Samstag ist Kauf-nix-Tag : Kein Geld, keine Probleme?

Ein Leben ohne Geld – am heutigen Kauf-nix-Tag kann man es ausprobieren. Für immer mehr Menschen ist der Verzicht auf sinnlosen Konsum ein echter Gewinn.

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Immer neu, immer mehr. Gerade vor Weihnachten wird viel Geld ausgegeben.
Immer neu, immer mehr. Gerade vor Weihnachten wird viel Geld ausgegeben.Foto: picture alliance / dpa

Als Nunu Kaller alle Schränke und Schubläden geleert hatte, traute sie ihren Augen nicht: Die Kleidung, die sie auf den Boden geschmissen hatte, türmte sich zu einem riesigen Berg auf, allein mehr als 30 Röcke steckten in dem Haufen. Die junge Wienerin wollte einfach mal wissen, wie viele Kleidungsstücke sie besitzt – und war schockiert. „Da dachte ich plötzlich, ich könnte doch einfach ein Jahr aufs Shoppen verzichten. Ich habe ja alles.“ Kaller hielt durch, kaufte zwölf Monate keine neuen Kleider, sondern ging auf Tauschpartys, strickte, lernte nähen und informierte sich über Produktionsbedingungen von Kleidung. Ihre Erfahrungen mit der Shopping-Diät, die Höhen und Tiefen, schrieb sie in ihren Blog „Ich kauf nix!“ und brachte ein gleichnamiges Buch heraus.

In Ländern, deren Bewohner sich heute viele Wünsche problemlos erfüllen können, scheint der Verzicht reizvoller zu werden. Der heutige Kauf-nix-Tag soll Menschen zum Nachdenken über den eigenen Konsum anregen. Die Idee dazu stammt aus Kanada. Dort startete die Organisation Adbusters 1992 eine Kampagne für einen konsumfreien Tag im Jahr, den „Buy Nothing Day“, mit der Hoffnung, dass Menschen langfristig nachhaltiger konsumieren, anstatt billig und viel zu kaufen. In Nordamerika findet der Tag traditionell bereits am Freitag statt – der „Black Friday“ nach Thanksgiving ist ein Festtag für Schnäppchenjäger und läutet die Weihnachtszeit mit vielen Rabatten und Angeboten ein.

Upcycling in der Wegwerfgesellschaft

Seit den siebziger Jahren beobachten Soziologen immer wieder Alternativen zur Konsumgesellschaft, verschiedene Versuche, andere Lebensformen zu testen. Die Überlegung dahinter: Warum immer mehr, warum immer neu? Heute gibt es Gruppen, die gemeinsam „containern“ gehen – also Lebensmittel aus Supermarkt-Containern retten, die nicht mehr ganz frisch oder makellos, aber noch essbar sind. Auf Facebook gibt es für Dutzende Städte „Verschenk’s“-Seiten, auf denen Nutzer kostenlose Güter oder Dienstleistungen gezielt suchen und anbieten. Umsonstläden in ganz Deutschland richten sich nicht nur an sozial Schwächere, sondern hier kann sich jeder bedienen und abgeben, was im eigenen Haushalt nicht mehr benötigt wird, aber zu schade für die Tonne ist. Anstatt kaputte Fahrräder, Möbel und Kleidungsstücke auf den Müll zu werfen, werden Nähkurse besucht und Selbstmach-Werkstätten genutzt. Hier können Werkzeuge meist kostenfrei genutzt werden, Ehrenamtliche geben Tipps für Reparaturen.

„Do it yourself“ und „Upcycling“, also die Neuverwertung gebrauchter Sachen, sind Trendthemen, mit denen manche Unternehmen und Onlineplattformen sogar Gewinn machen. Geht es unter dem Strich also doch wieder um Geld und Konsum? Laut Statistischem Bundesamt steigen die privaten Konsumausgaben kontinuierlich. Ein aktuelle Greenpeace-Studie ergab, dass rund 18 Prozent der Kleidung in deutschen Schränken so gut wie nie getragen wird. Auch wenn Bio boomt und Konsumenten verstärkt regionale Produkte kaufen, schmeißt jeder Bundesbürger pro Jahr noch immer 82 Kilogramm Lebensmittel weg. Und was ändert ein Tag Konsum-Stopp, wenn danach ganz normal weitergeshoppt wird, fragen Kritiker des Kauf-nix-Tages.

Fast 20 Jahre ohne Geld

Heidemarie Schwermer glaubt dennoch an eine bessere Zukunft. Seit fast 20 Jahren lebt die 73-Jährige ohne Geld. „Die Gier und der Wille, ständig etwas Neues haben zu wollen, lassen sich ausschalten“, sagt sie. 1994 gründete die ehemalige Psychotherapeutin eine Gib-und-nimm-Zentrale in Dortmund, die sich schnell etablierte. „Ich wollte schon immer mal ohne Geld leben – dann habe ich gemerkt, dass ich immer weniger davon brauche.“

Außerdem baten sie einige Bekannte, ihre Häuser und Wohnungen zu hüten, wenn sie selbst nicht da waren. Schwermer löste ihren eigenen Haushalt auf, verschenkte alles und lebt seither von dem, was ihr andere Menschen schenken oder leihen. Im Gegenzug hilft sie im Haushalt, berät – oder ist auch mal nur als gute Seele und Freundin da. „Ich habe fünf Jahre gebraucht, bis ich nicht mehr das Gefühl hatte, für jedes Nehmen etwas Gleichwertiges zurückgeben zu müssen.“ Denn selbst ohne Geld bliebe oft das Gefühl, „abrechnen“ zu müssen.

Konsumkritik als Luxusproblem

Seit einigen Jahren bezieht Schwermer eine kleine Rente, die sie bisher verschenkt hat. Einen Teil wird sie nun behalten, um eine Krebsbehandlung zu bezahlen. „Ich muss niemandem mehr etwas beweisen, ich habe gezeigt, dass es ohne Geld geht.“ Missionieren will Heidemarie Schwermer nicht, jeder müsse selbst herausfinden, was unnötig sei.

„Ich finde das spannend, aber für mein momentanes Leben kann ich es mir nicht vorstellen“, sagt Nunu Kaller über Schwermers Experiment. Und wer wirklich arm sei, könne sich ohnehin keine Gedanken über nachhaltigen Verbrauch machen, Konsumkritik sei ein Luxusproblem. Weniger zu kaufen, mehr selbst zu machen – das bleibe erst mal eine Nische, sagt Kaller. „Aber in dieser Nische passiert ziemlich viel.“

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