Schifffahrt : Geisterschiff auf dem Atlantik

Der verrostende russische Dampfer Lyubov Orlova treibt Richtung Europa – falls er nicht vorher sinkt.

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Aufgegeben. Zwei Jahre lang lag die Lyubov Orlova im Hafen von St. John’s. Die Seeleute saßen dort drei Monate fest.
Aufgegeben. Zwei Jahre lang lag die Lyubov Orlova im Hafen von St. John’s. Die Seeleute saßen dort drei Monate fest.Foto: Gerd Braune

Im stürmischen Nordatlantik treibt ein menschenleerer verrostender Dampfer. Zwei Jahre lang hatte die russische Lyubov Orlova beschlagnahmt im Hafen der kanadischen Stadt St. John’s gelegen, bevor er zum Abwracken abgeschleppt wurde, sich bei hohem Wellengang aber losriss. Jetzt droht das herrenlose Geisterschiff internationale Schifffahrtsrouten im Atlantik zu kreuzen – und könnte an Europas Küste getrieben werden, falls es nicht vorher sinken sollte.

Ein Sender auf der Lyubov Orlova, angebracht von der kanadischen Küstenwache, schickt Signale aus, um die Besatzung anderer Schiffe zu warnen. Auch auf den Radarschirmen ist das 100 Meter lange Schiff, das Platz für 100 Kreuzfahrtpassagiere bot, wahrzunehmen. „Ohne Zweifel stellt die Lyubov Orlova eine Gefahr für die Navigation dar“, urteilt Owen Myers, ein auf Schifffahrtsrecht spezialisierter Rechtsanwalt in St. John’s, Hauptstadt von Neufundland und Labrador. Ein Zusammenstoß mit einem Containerschiff, das mit 30 Knoten fahre, könne gravierende Folgen haben. „Solange das Schiff auf dem Wasser treibt, können andere es auf Radar sehen. Ich fürchte aber, dass es nicht mehr zu sehen ist, wenn es teilweise versinkt“, meint Mac Mackay, ein Schifffahrtsblogger in Halifax.

Unklar ist, wie viel Treibstoff noch an Bord ist. Vermutlich ist der größte Teil von der Crew verbraucht worden, die das Öl zum Heizen brauchte, als sie im Hafen von St. John’s festsaß. Whit Sheard von der Umweltorganisation Oceana verweist aber darauf, dass das Schiff wahrscheinlich giftige Chemikalien wie PCBs, Blei, Quecksilber und Asbest enthalte. „Das sind alles Dinge, die wir nicht im Ozean haben wollen und die eine Gefahr für marine Lebewesen darstellen.“

Das 1976 in Jugoslawien für ein sowjetisches Unternehmen gebaute und nach der Schauspielerin Lyubov Orlova benannte Kreuzfahrtschiff ist nur noch ein Wrack. Jahrelang hatte es Touristen in die Arktis und Antarktis gebracht. Im September 2010 aber wurde es in St. John’s wegen eines Streits zwischen dem Eigentümer und dem Unternehmen Cruise North beschlagnahmt. Zudem hatten die 50 Crewmitglieder monatelang keinen Lohn erhalten. Die Bevölkerung von St. John’s versorgte sie, bis sie nach drei Monaten nach Russland geflogen wurden.

Seitdem verrottete das Schiff, das zuletzt unter der Flagge des südpazifischen Inselstaats Cook Islands fuhr, im Hafen. Das Schiff bekam Schlagseite, zeigte immer mehr Roststellen. „Ein Schandfleck“, sagten die Bewohner von St. John’s. Ein iranischer Geschäftsmann, Hussein Humayuni, der kanadischen Medien zufolge in Toronto lebt, dessen Firma Neptune Internationale Shipping aber auf den British Virgin Islands gemeldet ist, kaufte das Schiff für 275 000 Dollar, um es in der Dominikanischen Republik zu verschrotten. Humayuni und sein Neffe Reza Shoeybi, der Miteigentümer ist, hofften offenbar, mit dem Verschrotten Gewinn machen zu können. Je nach den Preisen auf dem Metallmarkt hatten sie mit 700 000 bis 800 000 Dollar Verkaufswert gerechnet, schreibt der in St. John’s erscheinende „Telegram“ unter Bezug auf Shoeybi.

Das vorerst letzte Kapitel der Geschichte der Lyubov Orlova begann, als am 23. Januar ein zu schwaches Schleppboot im Auftrag des Eigentümers den Dampfer aus dem Hafen zog, um ihn in die Dominikanische Republik zu bringen. Unerklärlich ist, warum hierfür die ungünstigste Jahreszeit gewählt wurde. Die Entscheidung habe der Kapitän des Schleppschiffs getroffen, erklärte Kanadas Verkehrsministerium Transport Canada. Vor Neufundland toben Stürme mit zehn Meter hohen Wellen. Das Schlepptau riss. Der Dampfer trieb führungslos auf die östlich gelegenen Ölplattformen zu. Das Ölunternehmen Husky Energy schickte ein Schiff, um den Dampfer einzufangen und eine Kollision mit Ölplattformen zu vermeiden. Dann übernahm ein von Transport Canada gechartertes Schiff die Aufgabe, den Dampfer abzuschleppen. Am Wochenende erreichte die Lyubov Orlova internationale Gewässer jenseits der 200-Seemeilenzone. Ob die Kabel zwischen dem Dampfer und dem Schleppschiff gekappt wurden oder bei hohem Wellengang rissen, ist unklar. „In Absprache mit den Partnern“ sei entschieden worden, das treibende Schiff nicht weiter zu verfolgen, gab Transport Canada bekannt. Das Verkehrsministerium erklärt sich nun für nicht mehr zuständig. „Das Schiff ist in internationale Gewässer getrieben. Wegen der Strömungsmuster und der vorherrschenden Winde ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Schiff wieder kanadische Gewässer erreicht“, heißt es im Ministerium.

Kanada argumentiert, die Verantwortung liege beim Eigentümer. „Als das Schiff Kanadas 200-Seemeilenzone verlassen hatte, war es außerhalb kanadischer Jurisdiktion“, sagt Rob Almeida von gCaptain.com, eine Nachrichtenwebsite für die Meeres- und Offshore-Industrie. „Der Eigentümer haftet. Aber es bestehen hohe ökonomische Hürden für ihn, das Schiff zurückzuholen.“ Rein juristisch gesehen scheint Kanada Recht zu haben. Falls die Lyubov Orlova nicht sinkt, könnte die Strömung sie bis an die Küste Irlands oder Nord-Schottlands treiben.

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