Schweden : Laster auf der Elektroautobahn

Mit Hybrid-Lkw und Oberleitungen wird in Schweden gerade der erste öffentliche E-Highway der Welt getestet. Auch Siemens ist beteiligt.

Karin Bock-Häggmark
Die Stromabnehmer auf dem Dach können per Knopfdruck abgekoppelt werden.
Die Stromabnehmer auf dem Dach können per Knopfdruck abgekoppelt werden.Foto: Scania

Rund 150 Kilometer nördlich von Stockholm zieht sich die E 16 quer durch Mittelschweden. Links und rechts Birken und Kiefern, rote Häuser, Schwedenidylle. Doch plötzlich zwischen Kungsgården und Sandviken säumen Strommasten die Europastraße, sind in fünf Meter Höhe Oberleitungen über die rechte Fahrspur gespannt. Auf zwei Kilometer Länge wird hier der erste öffentliche E-Highway der Welt getestet. Kein Schild weist auf das Pionierprojekt hin, die Regeln der staatlichen Verkehrsbehörde erlauben keine Reklame.

Magnus Ernström in gelber Schutzweste zeigt die Anlage. Im Auftrag des Regierungsbezirks Gävleborg koordiniert er das Projekt „Elektroautobahn E16“, das auf zwei Jahre angelegt ist. Danach erhofft man sich Antwort auf die Frage, ob hier die Zukunft des Gütertransports zu finden ist.

Die schwedischen Ämter für Verkehr, Energie und Innovation lassen sich den E-Highway rund acht Millionen Euro kosten. Der Münchner Konzern Siemens liefert die Technik, Lastwagenhersteller Scania die Fahrzeuge. Mit Geldern aus dem EU-Strukturfonds entstand im nahegelegenen Sandviken ein Zentrum für Wissenschaftler und Besucher. Der Regierungsbezirk selbst ist finanziell nicht direkt beteiligt. „Uns interessieren Innovation und Arbeitsplätze“, sagt Ernström.

In einem schlichten Baucontainer sitzt Mikael Lind. An seinem Computer überwacht er das Geschehen auf der E-Straße. „Strommäßig ist heute nicht viel Action“, erklärt er. Alles läuft, kein Kurzschluss, kein Spannungsabfall. Vor Linds Container donnern die Lkws vorbei. Sie sind auf dem Weg zum knapp 30 Kilometer entfernten Ostseehafen in Gävle, einem der wichtigsten Containerhäfen Schwedens. Die E16 ist viel befahren.

Die Eisenbahnstrecken in der Region haben ihre Belastungsgrenze erreicht, doch das Transportvolumen steigt stetig. Nach Angaben des Naturschutzamtes steht der Güterverkehr in Schweden für knapp 20 Prozent des CO2-Ausstoßes. Doch die rot-grüne Regierung in Stockholm will das Land zu „einem der ersten fossilfreien Wohlfahrtsstaaten der Welt" machen.

Der Stromabnehmer ist intelligent

Der Lkw, der auf dem Rastplatz neben der Teststrecke steht, könnte ein Teil der Lösung sein. Es ist der Prototyp eines neuen Hybrid-Lasters, den Hersteller Scania im Herbst in Serie auf den Markt bringen will. Die Sonderausstattung sitzt auf dem Dach des Fahrerhauses: der „Pantograp“", eine Art intelligenter Stromabnehmer, der automatisch oder per Knopfdruck an die Oberleitung andockt.

Testfahrer Åke Adeen hat gerade die jüngsten Daten an Siemens in München geschickt, dann startet er erneut. Eine leichte Vibration ist in der Kabine zu spüren, als der Stromabnehmer hochfährt. Der Wagen setzt sich in Bewegung. „Es ist ein viel ruhigeres Arbeiten“, freut sich Adeen.

Beim Überholen fährt der Pantograph herunter, der Laster läuft kurzfristig auf Batterie. Auch am Ende der Teststrecke dockt sich der Stromabnehmer ab, dann schaltet das Fahrzeug allerdings auf Dieselbetrieb um. „HVO-Biodiesel“, betont Projektkoordinator Ernström. „Auch der Strom für die Oberleitungen ist übrigens grüner Strom von unserem regionalen Anbieter.

Im Besucherzentrum in Sandviken sitzt der Leiter des Projektes, Jan Nylander. „Als erste in der Welt“, sagt der Ingenieur, „haben wir gezeigt, dass es geht, einen E-Highway auf einer öffentlichen Straße ohne jegliche Sondergenehmigungen zu bauen.“ Stimmt die – optimistische – Arbeitshypothese der Schweden, dann rollen die Laster nicht nur umweltfreundlicher, sondern sogar auch wirtschaftlicher. „Strom ist halb so teuer wie Diesel, aber doppelt so effektiv“, sagt Ernström. „Investieren die Beteiligten Überschüsse in den Aufbau der Infrastruktur, dann trägt sich das Ganze innerhalb weniger Jahre selbst.“

Auch in der Nähe von Berlin gibt es eine Teststrecke

Was die technischen Fragen anbelangt, so arbeiten Ernström und Nylander eng mit den Ingenieuren der Siemens-Teststrecke auf dem ehemaligen Flugplatz Templin/Groß Dölln in der Uckermark zusammen. Der große Unterschied: Bei Berlin testet man sozusagen im Labor, nördlich von Stockholm hingegen im normalen Verkehrsbetrieb.

Magnus Ernström ist fast ein bisschen neidisch auf die Kollegen in Brandenburg. „Ich nenne sie immer die ‚MythBusters’“, sagt er lachend in Anspielung auf die US-amerikanische Dokumentarserie. „Die zünden Sachen an, schleifen Autos mit, schneiden Leitungen ab – all das, was wir auf einer öffentlichen Straße natürlich nicht machen können."

Auch in Deutschland sollen bald E-Highways unter realen Bedingungen in Betrieb gehen. In Kalifornien sind Pläne für zwei Pilotstrecken in den Riesenhäfen von Los Angeles und Long Beach weit vorangeschritten. Sie alle setzen auf das System mit Oberleitungen.

Dass es auch andere Lösungsansätze für die Elektromobilität im Güterverkehr gibt, wissen Ernström und Nylander natürlich. So läuft zum Beispiel in der Nähe des Stockholmer Flughafens Arlanda derzeit ein Projekt mit Stromschienen im Boden. Für die beiden ist das jedoch keine Konkurrenz. „Wir arbeiten zusammen. Uns geht es um E-Highways im Allgemeinen. Wenn sich ein anderes System als besser herausstellt, ist das auch gut.“

Wichtig sei es jetzt, Praxistests mit verschiedenen Techniken durchzuführen. Ernström vergleicht die Situation mit den Anfängen der Eisenbahn. "Hätte man zu Beginn des 19. Jahrhunderts darauf gewartet, einen einzigen allgemein gültigen Standard für alle zu entwickeln, dann würden wir wohl immer noch im Pferdewagen fahren."

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