Software und Wearables : Datenschützer warnen vor Fitness-Apps

Sie messen Blutdruck und Herzschlag beim Joggen, zeichnen zurückgelegte Schritte auf: Fitnessarmbänder, Smartwatches und Apps. Eine Krankenkasse beteiligt sich nun an den Kosten. Doch bei Politikern und Internet-Experten stößt der neue Trend auf Kritik.

von , , , , und Rene Bosch
Das Geschäft mit dem neuen Freizeitzubehör boomt weltweit - inzwischen auch in Deutschland.
Das Geschäft mit dem neuen Freizeitzubehör boomt weltweit - inzwischen auch in Deutschland.Fotos: Fotolia, dpa/ Montage: Sascha Lobers

Die Ankündigung der AOK Nordost, als erste gesetzliche Krankenkasse einen Zuschuss für Fitnessarmbänder zu zahlen, trifft bei Politikern und Datenschützern auf massive Vorbehalte. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe gibt zu Bedenken, jeder müsse wissen, dass mit solchen Apps persönliche Daten ins Internet gelangen könnten, die nicht ausdrücklich geschützt seien. Das sagte der CDU-Politiker der "Berliner Zeitung" am Donnerstag. Hilde Mattheis, Sprecherin der Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion, sagte dem Tagesspiegel am Freitag: "Gelder der Versicherten für Apps oder eine Apple Watch auszugeben, ist fragwürdig. Denn erstens sollten sich die Kassen nicht vor den Karren der Anbieter spannen lassen, und zweitens ist die Frage der Datensicherheit nicht geklärt."
Datenschützer warnen denn auch vor den neuen Geräten. Zwar kann die Nutzung zumindest vordergründig medizinisch positiv sein und für den Einzelnen einen Mehrwert bieten, berge aber erhebliche Risiken, sagt Andrea Voßhoff (CDU), Bundesbeauftragte für Datenschutz.

Politiker sehen erhebliche Risiken

Sie warnt, dass viele dieser bezuschussten Geräte sensibelste Gesundheitsdaten der Nutzer – teilweise höchst intransparent – erheben." Der Verbraucher müsse die Risiken und Nebenwirkungen der Preisgabe von Daten wie Herzfrequenz, Trainingszustand oder Essverhalten mit dem kurzfristigen finanziellen Vorteil abwägen.
Johannes Caspar, Hamburgischer Beauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, äußerte seine Besorgnis, dass mit derartigen Angeboten eine Entsolidarisierung im Gesundheitssystem einhergehen könnte. "Hier werden letztlich die Gesunden gegenüber den Kranken privilegiert", sagt Caspar. Durch Belohnung des individuellen Verhaltens sieht Caspar die Gefahr einer Entwicklung hin zu einer am Gesundheitszustand bemessenem Krankenversicherung. Dies sei ein "Zug der Zeit, der sich nur schwer aufhalten lassen wird", sagt Caspar weiter.


Das als Aufsichtsbehörde zuständige Gesundheitsministerium in Brandenburg unterstützt die Initiative der AOK Nordost grundsätzlich. Geräte wie Fitnessarmbänder oder Smartwatches sollten motivieren, als Versicherter in die eigene Gesundheitsförderung einbezogen zu werden. Gleichzeitig warnt eine Sprecherin des Ministeriums aber, die aufgezeichneten Daten dürften "keine weitere Verwendung seitens der Krankenkasse finden". Auch die Datensicherheit müsse "in jedem Fall gesichert sein".
Die AOK widerspricht den Darstellungen der Datenschützer. Die AOK Nordost bezahle einen Zuschuss für Smartwatches im Rahmen ihres Gesundheitskontos, erhebe aber keinerlei Daten. Damit sollen Versicherte für mehr Bewegung und einen gesundheitsbewussten Lebensstil sensibilisiert werden.

Versicherte, die am "AOK-Gesundheitskonto" teilnehmen, sollen für den Kauf sogenannter Wearables einmal in zwei Jahren einen Zuschuss von maximal 50 Euro erhalten – höchstens aber 50 Prozent des Anschaffungspreises. Nach Angaben der Krankenkasse gilt der Zuschuss für sämtliche Geräte, die Herzfrequenz, Streckenlänge, Höhenmeter, Geschwindigkeit, Kalorienverbrauch und anderes dokumentieren.

