In Stalins Straflager : Aufstand im Gulag

Workuta war der Inbegriff des Straflagers unter Stalin. Nach dessen Tod 1953 wehren sich die Häftlinge – unter ihnen Erwin Jöris. 60 Jahre später sucht unser Autor Spuren am Polarkreis.

Andreas Petersen
Foto: ullstein bild
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Im Dezember 1953 kam diese „verflixte“ Karte. „Sein Name stand nicht drauf, aber es war seine Schrift“, erzählt Gerda Jöris. Drei Jahre vorher, kurz vor Weihnachten hatten sie ihren Mann abgeholt, mittags, aus der kleinen Lichtenberger Wohnung. Von diesem Augenblick an gehörte auch Gerda Jöris zu den hunderttausenden Deutschen, die in den trüben Nachkriegsjahren im Dickicht aus Propaganda und Verleugnung auf ein Lebenszeichen ihrer Männer, Väter, Brüder und Söhne aus den sowjetischen Gefängnissen und Kriegsgefangenenlagern hofften.

Aber Erwin Jöris war kein Kriegsgefangener, sondern ein Mitglied der Nachkriegs-KPD. Er hatte Illegalität, Konzentrationslager und 1937 die „Großen Säuberungen“ in Moskau überlebt – vom sowjetischen Geheimdienst aus der berüchtigten Lubjanka an die Gestapo ausgeliefert.

Im zerbombten Nachkriegsberlin machte er keinen Hehl daraus, dass er nun etwas anderes wollte als Moskauer Verhältnisse. Das wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde verhaftet, kam ins „U-Boot“ der sowjetischen Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen und erhielt sein Urteil, gefällt in der Ferne, verkündet in der Gefängniskirche in der Magdalenenstraße: 25 Jahre Lager.

Von all dem wusste Gerda Jöris nichts, als die Rot-Kreuz-Karte sie 1953 erreichte. Statt eines Absendeorts nur eine Nummer: 5110/36. Bei der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, die damals vom Westen aus den Widerstand im Osten organisierte, erfuhr sie, wofür diese stand: Workuta. „Ich habe immer geglaubt, dass er lebt – aber irgendwo in Berlin. Nicht in Sibirien!“

Workuta ist nicht Sibirien, sondern der nordöstlichste Punkt Europas. Bergwerkslager im ewigen Eis, neun Monate Winter, dauergefrorener Boden, 60 Grad Minus in den eisigen Februarstürmen. „Mittelpunkt der Hölle“ nannte es Literatur-Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn. In den 24 Jahren zwischen 1929 und 1953 litt hier eine Million Gefangener, jeder vierte starb. In der Eiswüste zwang man die Häftlinge, eine riesige Lagerwelt zu bauen, in der Mitte eine stalinistische Retortenstadt, benannt nach dem Fluss Workuta. Was ist da heute?

Ende Juni fliege ich mit 15 anderen von Berlin nach Moskau – drei ehemalige Häftlinge, ihre Familienangehörigen, einige Interessierte, lange organisiert von Edda Ahrberg von der Vereinigung der Opfer des Stalinismus und Anne Drescher, Stasibeauftragte in Mecklenburg-Vorpommern. Der Anlass: 60. Jahrestag der Niederschlagung des Lageraufstands vom 1. August 1953.

Von Moskau sind es noch 2268 Eisenbahnkilometer bis nördlich des Polarkreises. Noch immer fährt der Zug am Jaroslawer Bahnhof ab. Nur, dass wir heute das Ziel der Reise kennen. Auf der Anzeigetafel: „Workuta, 21.50“. Ein schier unendlicher, offener Bahnsteig, 18 Schlafwagen, der Zug fährt täglich mit rund 700 Passagieren, die Hälfte will bis zur Endstation. Auch damals waren es Personenzüge, die letzten Wagen für die Gefangenen, in jedem Abteil dicht gedrängt die Häftlinge.

Die Bahntrasse wurde durch endlose Birkenwälder geschlagen. Dazwischen Lichtungen mit hohem Steppengras, manchmal ein paar niedrige Holzhäuser, Sägereien und vor sich hin rostende Güterzüge auf den Ausweichgleisen. Es gibt keinen Handyempfang mehr, nur die unendliche Reihung von hölzernen Strommasten in den dreckigen Zugfenstern erinnert noch an die Zivilisation.

Wie einst bei Jöris geht es über den Bahnhof von Konoscha, Abzweig von der Hauptstrecke nach Archangelsk. 1941 fuhr der erste Zug auf dieser Strecke. In drei Jahren Bauzeit waren tausend Kilometer Schienen verlegt worden, mit zwei Toten unter jeder Schwelle. Vorher hatte man mit Lastkähnen die Häftlinge und die Kohle ins 2000 Kilometer entfernte Eismeer verschifft. Die ersten Verschickten hausten in Erdkuhlen. Wer nachts unten oder oben liegen musste, erfror. 1933 wurde Schacht 1 in Betrieb genommen. Mit Stollenpferden und ohne Elektrizität. Nie wurde eine Straße gebaut. Über die Eisenbahnlinie speiste sich fortan der „Mittelpunkt der Hölle“ und generierte Lager um Lager. Alte Doppeldecker suchten aus der Luft nach Flüchtlingen. Eine Tundra-Republik von der Größe Vorkriegsdeutschlands mutierte zum Großgefängnis.

