Welt : Sein längster Tag

Er hat am 6. Juni 1944 so viele Gegner erschossen wie kein anderer, mehr als 2000. Heute sagt Hein Severloh: „Soldatsein ist Mist“

Tanja Stelzer[Metzingen]

60 Jahre danach rechnet er immer noch. Wie viele habe ich erschossen? 2000 bestimmt, 3000 höchstens. Er hatte 12500 Schuss Munition. Wie viele Kugeln haben getroffen?

Zwei- oder dreitausend, macht das einen Unterschied? Der Versuch, Hein Severlohs Schuld in Zahlen zu messen, ist aussichtslos. Und doch scheint das Rechnen für ihn die einzige Möglichkeit zu begreifen, was passiert ist. Es heißt, er sei der Soldat, der im Zweiten Weltkrieg die meisten Feinde „kampfunfähig“ geschossen hat, aber wer kann das schon wissen?

Ein Bauernhaus in Metzingen in der Lüneburger Heide. Das Fernsehzimmer: Kiefernpaneele an der Wand, brauner Linoleumboden. In der Schrankwand stehen 23 Bücher über die Invasion in der Normandie und eine Flasche Calvados. Hein Severloh erzählt gern, wie sie Calvados tranken, Soldatenanekdoten. Links neben dem Fenster die Erinnerungsecke: ein Porträt von seinem Oberleutnant, ein Bild vom zentralen US-Soldatenfriedhof in der Normandie: 9386 weiße Kreuze aneinander gereiht, auf 15 Hektar Rasen, so groß wie eines jener Felder, auf denen Hein Severloh früher Getreide anbaute, Kartoffeln, Rüben. Ein Viertel der Kreuze steht für Menschen, die er erschossen hat. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand fährt er auf einen hellen Fleck links oben auf dem Bild. „Da stand ich mit dem Maschinengewehr.“ Auf der anderen Fensterseite hängt ein Foto von Hein Severloh als Hitlerjunge.

Er ist 81, ein groß gewachsener Mann in grauer Bügelfaltenhose und blauem Hemd. Er spricht mit leichtem Lispeln im Tempo, das ihm sein Alter und ein Schlaganfall vorgeben. Manchmal versteht er nicht richtig. Es brummt in seinem Ohr; das haben alle, die am 6. Juni dabei waren. Hein Severloh sagt zur Begrüßung: „Ich bin der Gesuchte!“

Der 6. Juni 1944, Normandie, der Strandabschnitt, der in den amerikanischen Karten als „Omaha Beach“ eingetragen ist. Hier ist das deutsche „Widerstandsnest 62“. Es beginnt zu dämmern. Hein Severloh steht, Maschinengewehr und zwei Karabiner schussbereit, auf Posten, seit ein Uhr. Auf einmal kommen Flieger, „nicht auszudenken, wie viele“. In der Ferne sind auch Schiffe zu erkennen, er zählt fünf. Dann verschwinden sie hinter einer Nebelwand. Wenig später ist der ganze Horizont schon voll mit Schiffen. Da ist klar, „dass wir unterlegen sind. Ich habe mich nur noch gefragt: Wie komm’ ich hier raus?“

Rauskommen ging nicht. Er durfte seinen Oberleutnant, dessen Bursche er war, nicht allein lassen. Er verehrt seinen Oberleutnant noch heute. Severloh erklärt: Der Oberleutnant reichte ihm, als sie sich am Ende jenes Tages endlich zurückzogen, die Hand. Danach sahen sie sich nicht wieder. „Das macht sonst kein Offizier, einem Untergebenen die Hand geben.“ Severloh schlägt sich, wie in den folgenden Stunden noch häufiger, mit der flachen Hand auf den Schenkel, immer wieder, um seine Tränen niederzukämpfen. Es klappt nicht. Die Tränen wirken nicht gespielt.

Am Anfang des Tages hatte der Oberleutnant befohlen: Wenn die Ersten in knietiefes Wasser kommen, musst du schießen. „Ich hab geschossen, was zum Teufel aus der MG rausging“, sagt Hein Severloh. Er schoss neun Stunden lang, er schoss allein weiter, als die anderen Soldaten schon längst abgezogen waren. Die Toten wurden angespült. Das Wasser war rot vom Blut. Am Strand lagen die Leichen drei Meter hoch. 4184 amerikanische Soldaten starben vor dem „Widerstandsnest 62“. Den Großteil der Zeit war Serverloh hier der einzige Schütze.

Wie ist das Töten, Herr Severloh? Anonym, sagt er, solange man mit dem Maschinengewehr schießt. Er habe nichts dabei empfunden. Sein Ziel waren schwarze Punkte, die wie Ameisen wimmelten. Weit weg, am Anfang waren es 600 Meter. Wenn die Kugeln runterprasselten, waren die Ameisen weg. Der Lauf der MG glühte, und Hein Severloh bemerkte nicht, wie er sich die Finger verbrannte. Das Gras entzündete sich, wenn die Mündung den Boden berührte.