Wearables sind Mini-Computer, die am Körper getragen werden

Wearables sind vereinfacht ausgedrückt besonders kleine Computer, die man am Körper trägt. Darunter fallen zum Beispiel spezielle Fitnessarmbänder. Sie messen die Zahl der zurückgelegten Schritte, den Puls, die Schlafdauer, manche auch die verbrannten Kalorien. In der Regel werden die Daten auf ein Smartphone übertragen, auf dem der Nutzer sie per App abfragen kann. Diese Armbänder kosten im Schnitt um die 100 Euro, aber der Preisdruck ist groß. Der chinesische Anbieter Xiaomi verkauft seine Geräte schon jetzt für gut 20 Euro. Deutlich teurer wird es, wenn man sich eine Smartwatch zulegen will, die mehr kann, als den Puls zu messen. Die Apple Watch etwa kostet in der günstigsten Variante knapp 400 Euro. Alternativ kann man sich spezielle Apps aufs Smartphone laden, mit denen man zum Beispiel beim Joggen die zurückgelegten Kilometer dokumentieren kann. In einer stark reduzierten Version sind sie oft kostenlos.

Der Markt entwickelt sich rasant

Wearables werden auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa), die vom 4. bis 9. September unter dem Berliner Funkturm stattfindet, erneut ein zentrales Thema sein. Zahlreiche Hersteller präsentieren neue Smartwatches, Fitnessarmbänder, mit Sensoren und Displays ausgerüstete Geräte und Gesundheits-Apps. Noch ist der deutsche Markt im internationalen Vergleich relativ klein. Wurden 2014 nach Angaben des Beratungsunternehmens PwC 150 Millionen Wearables weltweit verkauft, waren es hierzulande gerade einmal 3,6 Millionen. Dies bescherte den deutschen Händlern einen Gesamtumsatz von 466 Millionen Euro. Doch die Entwicklung ist rasant. "Der weltweite Markt für Wearables wird im Jahr 2015 einen Wert von 6,3 Milliarden Euro erreichen und bis 2018 um jährlich 21 Prozent weiter wachsen", schätzt PwC. Jüngste Prognosen des Marktforschers IHS TMT sind noch deutlich optimistischer. Allein für intelligente Uhren sei 2015 schon mit einem globalen Jahresumsatz von sechs Milliarden Euro zu rechnen. Tendenz stark steigend: Schon in zwei Jahren werde sich der Umsatz verdoppeln.

Große Konzerne investieren in diesen Bereich

Vor allem der Erfolg von Gesundheitsdiensten für Smartphones, Smartwatches oder Fitnessarmbänder hat Experten überrascht. Gut 100 000 MobileHealth-Apps sind inzwischen auf dem Markt. Große Konzerne wie die Telekom, Google, IBM, Dell, Apple, Samsung oder Merck investieren in diesen Bereich. Schon vor drei Jahren sagte PwC mit der Mobilfunkanbieter-Vereinigung GSMA für 2017 einen weltweiten Umsatz mit Gesundheits-Apps von 23 Milliarden Dollar voraus. Wie schnell sich die Bewertungen für diese Smartphone-Anwendungen nach oben bewegen, zeigt auch der Verkauf von Runtastic in dieser Woche. Adidas kauft den österreichischen Anbieter von mobilen Sport-Apps, der schon jetzt 70 Millionen Nutzer hat. Bewertet wird Runtastic mit 220 Millionen Euro.

Marktführer im Geschäft mit vernetzten Armbändern ist das kalifornische Unternehmen Fitbit aus San Francisco. Der Analysefirma IDC zufolge kontrolliert Fitbit ein Drittel des Marktes. Trotz der neuen Konkurrenz durch die Computeruhr Apple Watch und den Erfolg chinesischer Wettbewerber steigerte Fitbit Absatz, Umsatz und Gewinn deutlich, wie das Unternehmen in dieser Woche mitteilte. Allein von April bis Juni verkaufte das Unternehmen 4,6 Millionen Geräte – 1,7 Millionen mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz verdreifachte sich, der Gewinn stieg um ein Fünftel. Wie überhitzt der Markt und die Erwartungen an die Anbieter sind, zeigte die Börsenreaktion: Fitbit-Aktien verloren mehr als zehn Prozent, weil Analysten sich daran störten, dass die Profitabilität wegen hoher Marketingausgaben nicht mit dem Wachstum Schritt gehalten hatte.

