Welt : Schlag gegen ihr Weltbild

Weil die Kirche nicht durchsetzen konnte, dass Sextitel aus dem Sortiment verschwinden, verkauft sie ihren erfolgreichen Verlag.

Bastian Pauly
Uneinsichtig. Obwohl der katholische Weltbild-Verlag seit Monaten stark unter Druck gesetzt wird – zuletzt vom Papst, der die Verbreitung von Pornografie geißelte –, ließ sich das Unternehmen von seinen Besitzern diese Einnahmequelle nicht nehmen. Foto: Screenshot
Uneinsichtig. Obwohl der katholische Weltbild-Verlag seit Monaten stark unter Druck gesetzt wird – zuletzt vom Papst, der die...

Die katholische Kirche trennt sich nach heftigen Kontroversen vom Weltbild-Verlag. Auf einer Gesellschafterversammlung beauftragten die katholischen Bischöfe am Montagabend den Aufsichtsrat, den Verkauf der Verlagsgruppe „ohne jeden Verzug entschlossen“ in die Wege zu leiten. In den vergangenen Wochen war der Verlag massiver Kritik seitens konservativer Kreise der katholischen Kirche ausgesetzt. Weltbild vertreibe Erotik- und Esoteriktitel, lautete der Vorwurf. Sogar der Papst hatte sich in die Debatte eingeschaltet und gefordert, die „Verbreitung von Material erotischen oder pornografischen Inhalts, gerade auch über das Internet, energisch einzuschränken“.

Die Augsburger Verlagsgruppe, die zu 24,2 Prozent dem Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) und außerdem zwölf deutschen Bistümern sowie der Soldatenseelsorge gehört, ist ein international agierendes Medien- und Versandunternehmen und einer der größten deutschen Medienkonzerne. Mit einem Anteil von 50 Prozent an der Holding Deutsche Buch Handels GmbH (DBH) ist Weltbild mit 469 Filialen die Nummer eins im deutschen Buchhandel. Im Internetversandhandel erzielte das Unternehmen, das 6400 Mitarbeiter beschäftigt, zuletzt große Zuwachsraten. Weltbild ist der zweitgrößte Onlinebuchhändler nach Amazon und der drittgrößte Versandhändler Deutschlands. Der Jahresumsatz liegt bei 1,65 Milliarden Euro.

„Ist es die Aufgabe der Kirche, einen großen Buchhändler zu besitzen?“, fragt Bernhard Müller. Der Chefredakteur der katholischen Zeitschrift „Pur Magazin“ hätte vom Glauben abfallen können, als er im Onlinesortiment auf Bücher wie „Die Anwaltshure“ oder „Das Schlampeninternat“ stieß. „Weltbild wirkt an der Säkularisierung mit“, sagt Müller, der sich selbst als gläubigen Katholiken bezeichnet. „Ich leide an diesem Zustand.“

Müller hatte Weltbild in der aktuellen Ausgabe von „Pur Magazin“ vorgeworfen, mit „Pornografie“ ein Vermögen zu machen. „Ich kann nicht Keuschheit predigen und Erotik verkaufen.“ Das Angebot sei nicht pornografisch im rechtlichen Sinne, konterte Weltbild, und verwies außerdem darauf, dass erotische Inhalte nur 0,017 Prozent des Umsatzes ausmachen würden. Doch Müllers Empörung hatte längst eine Mediendebatte losgetreten. Weltbild reagierte – und indizierte Suchbegriffe wie „Sex“, „Erotik“ oder „Esoterik“. Momentan sind die Inhalte, die für konservative Kritiker nicht mit der katholischen Moral vereinbar sind, lediglich über einen Trick zu erreichen (siehe Kasten). So finden sich im aktuellen Angebot unter den Suchbegriffen „Sex.“ 1122, „Erotik.“ 1511 und „Esoterik.“ 3533 Treffer. Zumindest die umstrittensten Titel des Verlags Blue Panther Books, in dem unter anderem „Die Anwaltshure“, „VögelBar“ und „Das Schlampeninternat“ erschienen sind, hat Weltbild in der Zwischenzeit aus dem Sortiment ganz herausgenommen.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner, dessen Erzbistum bereits im Jahr 2008 im Rahmen eines Treuhandvertrages seine bis dahin gehaltenen Weltbild-Geschäftsanteile an den VDD übertragen hatte, hält den Verkauf für alternativlos. „Es geht nicht, dass wir in der Woche damit Geld verdienen, wogegen wir sonntags predigen. Das ist einfach skandalös“, hatte er gepoltert.

Seit Jahren monieren Kritiker innerhalb der Kirche wie Kardinal Meisner oder der Münchner Kardinal Reinhard Marx das unmoralische Geschäft des Verlags. Doch nun wurde der Druck zu groß. „Es ist der Geschäftsführung nicht gelungen, die internetgestützte Verbreitung sowie die Produktion von Medien, die den ideellen Zielen der Gesellschafter widersprechen, im eigenen Bereich beziehungsweise im Bereich der Unternehmensbeteiligungen hinreichend zu unterbinden“, begründet der VDD in einer Stellungnahme den bevorstehenden Verkauf von Weltbild. „Die Glaubwürdigkeit der Verlagsgruppe und ihrer Gesellschafter hat darunter gelitten.“ Zuvor hatten die Diözesen Forderungen, sich von Weltbild zu trennen, stets damit zurückgewiesen, dass der Verlag schwer zu verkaufen sei.

Die Trennung vom Weltbild Verlag ist eine Niederlage für die Kirche, die offensichtlich überfordert war. Der Verlag hatte einst hauptsächlich religiöse Literatur vertrieben. Als die Nachfrage immer mehr zurückging, kam es 1987 zu einer Neuorientierung. Der Verlag öffnete sich dem breiten Publikum. Diese Entscheidung führte zu einem großen kommerziellen Erfolg – auch für die Kirche, der der Verlag gehört. Von diesem Erfolg trennt sie sich jetzt, und das wegen Erotik- und Esoteriktiteln, die in einem solchen Allgemeinprogramm mitschwimmen. Vor allem stellt sich die Frage, warum es der Kirche als Eigentümerin monatelang nicht gelingt, wirksam durchzusetzen, dass Sextitel aus dem Sortiment verschwinden.

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