• Sensationsfund des Skeletts von König Richard III. : Shakespeares Schurke – nur verleumdet?

Sensationsfund des Skeletts von König Richard III. : Shakespeares Schurke – nur verleumdet?

Forscher bestätigen einen Sensationsfund: Unter einem Parkplatz in Leicester wurde das Skelett König Richards III. ausgegraben. Die Engländer sind elektrisiert.

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Gekrümmte Wirbelsäule. Die Forscherin Jo Appleby stellte am Montag erstmals in der Öffentlichkeit das Skelett vor. Foto: AFP
Gekrümmte Wirbelsäule. Die Forscherin Jo Appleby stellte am Montag erstmals in der Öffentlichkeit das Skelett vor.Foto: AFP

Als Phillipa Langley vor vier Jahren auf einem Parkplatz des Sozialamts in Leicester stand, bekam sie Gänsehaut. Sie fröstelte, obwohl es ein heißer Sommertag war. „Ich weiß, wie verrückt es klingt, aber ich hatte ein starkes Gefühl, dass ich über dem Grab von Richard III. stand“, erzählt sie. Dann sah sie ein „R“ auf dem Boden. Langley, die an einem Drehbuch arbeitete, war nach Leicester gekommen, um zu wissen, wo der König, der als einer der größten Schurken in die englische Geschichte einging, 1485 nach der Schlacht von Bosworth von seinen Feinden verscharrt wurde. „Natürlich wusste ich, dass das R für „Reserviert“ stand und nicht für Richard, aber von dem Augenblick an war ich auf einer Mission“.

Am Montag bestätigten Wissenschaftler der Universität Leicester, dass das im letzten Sommer unter dem Parkplatz ausgegrabene Skelett tatsächlich die Überreste des Königs sind. Man fand es keinen Meter von dem Fleck entfernt, an dem Langley Gänsehaut bekam. Langley, Sekretärin der Richard-III.-Gesellschaft, hatte die Ausgrabung angeregt. „Die Universität Leicester ist zum akademischen Urteil gekommen, dass das Individuum, das am 12. September bei Grey Friars exhumiert wurde, ohne alle Zweifel Richard III., der letzte Plantagenet-König Englands ist“, erklärte Chefarchäologe Richard Buckley.

Bildnis Richard III. in der National Portrait Gallery in London. Foto: AFP
Bildnis Richard III. in der National Portrait Gallery in London.Foto: AFP

Buckleys Team arbeitete minutiös, aber auch Zufälle halfen bei der Suche nach Richard III., der über 500 Jahre nach seinem Tod so umstritten ist wie auf dem Höhepunkt der „Rosenkriege“ zwischen den Yorks und den Lancasters, den verkrachten Zweigen der Plantagenet-Familie. Dieser Adelskrieg endete 1485, als Richard, der letzte der Yorks, in der Nähe von Leicester fiel. Sein Pferd war im Sumpf stecken geblieben, als er seinen Widersacher Henry Tudor erschlagen wollte. „Mein Pferd, mein Pferd. Mein Königreich für ein Pferd“, rief er, wenn wir Shakespeares Darstellung glauben. Dann wurde er von seinen Feinden nach Leicester gebracht und dort verscharrt, so lauten die Berichte. Die Ausgrabungen bestätigten, dass der König weder Leichenhemd noch Sarg bekommen hatte.

Entscheidend bei der Identifizierung war die DNA-Analyse. Den Wissenschaftlern gelang es, einen direkten Nachkommen von Richards Schwester Anne of York zu finden, einen Tischler namens Michael Ibsen. Turi King projizierte die Kurven der von dem Totenschädel gewonnenen DNA und die von einer Speichelprobe Ibsens an die Wand und auch Laien sahen, dass die Übereinstimmung noch in der 17. Generation perfekt war. Das Gesicht des Königs wurde rekonstruiert, eine Kohlenstoffdatierung vorgenommen – aber am überzeugendsten sind die Kampfverletzungen im Schädel und am Rücken des Skeletts und vor allem die starke Rückgratverkrümmung. „Bei der Leiche handelt es sich um einen Mann von etwa 32 Jahren, der 5 Fuß 8 Inch groß war (also 173 cm), dessen Statur aber durch Skoliose des Rückgrats beeinträchtigt war“, sagt die Expertin Jo Appleby. Nur von dem verkrüppelten Arm, den man ihm andichtete, fand sich keine Spur.

