Social Freezing : Apple, Facebook und der neue Weg für Karriere-Frauen

Das Angebot von Apple und Facebook, Eizellen einfrieren zu lassen, empört Politik und Kirche. Was bezwecken die Unternehmen damit?

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Bis zu 20.000 Dollar wollen Apple und Facebook für das Einfrieren und die Lagerung von Eizellen ihrer Mitarbeiterinnen ausgeben. So soll den Frauen geholfen werden, die sich zunächst ihrer Karriere widmen und eine Schwangerschaft auf später verschieben möchten. In den USA ist das Prozedere zuletzt immer beliebter geworden. Die Mitarbeiterinnen der Unternehmen hätten es sich ausdrücklich gewünscht, heißt es.

Wie funktioniert das Einfrieren und Lagern der Eizellen?

Der technische Vorgang des Einfrierens von Eizellen ist „Routine“, sagt Heribert Kentenich vom Berliner Fertility Center. Man habe viele Erfahrungen damit gesammelt bei Krebs-Patientinnen, die ihre Eizellen vorsorglich einfrieren lassen, zum Beispiel aufgrund einer für die Zellen schädlichen Chemo- oder Strahlenbehandlung. Zunächst werden die Frauen etwa zehn Tage lang mit einem Hormon behandelt, das die Eierstöcke anregt und die Reifung mehrerer Eizellen bewirkt - das Follikelstimulierende Hormon FSH. Am 12. Tag werden die Eizellen dann mit Hilfe einer Punktion, also einer langen Nadel durch die Vagina entnommen. Das Ziel ist, zehn bis 15 Eizellen zu entnehmen, damit später eine hinreichend große Chance auf eine Schwangerschaft besteht.

Während beim Social Freezing die unbefruchteten Eizellen eingefroren werden, lassen Krebspatientinnen die Eizellen häufig erst mit den Samenzellen des Partners befruchten. Die Einfriermethode muss sicherstellen, dass sich in den Zellen keine Eiskristalle bilden, die zum Absterben führen würden. Die Zellen werden bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff schockgefroren. Der Prozess nennt sich „Verglasung“ (Vitrifikation), weil ein Gewebe wie Glas zerspringen würde, wenn es in diesem Zustand auf den Boden fällt. Bis zu 90 Prozent der Eizellen sind nach dieser Schockgefriermethode intakt und haben die gleichen Chancen in der anschließenden künstlichen Befruchtungsprozedur: Je nachdem, wie alt die Frau bei der Entnahme der Eizellen war, führen 25 bis 30 Prozent der künstlich befruchteten Eizellen zu einer Schwangerschaft.

Welche Risiken birgt das?

Das erste Kind, das „durch die Kälte ging“, wurde 1984 geboren. Die Prozedur schadet den Kindern nicht, sagt Kentenich. „Und obwohl wir das bisher nicht verstehen: Offenbar sind sie sogar etwas gesünder.“ Denn im Vergleich zu künstlich befruchteten Kindern, deren Eizellen nicht eingefroren wurden, hätten die Kinder ein höheres Geburtsgewicht und es gebe etwas weniger Frühgeburten. Von 17 klinischen Studien, in denen insgesamt 11.000 Kinder aus kryokonservierten Eizellen berücksichtigt wurden, fanden nur drei eine leichte statistische Erhöhung von Fehlbildungen.

Gänzlich risikofrei ist Social Freezing jedoch nicht. „Nach dem 42. bis 43. Lebensjahr werden Schwangerschaften riskanter“, sagt Kentenich, ob nun mit oder ohne Kryokonservierung. Vor allem die Präeklampsie, eine schwangerschaftsbedingte Vergiftungserscheinung, und Schwangerschaftsdiabetes werden dann statistisch häufiger zu einem Problem, die Schwangerschaft und Geburt hat häufiger Komplikationen. Außerdem haben Schwangerschaften nach künstlichen Befruchtungen eine erhöhte Fehlgeburtsrate. Hinzu kommt, dass die Hormonbehandlung Nebenwirkungen haben kann.

Warum kommt dieser Vorstoß gerade von digitalen Unternehmen?

Dass weiblicher Management-Nachwuchs in der Start-up-Branche Mangelware ist, thematisieren die Unternehmen seit geraumer Zeit. Die technologielastigen Firmen brauchen oft Ingenieure und IT-Spezialisten – der Anteil der weiblichen Absolventen in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern ist verhältnismäßig niedrig. Derzeit machen Frauen oft weniger als ein Drittel der Belegschaft in IT-Unternehmen aus, verdienen weniger und sind auch in den Führungsetagen unterrepräsentiert.

Gleichzeitig pflegen die Start-ups und Tech-Firmen eine andere art der Unternehmenskultur. So verschwimmt die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem immer mehr: Google lässt die Autos der Mitarbeiter waschen, Facebook die Klamotten, Yahoo kümmert sich um den Wocheneinkauf und so weiter. Der Schritt zur Familienhilfe ist in diesem Verständnis nicht mehr allzu groß.

Was versprechen sich die Unternehmen davon?

Die Unternehmen betonen, das Einfrieren der Eizellen sei lediglich eine von vielen Leistungen, die sie ihren Mitarbeitern finanziell ermöglichen. Ein für US-Verhältnisse langer Mutterschaftsurlaub gehöre ebenso dazu wie die finanzielle Unterstützung bei einer Fertilitätsuntersuchung oder bei einer Adoption. Die Gründe für die Angebote sind klar: Die jungen Frauen sind gut ausgebildet und karriereorientiert, müssen sich jedoch in dieser entscheidenden beruflichen Phase zumindest temporär zwischen Familie und Karriere entscheiden. Den Konzernen kommt es in der ohnehin von Männern dominierten Technologiewelt darauf an, gerade ihre weiblichen Talente an sich zu binden.

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