Silvio Berlusconi : Der Cavaliere und das Mädchen

Im Sexskandal um heiße Partys mit jungen Frauen gerät der italienische Ministerpräsident Berlusconi immer mehr unter Druck. Auszüge aus den Verhören der Justiz über die Vorgänge am 27. Mai 2010 im Polizeipräsidium Mailand.

Kirstin Hausen
„Ich bin ein Mann mit Herz.“ Regierungschef Silvio Berlusconi befreite die 17-jährige Ruby aus dem Polizeigewahrsam.
„Ich bin ein Mann mit Herz.“ Regierungschef Silvio Berlusconi befreite die 17-jährige Ruby aus dem Polizeigewahrsam.Foto: AFP

18 Uhr 2.

Die Polizei in Mailand erhält den Anruf einer Frau, die einen Diebstahl von 3000 Euro anzeigen will und die Polizisten bittet, die Diebin festzunehmen. Die Polizisten rücken aus und nehmen sowohl die Anruferin als auch die des Diebstahls Beschuldigte mit auf die Wache. Dort werden die jungen Frauen einzeln vernommen. Die des Diebstahls Beschuldigte trägt keine Ausweispapiere bei sich. Sie stellt sich als Karima el Mahroug vor und gibt ihr Alter mit 17 Jahren an. Der zuständige Polizist kontrolliert den Namen in der Datenbank und findet heraus, dass das Mädchen, das später unter seinem  Spitznamen Ruby berühmt wird, vor einem Jahr aus einer Betreuungseinrichtung für Minderjährige in Sizilien geflohen ist. Daraufhin wendet er sich an die Dienst habende Jugendrichterin, Dottoressa Fiorillo. Der Inhalt des Gesprächs liegt der Ermittlungsakte als Abschrift bei und wurde zusammen mit weiteren Verhörprotokollen am Dienstag vom Deutschlandfunk in Auszügen veröffentlicht:

FIORILLO: „Ja bitte.“

POLIZIST: „Buonasera Dottoressa, hier der Einsatzwagen Monforte 2 vom Kommissariat Monforte Vittoria.“

Der Polizist schildert den Fall. Er fügt hinzu, dass die 17-Jährige den Diebstahl vehement bestreite und eigenen Angaben zufolge mit Bauchtanz ihr Geld verdiene.

FIORILLO: „Wenn das erwachsene Mädchen die Minderjährige des Diebstahls bezichtigt, muss ich dem nachgehen.“

POLIZIST: „Perfekt, perfekt.“

FIORILLO: „Und dann ist auch noch zu sagen, dass es bei uns nicht üblich ist, dass Minderjährige einfach so sich selbst überlassen werden.“

POLIZIST: „Perfekt.“

FIORILLO: „Deshalb darf dieses Mädchen auf keinen Fall einfach so gehen, es wird einer Betreuungseinrichtung übergeben.“

POLIZIST: „Ok.“

FIORILLO: „Ich glaube, die einzige, die jetzt noch geöffnet hat ist ,La Zattera’, rufen Sie da mal an.“

POLIZIST: „Ich glaube, da geht jetzt niemand mehr ran.“

FIORILLO: „Wenn das Mädchen dort heute nicht mehr aufgenommen werden kann, autorisiere ich Sie hiermit, es bis morgen früh auf dem Präsidium zu behalten.“

POLIZIST: „Benissimo, buona serata.“

Karima el Mahroug, genannt Ruby, Prostituierte aus Marokko, heute 18 Jahre alt.
Karima el Mahroug, genannt Ruby, Prostituierte aus Marokko, heute 18 Jahre alt.Foto: Reuters

20 Uhr 43. Der zuständige Polizist informiert seine Vorgesetzte, Commandante Giorgia Lafrate, im Polizeipräsidium über das Gespräch mit der Jugendrichterin und wird angewiesen, Karima el Mahroug ins Präsidium zu bringen. Giorgia Lafrate drängt ebenfalls darauf, dass Mädchen in eine Betreuungseinrichtung zu bringen. Die Sache scheint damit völlig klar zu sein. Doch dann kommt es ganz anders. Nicole Minetti, die als persönliche Zahnpflegerin von Silvio Berlusconi Karriere gemacht hat und seit kurzem in der Regionalregierung der Lombardei sitzt, ruft im Mailänder Polizeipräsidium an und erkundigt sich nach dem marokkanischen Mädchen. Die Polizisten dort wundern sich. Sie können sich nicht erklären, woher Nicole Minetti überhaupt von der Festnahme der 17-jährigen Marokkanerin wusste. Offenbar kam der Fingerzeig von irgendwo ganz oben in der Hierarchie.