Mit dem Karabiner ist es anders, erklärt Hein Severloh. Mit dem Karabiner schießt man auf eine einzelne Person. Man sieht sie fallen. Wenn man den Karabiner benutzt, ist es nicht mehr abstrakt, es fühlt sich an wie Töten. „Immer, wenn ein Boot landete, wenn ich 90 Prozent mit dem MG weggeschossen hatte und die restlichen Soldaten sich zu zerstreuen begannen, nahm ich meinen Karabiner.“

Hein Severloh erinnert sich an einen jungen GI, der es an den Strand geschafft hatte und nach Deckung suchte. Severloh nahm seinen Karabiner, legte an und schoss. Er sah, wie der Helm des Soldaten durch die Luft flog, sah ihn über den Sand trudeln und vom roten Wasser weggespült werden, dann fiel der Soldat vornüber aufs Gesicht. In diesem Moment verstand Hein Severloh: „Ich hatte die ganze Zeit lang Menschen getötet.“ Als der GI tot war, nahm Severloh wieder das Maschinengewehr. Es gab neue Ziele, Landungsboote von links.

Am Ende, als eine Granate in den Bunker eingeschlagen war, wo der Oberleutnant saß, gab es endlich den Befehl zum Rückzug. Der Oberleutnant wurde beim Ausstieg von einem Kopfschuss getroffen. Severloh und ein Kamerad überlebten, sie flüchteten gemeinsam ins benachbarte Widerstandsnest. Dort legte man den vom vielen Töten erschöpften Schützen auf eine Bahre, ein Sanitäter gab ihm eine Spritze. Der Schütze schlief. Später, wenn er die Augen schloss, sah Hein Severloh den GI, dem der Helm wegflog. Noch heute sieht er ihn manchmal.

Noch am Abend des 6.Juni 1944 begann die Kriegsgefangenschaft. Von der Schlacht hatte Severloh eine Wunde am Auge; zwei Patronen, die zuvor das Gesäß eines anderen Soldaten durchschlagen hatten, steckten in seiner Hüfte.

Hein Severloh war kein vorbildlicher Soldat. Bei seinem ersten Einsatz in Russland waren ihm die Füße erfroren, dann bekam er eine Mandelentzündung. Daraufhin war er nur noch bedingt einsatzfähig. Das nutzte er weidlich aus. In der Normandie teilte man ihn als Bursche ein. Er hatte sich darum zu kümmern, dass der Oberleutnant Gläser hatte, wenn er hohem Besuch Cognac servieren, oder genug Fleisch, wenn er seinen Soldaten ein Fest spendieren wollte. Es war nicht viel zu tun, seine Waffe brauchte er nicht. Am 6. Juli 1944 aber musste er schießen, zum ersten Mal war es keine Übung. Er hatte Talent. Ein Soldat beobachtete ihn und sagte: „Hein, du hast aber gewütet!“

Die Kriegsgefangenschaft, zunächst in den USA, dann in Belgien, dauerte drei Jahre. Hein Severloh arbeitete auf Baumwoll- und Kartoffelfeldern, in Hotels. Zurück zu Hause, übernahm er den Bauernhof des Vaters, heiratete, bekam vier Kinder. Der Älteste trat seine Nachfolge an, als er 21 war. Hein Severloh ging dann Versicherungen verkaufen. Über die Normandie sprach er nie, schon gar nicht über seine Toten, nur seine Frau war eingeweiht. 1955, als die Bundesrepublik sich wiederbewaffnete, trat Severloh dem Verein der Kriegsdienstgegner bei. Die Kinder, sagt er, wollten über das, was in der Normandie geschehen war, nie diskutieren. Er glaubt, sie hätten „so was wie einen Ekel“ gehabt vor dem Thema. Es war jener Ekel vor dem Krieg, den er selbst spürte.

Mit dem Krieg wollte er nichts zu tun haben, bis er 1959 in einer Zeitschrift über Omaha Beach las. Der Autor suchte Zeitzeugen. Severloh meldete sich und verschlang anschließend Kriegsbücher: „Der längste Tag“, „War Histories“, „Bloody Omaha“. Auf einmal drängte es ihn zu verstehen, sich zu erinnern, und je länger die Beschäftigung mit dem Thema wurde, desto klarer wurde seine Erinnerung. In „Der längste Tag“ las er von David Silva, einem GI, der vor Omaha Beach schwer verletzt wurde. Aus den Beschreibungen ergab sich, dass er nur von Hein Severlohs Kugeln getroffen worden sein konnte. Severloh wollte den Mann treffen, „das war meine Chance“. Er schrieb nach Amerika. Der Umschlag kam mit zahlreichen Notizen versehen zurück. Bei 15 Adressen hatte die Post versucht, ihn zuzustellen. Am Ende fand Severloh seinen Verwundeten in Karlsruhe. Silva war Militärpfarrer geworden und betreute in Deutschland GIs, die nach Vietnam mussten.

