radioaktivität. „Bei meiner Schwiegermutter landete ein Brocken auf dem Balkon. Sie macht sich große Sorgen, ob das strahlt“, erzählt Jewegenija Repnikowa. Nach Angaben des Katastropheministeriums wurde aber keine erhöhte Radioaktivität festgestellt. Schnell tauchen die ersten Bilder und Videos des Meteoriten im Netz auf, ein weißer Blitz ist darauf zu sehen, gefolgt von einem Kondensstreifen.

Welche Dimension hatte der Einschlag?

Wohl noch nie hat es in der Geschichte der Menschheit einen Meteoriteneinschlag mit vielen Verletzten gegeben. „Das ist das erste Mal, dass das passiert ist - zumindest soweit wir das dokumentiert haben“, sagte Detlef Koschny, Experte der Europäischen Weltraumorganisation (Esa). Bislang ereigneten sich größere Einschläge abseits größerer Ortschaften wie 1908 in Sibirien am Fluss Tunguska. Nach ersten Erkenntnissen der Russischen Akademie der Wissenschaften war der Himmelskörper, der jetzt mit einem Knall über Tscheljabinsk explodierte, von einem anderen Kaliber als seinerzeit der Tunguska-Meteorit. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Meteorit mehrere Meter groß und Dutzende von Tonnen schwer gewesen sein muss.

Meteoritenregen auf Russland
Das Foto, das von einem Satelliten aus geschossen wurde, zeigt den Schweif des Meteoriten, der im Ural einschlugWeitere Bilder anzeigen
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15.02.2013 12:38Das Foto, das von einem Satelliten aus geschossen wurde, zeigt den Schweif des Meteoriten, der im Ural einschlug

Er schlug mit einer Geschwindigkeit von 15 bis 20 Kilometern pro Sekunde in die Erdatmosphäre ein. Auf einer Höhe von 30 bis 50 Kilometern über der Erdoberfläche explodierte der Meteorit. Die Bewegung seiner Fragmente mit großer Geschwindigkeit habe das Leuchten und den starken Knall ausgelöst. Das Epizentrum der Explosion habe sich etwas südlich von Tscheljabinsk befunden. Größere Teile des Meteoriten sollen in einen See gefallen sein. Es gibt Bilder von einem abgesperrten Loch im Eis. Rund 20000 Retter des Katastrophenministeriums und 10000 Polizisten sind in Tscheljabinsk im Einsatz. Sie sollen möglichst viele Fragmente des kosmischen Brockens sicherstellen. Wissenschaftler erwarten sich davon wertvolle Hinweise.

Der Meteoritenregen von Tscheljabinsk traf die Erde ohne Vorwarnung. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen sind Tag für Tag mehrere Tonnen von Meteoriten-Teilchen in Richtung unseres Planeten unterwegs. Nur ein Zehntel davon trifft allerdings die Erdoberfläche. Entsprechend schwierig ist es, ein Frühwarnsystem einzurichten. In verschiedenen Ländern, darunter in Russland, würden Systeme zur Beobachtung der Bahnen von Himmelskörpern existieren, doch sie seien bisher ungenügend entwickelt, sagte Oleg Malkow, Abteilungsleiter am Institut für Astronomie der Russischen Akademie der Wissenschaften. Meist werden nur ganz große Brocken erfasst. Und selbst dann ist es schwierig, die Bahn des Geschosses zuverlässig vorherzusagen.

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