300. Todestag von William Dampier : Mit Muskete und Malstift

Das Leben von William Dampier inspirierte zu „Robinson Crusoe“ und „Gullivers Reisen“. Der Pirat war eifriger Naturforscher. Vor 300 Jahren starb er verarmt.

Matthias Glaubrecht
William Dampier.
William Dampier.Foto: Imago

Nur mit Glück erreicht William Dampier im Mai 1688 Sumatra. Im selbstgezimmerten Auslegerkanu, schutzlos der Sonne und heftigen Monsunregen ausgesetzt, ist er mit einer Handvoll Männern und einem Taschenkompass quer durch den Golf von Bengalen gefahren. „Wir hatten nicht den geringsten Platz, da wir hätten bedecket seyn können, und waren also in der eussersten Gefahr, von jedweder Welle verschlungen zu werden“, schreibt er. Während seine Kameraden, auf der rettenden Insel angekommen, schon bald über neue Kapertouren nachsinnen, ist Dampier drei Tage lang am Strand damit beschäftigt, seine salzwasserdurchtränkten Tagebücher und Seekarten zu trocknen.

Diese Aufzeichnungen sind ihm inzwischen zum eigentlichen Schatz geworden. Mit der Leidenschaft eines Forschers führt Dampier Tagebuch; und seit seinen ersten Beutezügen in der Karibik hat es sich der Freibeuter angewöhnt, diese Notizen auch sorgfältig vor den Unbilden des Wetters zu schützen. Seine Reiseberichte werden später ein eigenes literarisches Genre begründen; Dampiers Abenteuer werden zu Romanen wie „Robinson Crusoe“ und „Gullivers Reisen“ anregen.

Bevorzugte Themen: Piratereien rund um den Globus und präzise Naturbeobachtungen. So schildert er etwa, wie Freibeuter wiederholt spanische Besitzungen an der amerikanischen Küste überfallen. „Gegen 8 Uhr stiegen die Unsrigen aus den Kanus an Land ... und brachen, nur bloß mit 80 Mann, in die Stadt ein und wurden in einer breiten Gasse von 170 oder 200 spanischen Reitern tapffer angegriffen; nachdem aber 2 oder 3 von ihren Offizieren niedergeschossen wurden, nahmen die andern die Flucht.“

In seinen Darstellungen gelingt es Dampier, sich selbst als unbeteiligten Beobachter am Rand des Geschehens zu halten. Zwar dürfte er bei Überfällen der mit Pistolen und Flinten bewaffneten Männer mittendrin gewesen sein; doch schildert er nach solchen Gefechten unvermittelt und minutiös wieder die eigenartigen Tiere und exotischen Pflanzen jener Länder des Tropengürtels, die bis dahin kaum jemand mit eigenen Augen gesehen hat.

Es sind vor allem Dampiers Naturbeschreibungen, die die Zeiten überdauern und wertvoll sind – und die vielfach Eingang in wissenschaftliche Literatur finden. Alexander von Humboldt lobt, dass nachfolgende Gelehrte Dampiers Arbeit nur wenig hinzufügen können. Noch ein Jahrhundert später finden Dampiers Beobachtungen auf den Galapagosinseln die Bewunderung von Charles Darwin.

Die vielleicht ungewöhnlichste Biografie der Seefahrtsgeschichte beginnt 1651 in East Coker, einem Dorf in der britischen Grafschaft Somerset. Als zweites von sechs Kindern nicht ganz mittelloser Eltern besucht William Dampier regelmäßig die Schule, lernt lesen und schreiben, sogar Latein. Früh zum Waisen geworden, zieht es den tatendurstigen William in die Ferne; als 18-jähriger Schiffsjunge reist er auf einem Handelsfrachter über den Atlantik ins kalte Neufundland – und beschließt, sich fortan in wärmere Gefilde zu begeben, zuerst nach Hinterindien und Java, dann nach Spanisch-Amerika. Dampier tritt in die Royal Navy ein, nimmt an zwei Seeschlachten zwischen England und den Niederlanden teil. Nachdem er sich 1674 kurzzeitig als Plantagenverwalter auf Jamaika versucht, schließt er sich einem Trupp von Holzfällern an, die an der moskitoinfizierten Küste von Campeche auf der mexikanischen Yucatán-Halbinsel Blutholzbäume für den Export nach England fällen. Trotz der harten Arbeit bleibt Dampier offenbar genug Zeit, in der Umgebung der Laguna de Términos umherzustreifen; denn hier beginnt er mit seinen Aufzeichnungen, etwa der detaillierten Beschreibung eines Hurrikans, der im Juni 1676 die Küste heimsucht. Diese Beobachtungen wird er indes erst zwei Jahrzehnte später veröffentlichen. 1678 kehrt Dampier kurz nach England zurück und heiratet, doch zieht es ihn erneut hinaus in die Welt. Bereits 1679 wieder in der Karibik, schließt er sich einer Gruppe von Freibeutern an, die auf schnelles Geld hoffen und, mit wenigstens zeitweiser Duldung der britischen Admiralität, Jagd auf spanische Schatz-, aber auch auf französische und holländische Handelsschiffe machen.

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