Cordula Stratmann : „Ich sage meinem Sohn: Jetzt ist Schluss!“

... und der ist über so viel Konsequenz erleichtert, sagt Cordula Stratmann. Warum sie Eltern Ritalin verordnet, Karneval hasst und im Keller mit Barbies spielte.

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Frau Stratmann, der berühmte erste Satz von „Anna Karenina“ lautet: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Hatte Leo Tolstoi recht?

Nein. Keine Familie gleicht einer anderen. Klingt ganz danach, als hätte der Herr Tolstoi ein etwas angestrengtes Verhältnis zum Glücksbegriff gehabt. Es gibt ja in Wirklichkeit kaum Menschen, die mit 30 glücklich werden, mit 90 in die Kiste gehen und sagen: Toll, das waren jetzt 60 ungestörte Jahre. Wir werden immer wieder in unserem Glück gestört.

Barbara Becker verlangte in einer Talkshow nach Ihrer Nummer, weil Sie Ihre therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen wollte. Hat sie angerufen?

Ich warte immer noch.

Frau Becker ist Teil einer große Patchworkfamilie, sie hat zwei Söhne von Boris Becker, die …

… egal, wo man hinguckt: Es gibt vielerorts mehr zu therapieren als untherapiert zu lassen. Professionelle Frager bringen andere Themen auf den Tisch als Freunde. Ich finde, sich beim Leben helfen zu lassen gehört dazu – so wie regelmäßig zum Zahnarzt zu gehen.

Das sei in Amerika längst so, meinte Frau Becker.

Diesen amerikanischen Zustand stelle ich mir ein bisschen unecht vor. Ich habe während meiner Arbeit im Jugendamt nämlich erlebt, dass da Leute in die Beratungsstelle kommen und ein Alibi dafür haben wollen, dass man ihnen nicht helfen kann. Wenn da ein Profi vor einem sitzt und sich abrackert und man den schön lange mit seinen „Ja, aber“ beschäftigen kann, hat man die Bestätigung: Ich hab’s so schwer angetroffen! Für manche Leute ist das erleichternd. Die wollen ernsthaft hören, dass sie zu Recht so unzufrieden sind und unangenehme Menschen bleiben dürfen.

Ist das frustrierend?

Natürlich, es fordert einen als Therapeuten immer wieder auf zu erkennen, dass jeder über sein eigenes Leben entscheidet. Ich kann demjenigen ja nur sagen, was mir auffällt und welche Zusammenhänge ich herstelle. Grundsätzlich bleibt der Klient Herr seiner Geschichte.

In Ihrem Buch „Danke für meine Aufmerksamkeit“ schleicht sich die Maus Britta in verschiedene Familien. Im Prinzip ist Britta eine Art Prism mit Fell.

Ach nein. Ich hab’ einfach den Satz im Kopf gehabt: Da möchte ich mal Mäuschen spielen. Außerdem wird die Maus in meiner Geschichte ja eher ein sehr geliebtes Haustier. Sie trifft auf tolle, intakte Kinder, die von der Erwachsenenwelt leider ganz anders diagnostiziert werden.

Britta, die Maus, beobachtet viele haarsträubende Dinge. Zum Beispiel Ben …

… der wird überverantwortlich und nimmt den ganzen Laden selbst in die Hand. Seine Eltern denken, toll, so haben wir ein selbstständiges Kind, das überspringen kann, versorgt zu werden. Finde ich sehr traurig. Der Felix hat es noch am besten, obwohl der mit diesem fürchterlichen Ritalin-Drama geschlagen ist. Es ist doch normal, dass Eltern immer wieder ratlos sind, aber dass sie dann nicht an solide Experten geraten, die auf Ressourcen von Familie hinweisen und sie begleiten, macht mich wahnsinnig.

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