Armenien : Träume von Eriwan

Armeniens Jugend flieht aus dem Land – denn die Lage ist desaströs. Verzweifelte Patrioten rufen die weltweite Diaspora zur Rückkehr auf, um die Heimat zu retten. Eine Geschichte aus unserem Archiv.

von
Blick auf Eriwan.
Blick auf Eriwan.Laif

Sein Großvater ist für diesen Ort gestorben, und jetzt sitzt er da, dieser reiche Junge, Rolex am Arm, spitze Wildlederschuhe, und spuckt auf den Boden. Er will weg, für immer. Dein Großvater hat für dieses Land gekämpft! Der Junge aus reichem Haus kann es nicht mehr hören. „Eine Nation, die ihre Identität auf einen Genozid gründet, der 100 Jahre her ist.“ Gerade hat er die letzten Papiere von den Ämtern geholt, Reisepass, Geburtsurkunde, hat seinen Telefonvertrag aufgelöst.

„Ich hasse diese Stadt“, sagt er. Eriwan, die Hauptstadt Armeniens, war mal die Stadt aus den Witzen von Radio Eriwan. Damals durften sich die Armenier, im Südkaukasus weit weg von Moskau, erlauben, über die Pannen des Sozialismus zu lachen. Heute ist es eine Stadt zum Davonlaufen. Der reiche Junge möchte nicht, dass jemand seinen Namen schreibt, denn hier kennt jeder jeden. Und was er tut, gehört sich nicht.

Wie alle Armenier ist der reiche Junge mit dem Bild vom heiligen Land aufgewachsen, dem Märchenland der Vorväter: Uralte Kirchen und Klöster mit Rundbögen über den Fenstern, Armenien gilt als das älteste christliche Land der Welt. Über Eriwan schwebt wie ein Schutzengel der Berg Ararat, ewig schneebedeckt. Unerreichbar, weil er hinter der türkischen Grenze liegt. Noah soll dort nach 40 Tagen mit seiner Arche gelandet sein. Wo immer auf der Welt sich Armenier niederlassen – sie hängen sich ein Bild des Ararat ins Wohnzimmer.

Ausgerechnet dieses Eriwan blutet nun aus. Fast 80 Prozent der jungen Armenier, die meisten davon leben in der Hauptstadt, wollen ihr Land verlassen. Sie wollen in die USA oder nach Europa. Manche Mütter verheiraten ihre Töchter an Landsleute ins Ausland. Sie fliehen vor der Arbeitslosigkeit, vor den Traditionen – kein Sex vor der Ehe – , der reiche Junge, 29, gut ausgebildet in Moskau und London, flieht vor Bürokratie und staatlicher Willkür.

„Es gibt hier nicht mal einen McDonald’s. So schlecht sind die Investitionsbedingungen. Wer mit der Regierung nicht befreundet oder, besser, verwandt ist, kann keine Geschäfte machen.“ Der reiche Junge meint die Oligarchen, einer kontrolliert den gesamten Zuckermarkt, ist mit Premier und Präsident verbandelt. Gleich morgen wird der reiche Junge all sein Geld nehmen, in Frankreich investieren und nie mehr wiederkehren.

Er verlässt ein sinkendes Schiff. 2011 nannte das „Forbes Magazine“ Armenien die zweitaussichtsloseste Volkswirtschaft der Welt nach Madagaskar: Mit dem Nachbarn Aserbaidschan lebt es wegen der umkämpften Region Berg-Karabach im brüchigen Waffenstillstand, die Grenze zur Türkei ist wegen des Streits um die Anerkennung des Genozids von 1915 geschlossen. Armenien ist ein Binnenstaat, abhängig vom Iran und Georgien für den Zugang zum Meer, und vor allem von Russland. Das hat seine Soldaten im Märchenland stationiert und besitzt nach einem Schuldenerlass gigantische Teile des armenischen Energiesektors, der Eisenbahn, der Telekommunikation und des Bergbaus. Nachts ist es in vielen Ecken Eriwans dunkel, Bürgersteige sind ein Luxus der Innenstadt, Fassaden bröckeln, Treppenhäuser stürzen ein. Mehr als 35 Prozent der Armenier gelten laut Studien der Weltbank als arm.

Video
Türkei reagiert heftig auf Völkermord-Resolution des Bundestags
Türkei reagiert heftig auf Völkermord-Resolution des Bundestags

Es gibt keine eindeutigen Statistiken darüber, wie viele tatsächlich auswandern. Studien gehen von mehr als 1,5 Prozent jährlich aus. Seit 1991 hat Armenien fast eine Million Einwohner verloren. Bei einer Bevölkerung von nur gut drei Millionen ist das verheerend.

Diese Zahlen erinnern die Armenier an ihr altes Trauma, ihre historische Überlebensangst. Was, wenn die Aserbaidschaner Krieg anfangen? Ein Land ohne Männer kann sich nicht verteidigen. Es kann auch nicht wachsen. Wer soll Politik machen, wer engagiert sich in der Zivilgesellschaft? Die armenischen Frauen, traditionell gebildet, bekommen nicht genügend Kinder, um das Schrumpfen der Nation zu verhindern. Die Regierung schreibt Kredite für Neuverheiratete aus, erhöht das Kindergeld, streitet mit Russland, das seinerseits armenische Gastarbeiter anlockt. Wenn die Flugzeuge in Eriwan landen, schieben sich Männer mit speckigen Lederjacken und müden Falten im Gesicht durch den Zoll. Hochschullehrer und Dirigenten arbeiten auf russischen Baustellen und schicken durchschnittlich 360 Euro im Monat an ihre Familien – oft decken sie damit nur deren Lebenshaltungskosten. Sie kehren alle paar Wochen zurück in die Dörfer, die nur noch aus Frauen bestehen. Heimatüberweisungen machen mehr als 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Stoppen kann die Regierung den Trend nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben