Skandal um Kirchenheim : Irlands tote Kinder

In einem kirchlichen Heim in Tuam starben zwischen 1925 und 1961 fast 800 Kinder – ihre Mütter waren unverheiratet.

Martin Alioth
Stilles Gedenken an dem Massengrab der 800 Kinder im irischen Tuam.
Stilles Gedenken an dem Massengrab der 800 Kinder im irischen Tuam.Foto: dpa

Unverheiratete Mütter fristeten ein jämmerliches Leben mit ihren Kindern in den von katholischen Nonnen betriebenen Heimen Irlands. Die Sterblichkeitsrate der Neugeborenen überstieg das normale Maß um ein Mehrfaches. Jetzt soll Licht ins Dunkel gebracht werden.

Der irische Premierminister, Enda Kenny, gestand kürzlich zu, dass der Aufklärungsbedarf über den Umgang von Kirche und Staat mit unverheirateten Müttern und unehelichen Kindern nicht bloß das einzelne Heim betreffe, das in den letzten Tagen die Schlagzeilen beherrscht hatte. Übers Wochenende hatte der katholische Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, ebenfalls eine umfassende Untersuchung der Praktiken in den sogenannten Mother-and-Baby-Homes gefordert. Die irische Regierung setzte eine unabhängige Untersuchungskommission ein.

Auslöser für die Debatte war die Arbeit der Historikerin Catherine Corless. Sie hat in minutiöser Kleinarbeit nachgewiesen, dass im Heim in Tuam, in der westirischen Grafschaft Galway, zwischen 1925 und 1961 insgesamt 796 Kinder gestorben waren. Das Heim wurde von Ordensschwestern für unverheiratete, schwangere Frauen und ihren Nachwuchs betrieben. Die Mortalitätsrate schwankte jährlich zwischen 30 und 50 Prozent. Grelle Schlagzeilen, wonach die Leichen in einem Kanalisationsschacht entsorgt wurden, blieben vorläufig unbestätigt.

Tuam war indessen nur eines von zahlreichen Mutter-Kind-Heimen, die von katholischen Orden geführt wurden. Hinzu kam eine wesentlich größere Zahl von Heimen, die von den Bezirksräten – also dem Staat – betrieben wurden. Beide Kategorien von Heimen wurden vom jungen irischen Staat in den 20er Jahren als Ersatz für die Arbeitshäuser der britischen Kolonialzeit gegründet. Manche blieben bis in die 80er Jahre offen.

Junge Frauen mussten auch nach der Geburt ihrer Kinder in den Heimen bleiben, um die Kosten für ihre Versorgung abzustottern. Die Kinder wurden offenbar häufig illegal zur Adoption in die USA verschickt. Sie hatten keinen Einblick in die Umstände ihrer Herkunft. Indizien, wonach in gewissen Heimen auch medizinische Experimente an Kindern durchgeführt wurden, sind noch nicht erhärtet.

Im letzten Jahrzehnt hat die irische Gesellschaft mehr über die von Kirche und Staat erzwungene, sterile Konformität erfahren, als ihr lieb sein kann. Ein Bericht enthüllte 2009 ein erschreckendes Netzwerk von Arbeitsheimen und Waisenhäusern, in denen Zehntausende von Armen und Andersartigen über Jahrzehnte auf unmenschliche Art und Weise festgehalten und misshandelt wurden. Weitere Untersuchungen haben das Regime der Magdalenerinnen gebrandmarkt, großteils kirchliche Wäschereien, in denen „gefallene“ Frauen umsonst arbeiten mussten. Diese Zwangsmaßnahmen erfassten schätzungsweise etwa ein Prozent der Bevölkerung, das sich der Konformität widersetzt hatte oder schlicht zu arm war, um sich zu wehren. Martin Alioth

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