Das Skelett nach der Ausgrabung auf dem Parkplatz in Leicester. Foto: REUTERS
Das Skelett nach der Ausgrabung auf dem Parkplatz in Leicester.Foto: REUTERS

Shakespeare stellt Richard III. als Buckligen, niederträchtigen Menschen dar, der Inbegriff eines unaufrichtigen, falschen Königs. Dies prägte Richards Ruf in Literatur und Geschichte. Kein großer Schauspieler, der nicht einmal den Buckligen spielen will: Antony Sher war der berühmteste Richard, als er einen ganzen Theaterabend auf Krücken über die Bühne jagte, ein Besessener, am Rande des Wahnsinns. Schon der Untertitel des Dramas verrät, wie Shakespeare Richard III. sah: „Die Tragödie von Richard III. Seine heimtückischen Anschläge auf seinen Bruder Clarence; der elendigliche Mord an seinen unschuldigen Neffen; seine gewaltsame Machtergreifung; sowie sein ganzes schändliches Leben und sein wohlverdienter Tod“.

Ermordet und verunglimpft. Das Loch im Hinterkopf des Monarchen. Foto: AFP
Ermordet und verunglimpft. Das Loch im Hinterkopf des Monarchen.Foto: AFP

„Es gibt so viele Mythen und Mysterien über Richard III. Ich hoffe, dass wir das nun alles richtigstellen können“, sagte Langley. Die Richard-III.-Gesellschaft, die sich seit fast einem Jahrhundert um eine ausgewogenere Einschätzung des Königs bemüht, hält die Reputation Richards in der Geschichte für einen krassen Fall von Siegerjustiz und kündigte gestern auf ihrer neu aufgebauten Homepage ein Symposium an. Richards Anhänger berufen sich auf zeitgenössische Quellen, in denen er als „guter Herr“, als „Beschützter der Schwachen und Unterdrückten“, als Mann mit „weitem Herzen“ beschrieben wird. Richard regierte zwar nur zwei Jahre – aber in dieser kurzen Zeit führte er liberale Reformen ein, lockerte die Zensur der neu erfundenen Druckerpressen und erwies sich überhaupt als aufgeklärter Herrscher. Historiker bezweifeln schon lange, dass Richard dem 12-jährigen Edward V, dessen Vormund er eigentlich war, tatsächlich 1482 die Krone raubte und seinen Schützling mitsamt dessen Bruder, die „Prinzen im Tower“, durch einen tückischen Meuchelmord aus dem Weg schaffte – auch das eine der Legenden, mit denen die Herrschaft der Tudor-Könige legitimiert werden sollte. In Wahrheit war Edwards Thronanspruch ungültig geworden, weil die Ehe seiner Eltern für nichtig erklärt worden war.

Nun bricht in Großbritannien ein Richard III.-Fieber aus. Der Sender Channel 4 strahlte gestern Abend eine Dokumentation über den Sensationsfund aus. Ein Museum über den Grabfund wird in Leicester eingerichtet und Bürgermeister Sir Peter Soulsy will die Leiche feierlich in der Kathedrale von Leicester bestatten lassen. „Nur über meine Leiche werden diese Knochen Leicester jemals verlassen“, droht er. Die Stadt hofft auf ein gutes Geschäft aus dem Richard III.-Tourismus. Andere fordern, dass Richard in ein echtes Königsgrab in der Westminster Abbey in London kommt – mit einem Staatsbegräbnis. In Frankreich, wo derzeit debattiert wird, was man mit dem Totenschädel von Henri IV. machen soll, seien königliche Skelette nur Memorabilien, argumentierte die „Times“. „Wir sind immer noch eine Monarchie. Diese Mann war einmal unser König. Er muss in der Westminster Abbey bestattet werden“.

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