Digitale Kindheit : Ersetzt Lernsoftware die Nachhilfe?

Was kann Lernsoftware leisten? Und wie erkennt man gute Programme? Ein Gespräch mit Morten Hendricks vom Berliner Institut für Bildung in der Informationsgesellschaft.

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Lernsoftware gibt es bereits für den Kindergarten. Im Bild das kostenlose Microsoft-Programm "Schlaumäuse".
Lernsoftware gibt es bereits für den Kindergarten. Im Bild das kostenlose Microsoft-Programm "Schlaumäuse".Foto: pa/dpa

Vor dem kleinen Vampir Freddy muss kein Kind Angst haben. Ganz im Gegenteil: Freddy ist eine Computerfigur und hilft Vor- und Grundschülern dabei, das Einmaleins und die Rechtschreibung zu lernen. Freddy gehört zu einer Lernsoftware-Reihe für Deutsch, Englisch und Mathematik. Zudem hilft die niedliche Figur mit den Fledermausohren und den spitzen Zähnchen beim Konzentrations- und Kopfrechentraining.

Doch lässt sich mit einem Mathe-Lernprogramm oder einer Webseite tatsächlich die Nachhilfe sparen? Können spielerisch bessere Noten erreicht werden? Morten Hendricks, Geschäftsführer des Berliner Instituts für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI), sagt, ja – den richtigen Lerntyp und die nötige Motivation vorausgesetzt.

„Früher gab es vor allem einige wenige große Anbieter, heute kommen ständig neue hinzu, die zum Teil nur eine einzige App im Portfolio haben“, sagt Hendricks. Das muss kein Nachteil sein: Einige von ihnen wie die Sprachlern-App Babbel haben inzwischen eine beachtliche Größe erreicht.

Die vier Bereich von Bildungsmedien

Grundsätzlich können Bildungsmedien für Kinder und Jugendliche in vier Bereiche unterteilt werden. Da sind zum einen die Bildungsmedien, die direkt im Unterricht zum Einsatz kommen. Zudem gibt es schulnahe Angebote vor allem der Schulbuch-Hersteller (als CD-Rom oder als Web-Angebote), die den schulischen Lernstoff direkt ergänzen. Solche Produkte sollten möglichst nur in Absprache mit den Lehrern angeschafft werden.

„In der Praxis ist der Einsatz von digitalen Medien durch die Lehrerschaft stark eingeschränkt“, sagt Hendricks. Das hängt oft mit den hohen Kosten für die Lernpakete zusammen.

Der dritte Bereich der Bildungsmedien umfasst die Nachhilfe. Der größtmögliche Lernerfolg wird in diesem Sektor erreicht, wenn Angebote wie „Bettermarks“ möglichst genau an den jeweiligen Unterricht angepasst werden können. Die Mathe-Nachhilfe gibt es zum Beispiel in über 100 interaktiven Mathebüchern für die Klassen vier bis zehn.

Nicht alles muss Geld kosten

Der vierte Bereich ist zugleich der größte. Zum sogenannten Nachmittagsmarkt gehören die Bildungsmedien jenseits des Schulstoffs. Dieser Bereich geht so weit wie die verschiedenen Interessensgebiete. Nicht alles muss Geld kosten: So können Eltern und Kinder zusammen ihre Medienkompetenz im Umgang mit dem World Wide Web auf der Seite www.internet-abc.de verbessern, inklusive Linktipps für die Schule.

Von zentraler Bedeutung ist vor allem eine Frage: Wer hilft den Eltern, die richtigen Angebote für ihre Kinder zu finden? Der Buchhandel ist dazu aus Sicht von IBI-Geschäftsführer Hendricks nur partiell in der Lage. Ein großes Problem ist, dass geöffnete Softwarepakete zumeist nicht zurückgegeben werden können. Besser sind somit Probe-Abos von Internet-Angeboten. Persönliche Erfahrungen von Lehrern, Eltern, Freunden sind erfolgversprechender als Verpackungsangaben oder Webseitenbeschreibungen.

Die bedeutendste Frage lautet: Ist das Kind für diese Form des Lernens offen? Nicht jeder kommt mit den digitalen und interaktiven Medien klar. Andere erkennen, dass die Bildungsmedien nur Lernen in anderer Verpackung sind. Wichtige Fragen an die Angebote sind: Nimmt das Programm die Nutzer unaufdringlich an die Hand? Ist die Ansprache zielgruppen- und altersgerecht? Welches Feedback gibt das Programm dem Lernenden? Wie werden die Eltern eingebunden, mit Hinweisen, Tipps, Auswertungen? Das ist besonders bei jüngeren Kindern wichtig.

Eine Orientierung auf der Suche nach geeigneten Angeboten bieten insbesondere die verschiedenen Auszeichnungen zu Lernsoftware, Bildungsmedien und Kindersoftware allgemein. Der Preis „digita“ ist speziell auf Bildungsmedien ausgerichtet; dahinter steht Morten Hendricks’ IBI. Die Gesellschaft für Pädagogik und Informationen fördert mit den Comenius-EduMedia-Auszeichnungen pädagogisch, inhaltlich und gestalterisch herausragende Bildungsmedien. Der Kindersoftwarepreis „Tommi“ des Verlags Family Media zeichnet unter anderem mit einer Kinderjury und einer Kooperation mit den öffentlichen Bibliotheken anspruchsvolle Software, Spiele, Apps sowie elektronisches Spielzeug aus. Die Zeitschrift „Eltern family“ des Verlags Gruner+Jahr richtet den Preis Giga-Maus aus. Prämiert werden die besten Apps, multimediale Bücher, Online-Angebote und Konsolenspiele. „Wenn auf einem Produkt mehrere Preise stehen, ist das ein Indikator, dass das Produkt nicht ganz schlecht sein kann“, sagt Hendricks.

Der Autor, Medien-Redakteur des Tagesspiegel, ist Juror des Kindersoftwarepreises „Tommi“.

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