„Als ich ihn besuchte, lagen wir uns fünf Minuten in den Armen. Die beiden Männer heulten. David Silva erzählte, als er dreifach von Severlohs MG-Feuer getroffen wurde, habe er sich geschworen, Pfarrer zu werden, falls er diesen Tag überleben sollte. Es gibt ein Foto von einem späteren Treffen der beiden am Omaha Beach. Sie stehen einander gegenüber, halten sich an den Händen, lachen herzlich. „Das ist ein Freund“, sagt Hein Severloh.

Der Einsatz am selben Ort, auf unterschiedlichen Frontseiten, die Verwundung, die der eine beigebracht und der andere erlitten hat, schaffe ein Band zwischen beiden, sagt Hein Severloh. Es sei stärker als die Verbindung zu den eigenen Kameraden. So richtig kann er das auch nicht erklären, „das ist eine verzwickte Angelegenheit mit der Kameradschaft nach dem Krieg“. Beide wüssten eben, dass sie vor derselben Situation standen: entweder er oder ich. Wer könnte besser verstehen, warum er die zwei- oder dreitausend getötet hat, als David Silva?

Vor vier Jahren hat Hein Severloh ein Buch geschrieben, genau genommen schrieb Helmut Konrad Freiherr von Keusgen die Geschichte auf, ein Militärhistoriker. Severloh hat das Buch mit dem Titel „WN 62“ seinem Oberleutnant und seinen gefallenen Kameraden gewidmet (nicht seinen Toten). Keusgen ist bei jedem Interview dabei. Er stellt etwas richtig, wenn er glaubt, dass der alte Mann einen Fehler macht oder sich ungeschickt ausdrückt. Zum Beispiel, als es um den Namen „Die Bestie von Omaha Beach“ geht, den die Amerikaner ihm gegeben hatten. Auf die Frage, wie er damit zurechtkomme, sagt Hein Severloh, er sei wie ein Orden. Ein Orden? Ob er das genauer erklären könne? Da springt Keusgen ein. Nein, Orden sei der falsche Ausdruck. „Sagen wir besser: Anerkennung.“ „Es ist so“, versucht es Hein Severloh noch einmal: „Für mich ist das, als würde der Gegner anerkennen, dass man sich als Soldat benommen hat. Ich wäre nie weggelaufen.“

Trotzdem kann sich Hein Severloh nicht vorstellen, dass irgendwer fürs Vaterland sterben gehen wolle, auch damals nicht. „Soldatsein ist großer Mist.“ Und der Grabspruch „Für Führer und Vaterland gefallen“, das sei „der höchste Hohn“ gewesen. Sicher, er sei wie alle damals „infiziert gewesen“. Er deutet auf das Hitlerjungen-Foto an der Wand. Aber um Ideale sei es ihm nicht gegangen. Es ging immer nur ums Überleben.

Wegen der zwei- oder dreitausend Toten drängen sich vor dem 60. Jahrestag des D-Day die Reporter bei Hein Severloh. Kürzlich war ein ein Waffenspezialist da. Hein Severloh hat ihn gefragt: „Sagen Sie, wie viel Schuss braucht man, bis ein Karabiner nicht mehr geht?“ Der Journalist hat gesagt: 150, und Hein Severloh überlegte, wie oft er den Karabiner leer geschossen hat. Die Karabiner-Toten wiegen schwerer auf seiner Seele. Es müssen insgesamt 500 Schuss gewesen sein, und „ich hab’ mit dem Karabiner nie vorbeigeschossen“. Er fragt sich oft: Hätte ich es nötig gehabt, die Einzelnen noch mit dem Karabiner zu erledigen? Wenn einer davon sein eigenes Gewehr nicht ins Wasser geworfen hätte, sagt er sich dann, wäre es aus gewesen. Aber auch das sei natürlich eine Schutzbehauptung. „Ich war 20 und wollte nicht sterben.“

Dort, wo Hein Severlohs Kugeln landeten, sagt Ghostwriter Keusgen, bluten jedesmal rund um den Jahrestag die Steine. Die Kiesel verfärben sich rostrot, das Rot zieht Schlieren im Wasser. Keusgen zeigt Fotos, erzählt, er wollte das Phänomen von einer französischen Chemikerin analysieren lassen, die sich geweigert habe: „Das möchte ich nicht entmystifizieren.“ Hein Severloh hat die Steine nie bluten sehen, obwohl er oft um den 6. Juni in der Normandie war. Aber er hat einen rostroten Stein auf dem Schreibtisch liegen.

Was würde er tun, wenn er wieder an jenem Posten stünde, mit dem Wissen von heute, das knietiefe blutrote Wasser, die blutenden Steine vor Augen? Im Buch lautet Hein Severlohs Antwort: „Schießen würde ich nie wieder – auch nicht, wenn ich wüsste, dass ich von ihren Kugeln getroffen würde.“ Im Interview sagt er: „Ich würde genauso handeln.“ Er ist noch immer nicht fertig mit der Geschichte.

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