Welt : Scientology: Heilsbringer im Trümmerfeld

Gabriele Renz

Auf dem Pressefax liest es sich wie eine Erfolgsstory: "Ehrenamtliche Geistliche (...) geben hilfsbedürftigen Personen im Katastrophenzentrum Beistände, bis es ihnen wieder gut geht. Anschließend zeigen sie ihnen, wie auch sie anderen mit Beiständen helfen können. So wird die Zahl von qualifizierten Helfern immer größer", vermeldet "Scientology". Es folgt die Schilderung einer hollywoodreifen Erweckungsszene, in der ein kraftloser Feuerwehrmann nach einem "Beistand" durch Scientology-Mitglieder die Suche nach dem vermissten Bruder fortsetzen konnte. Die "touch assists", eine Art berührungsloses Handauflegen, sind unterfüttert durch das Verteilen der Broschüre "Der Weg zum Glücklichsein", eine unaggressive, softe PR-Schrift der "Scientologen". Die Organisation rühmt sich der Erlaubnis, neben Polizei, Feuerwehr und den Mitarbeitern des Roten Kreuzes in den abgeschirmten Bereich rund um "das Katastrophenzentrum des World Trade Center" zu dürfen.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige 450 sollen laut eigener Auskunft derzeit dort aktiv sein. Der deutsche Verfassungsschutz zeigt sich wenig überrascht darüber, dass die Organisation in dieser "angespannten Situation" tätig wird. Stuttgarts Referatsleiter Klaus-Dieter Schiemann sagt, man dürfe sich wohl die Frage stellen, "ob das die Hilfe ist, die die Helfer brauchen, die permanent Leichenteile aus den Trümmerbergen herausziehen". Ganz typisch ist für Schiemann die Ausgangslage, in der "Scientology" tätig wird: "Eine Situation von Angst und Unsicherheit". Labile und verunsicherte Menschen brächte das in große Schwierigkeiten. Denn, dass die Sekte natürlich nur scientologische Erklärungsmuster biete, sei klar. Kenner der Szene sind empört. Hier werde "schamlos eine Gelegenheit ausgenutzt", sagt der Berliner Scientology-Kritiker Tilman Hausherr. Schon kurz nach den Attentaten hatte die Organisation per E-Mail Mitglieder, aber auch Nichtmitglieder zu Spenden aufgerufen. Das Gleiche, so Hausherr, habe sich bereits nach dem Bombenattentat in Oklahoma abgespielt. Dass in den USA öffentlich laut vor Betrügern gewarnt und "Scientology" ignoriert werde, findet Hausherr "unglaublich".

"Scientology" hält sich offenbar strategisch an die Menschen in Not - in New York an "Mitglieder der Feuerwehr, Polizei, Ärzte und Krankenschwestern" und "bildet sie aus". So vermeldet der baden-württembergische Ableger der Organisation, die "Dianetik-Hotline" sei vom US-Fernsehsender Fox eingeblendet worden. Was nicht gesagt wird: Sie hatte sich unter dem Namen "National Mental Health Assistance" dort per e-mail gemeldet. "Die Krisen-Hotline ist jetzt geschaltet", wurde kurz mitgeteilt. Ein Verweis auf Scientology fehlte. Doch wer anrief, landete eben dort. Am Telefon wurde, berichtet die "St. Petersburg Times", eine Gratis-Publikation, basierend auf dem Werk L. Ron Hubbards angeboten. Fox TV, das sich inzwischen für die unzureichende Recherche entschuldigt hat, ließ die "Scientology"-Nummer "800-FOR-TRUTH" stundenlang am unteren Bildrand laufen - während die Bilder von Präsident Bush und Gattin Laura bei einer Trauerfeier gezeigt wurden. Kurt Weiland, "Scientology"-Sprecher in Los Angeles distanzierte sich. Er wies die Verantwortung dem Sender zu, bestätigte jedoch die 450 "volunteers" im Sperrbezirk.

Der Chef der (wirklichen) nationalen Gesundheitsvereinigung in den USA, Michael Faenza, warnte, "Scientology" sei die allerletzte Organisation, die emotional angegriffene Menschen anrufen sollten. Deren derzeitiges Vorgehen nannte er "abscheulich" und bat die Organisation, "dringend, sich aus der psychologischen Betreuung rauszuhalten". Scientology-Kritiker Hausherr findet es schlicht "ekelhaft", dass "sie es tatsächlich wieder geschafft haben". Bis heute stehen die Scientology-"Volunteers" in ihren leuchtend gelben T-Shirts in Manhattans Trümmerfeld. Und brüsten sich in anderen "mailings" damit, andere "echte" Psychologen an der Arbeit gehindert zu haben.

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