Die Krankenkassen spielen eine große Rolle

Indem die AOK Nordost mit ihren 1,75 Millionen Mitgliedern den Kauf von Wearables bezuschusst, gibt sie dem Markt einen weiteren kräftigen Schub. Sie ist damit nicht allein. Auch die private DKV schießt bis zu 50 Euro zum Kauf einer Smartwatch oder eines Fitnessarmbands zu. Bei der Barmer Ersatzkasse kann man sich einen Bewegungstracker, die "Fit2go"-App, herunterladen und so Punkte für das Bonusprogramm sammeln, die DAK hat sich dagegen von ihrer "Fitcheck-App" verabschiedet, "wegen technischer Probleme" wie es heißt. Derzeit wird an neuen Modellen gearbeitet.

Deutlich weiter geht die Generali. Sie will Kunden, die sich gesund ernähren, sich bewegen oder regelmäßig zur Vorsorge gehen, belohnen. Wer sich für das "Vitality"-Programm einschreibt, soll Rabatte bekommen – und zwar nicht nur in der privaten Krankenversicherung, sondern auch in der Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung. Fitness-Apps sollen die Fitness dokumentieren, die (gesunden) Einkäufe könnten – per Code-Karte – bereits an der Ladenkasse registriert werden. Noch sucht man nach Kooperationspartnern. Erste Produkte sollen 2016 auf den Markt kommen. Die Teilnahme sei aber in jedem Fall freiwillig, sagt eine Sprecherin.

Manche Versicherer haben Vorbehalte

Bei der Ergo-Versicherung beispielsweise gibt es in der privaten Krankenversicherung "aktuell" keine Planung für solche Tarife, betont ein Sprecher. Die Allianz lehnt das System sogar grundsätzlich ab. Spezielle Läufer- oder Schwimmer-Tarife seien zu speziell, die Versichertengruppen zu klein. Und was solle gelten, wenn sich ein Läufer oder Radfahrer verletzt und nicht mehr trainieren kann? "Er würde für die Krankheit bestraft", kritisiert die Chefin der Allianz/Private Krankenversicherung, Birgit König. Zudem ließen sich nur zwei bis 2,5 Prozent der Gesundheitsausgaben in Deutschland auf mangelnde Bewegung zurückführen. Die messbare Beitragsersparnis durch Fitness-Apps läge "im Promillebereich".

Auch Mediziner sind skeptisch

"An apple a day keeps the doctor away", so hieß es früher. Gilt heute: "An app a day keeps the doctor away"? Nicht unbedingt, denn viele Apps treten eher mit dem Anspruch an, Menschen mit bestimmten Gesundheitsproblemen das Leben zu erleichtern – zwischen den Arztbesuchen: Etwa eine App für Heuschnupfengeplagte, die über die Pollenbelastung am aktuellen Standort informiert. Allerdings ist wichtig, dass die Software fachlich geprüft ist. Informatikprofessor Thomas Norgall vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen, stellvertretender Sprecher der Fraunhofer-Allianz Ambiant Assisted Living, plädiert deshalb dafür, eHealth-Geräte und Anwendungen als Medizinprodukte einzustufen.

Kerstin Köhler, Oberärztin am Zentrum für Kardiovaskuläre Telemedizin der Charité, hält es für denkbar, sie zur Prävention einzusetzen. So könne das Smartphone Menschen, die dem Risikofaktor Übergewicht zu Leibe rücken wollen, mit Ernährungsberatung und Kalorientabellen unterstützen. Was Bewegung und Sport betrifft, so macht die Kardiologin Einschränkungen – zumindest für ihre Patienten. "Bei Herz-Rhythmus-Störungen oder zahlreichen chronischen Krankheiten finde ich ihren Einsatz problematisch." Geräte, mit denen Puls oder Blutdruck gemessen werden, müssten vor allem genau und zuverlässig sein. Wichtig sei auch die sportmedizinische Untersuchung vor Beginn des Trainings. "Herzpatienten sind besser in Sportgruppen aufgehoben, in denen ein Kundiger die Vitalfunktionen misst."

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