23 Uhr. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi ruft den Chef des Polizeipräsidiums Mailand, Pietro Ostuni, an.

Auszug aus dem Protokoll der Vernehmung des Mailänder Polizeichefs:

PIETRO OSTUNI: „Gegen elf, viertel nach elf Uhr am Abend klingelt mein Diensthandy. Es meldet sich ein Mitglied des Personenschutzes des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Er sagt zu mir: ,Dottore, ich gebe Ihnen den Ministerpräsidenten, es gibt da nämlich ein Problem.’ Sofort danach habe ich den Ministerpräsidenten am Apparat, der mir mitteilt, dass auf dem Polizeipräsidium ein Mädchen nordafrikanischer Herkunft festgehalten wird, eine Nichte von Mubarak, und dass eine Abgeordnete des Parlamentes, Frau Minetti, dieses Mädchen abholen wird. Das war alles.“

Pietro Ostuni legt auf und ruft seinerseits die zuständige Polizistin Giorgia Lafrate an. Sie erklärte gegenüber der Staatsanwaltschaft, dass die Identität der Minderjährigen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht überprüft war:

Holte Ruby ab. Nicole Minetti, Berlusconis frühere Zahnpflegerin, heute Mitglied der Regionalregierung der Lombardei.
Holte Ruby ab. Nicole Minetti, Berlusconis frühere Zahnpflegerin, heute Mitglied der Regionalregierung der Lombardei.Foto: AFP

GIORGIA LAFRATE: „Es war der Chef, Dottor Pietro Ostuni, der mir mitteilte, dass aus Rom ein Hinweis gekommen sei. Bei der minderjährigen Marokkanerin, der einzigen, ich wiederhole, einzigen Minderjährigen auf dem Polizeipräsidium, handle es sich um die Nichte des ägyptischen Präsidenten Mubarak. Er fragte mich, wie wir vorgehen wollten, und bat darum, die Prozedur zu beschleunigen, da es sich um die Nichte des ägyptischen Präsidenten handle. Als ich diese Informationen an Dottoressa Fiorillo weitergab und ihr auch mitteilte, dass die Abgeordnete Minetti auf dem Präsidium eingetroffen sei, war Dottoressa Fiorillo sehr perplex. Sie drängte darauf, alle Angaben genau zu überprüfen.“

Die Jugendrichterin Fiorillo geht zu diesem Zeitpunkt immer noch davon aus, dass sie Herrin des Verfahrens ist. Sie weiß nicht, dass sie übergangen wird.

2 Uhr. Die Mailänder Polizei gibt Karima el Mahroug offiziell in die Obhut von Nicole Minetti – obwohl Richterin Fiorillo die Übergabe an eine Betreuungseinrichtung angeordnet hat und obwohl die Überprüfung der Angaben zur Identität der Minderjährigen noch läuft.

4 Uhr. Polizeibeamte erreichen in Sizilien den Vater des Mädchens. Er verneint jede Verwandtschaft mit Ägyptens Präsident Mubarak.

28. 10. 2010. Silvio Berlusconi äußert sich zu dem Vorwurf, seine Amtsgewalt missbraucht zu haben. Seinen nächtlichen Anruf beim Mailänder Polizeichef bestreitet er nicht, er kommentiert ihn mit den Worten: „Ich bin ein Mann mit Herz; ich helfe denen, die es nötig haben.“

Über die Protokolle der Mailänder Justiz berichtet der Deutschlandfunk in seiner Sendung „Europa heute“ bis Freitag jeden Tag von 9 Uhr 10 bis 9 Uhr 30.

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