Kotlas, Uchta, Petschora, Inta. An den Stationen verkaufen Frauen in Kopftüchern kleine Eimer mit Blaubeeren, lila Zwiebeln, Petersilienbündel, getrocknete Fische. Bald gibt es keine Bäume mehr, nur noch bemooste, sumpfige Weiten. Eine Landschaft im Ausnahmezustand, die langen Zaunreihen gegen Schneeverwehungen scheinbar nutzlos in der Landschaft. Der Zug nun im Straßenbahntempo, mal ein Fluss, mal eine unbefestigte Piste. Aber in der Mondlandschaft erstaunen Gasleitungen und großes Baugerät. Die Männer im Abteil erzählen davon, dass hier Gazprom nach Öl und Gas sucht. Die Leitungen würden nach Europa gehen, auch nach Deutschland. Hier gibt es Arbeit, und die Männer kommen von überall aus Russland.

Bei Jöris und den 7000 deutschen Zivilisten, die nach sowjetischen Militärtribunalen in Nachkriegsdeutschland in den Gulag verschleppt wurden, ging es nicht um die Arbeitskraft. Für das tausendfache Sklavenkontingent, das der Lagermoloch jedes Jahr verschluckte, waren sie irrelevant, die Lagerverwaltung wehrte sich sogar gegen den Transportaufwand. Statt sie wie die 28 000 anderen Verurteilten zu erschießen oder in Speziallager und deutsche Zuchthäuser einzusperren, verbannte man sie in die „Schweigelager“. Für ein Vierteljahrhundert. Für immer.

Der Zug hält vor einem gelben Bahnhofsgebäude. Ende der Eisenbahnstrecke. Ende aller Straßen. Damals war Workuta eine Ansammlung zweistöckiger Funktionsbauten, teils mit Säulen und Spitzgiebeln, die 70 000 Häftlinge vegetierten weit entfernt in der Tundra in den Baracken um die Fördertürme. Heute hat die Stadt zwei große Straßenachsen, flankiert von vierstöckigen Plattenbauriegeln. Dazwischen ältere Repräsentativbauten. Die Rohstoffkonzerne hocken in glitzernden Hochhäusern, in den Eingangshallen stehen Alkoholmessgerät. Seit dem Untergang der Sowjetunion ist die Bevölkerung von 120 000 auf 70 000 Einwohner geschrumpft. Aus der Lagerverwaltung von einst ist ein Zwischenposten für die weitere Eroberung des Nordens geworden. Wo früher Häftlingskolonnen, Soldaten, Hunde und ab und an ein Schlitten unterwegs waren, sieht man nun auf staubgrauen Straßen Kinder mit Schulranzen und russische Ehepaare beim Einkaufen. Das Gulagmuseum ist in zwei Räumen einer Schule untergebracht und von Schülern zusammengetragen worden.

Man schätzt, dass rund 50 000 Deutsche durch die Lager an der Workuta gegangen sind. Nach dem Krieg wurden deutsche Gefangene vor allem hierher verfrachtet. Daher geht es in deutschen Gulagerzählungen oft um den Ort, und man könnte den Gulag für Workuta, und Workuta für ein großes deutsches Häftlingslager halten. Tatsächlich war es ein Lagerkomplex wie viele andere und die Deutschen eine Minderheit in der großen Häftlingsinternationale. In der Baracke von Erwin Jöris lag nur noch ein weiterer Deutscher. Das Verwaltungszentrum am Fluss Workuta wurde zum Synonym für den Gulag als Ganzes – wie die Lager an der Kolyma in Sibirien. Der Gulag, das waren tausende Haftstätten mit insgesamt 18 Millionen Menschen. Zählt man die vier Millionen Kriegsgefangenen und sechs Millionen der deportierten Völker, wie zum Beispiel die Tschetschenen, hinzu, wurden fast 30 Millionen Zwangsarbeiter in Arbeitslager, Straflager und Verbannungsorte verschleppt. Oft ohne Wiederkehr.

Die Karten, die Jöris und die anderen Häftlinge Ende Dezember 1953 zum ersten Mal nach Deutschland schreiben durften, standen am Ende dieses grausigen Lagersystems. Der Tod Stalins änderte alles. Drei Wochen, nachdem er im März 1953 verstorben war, wurde die Hälfte aller Gulaginsassen freigelassen, jedoch zumeist Kriminelle, noch keine Politischen.

Als Erwin Jöris in den Schacht einfuhr, erzählte ihm ein Pole unter der Dusche vom „faschistischen Putsch“ und „ausländischen Agenten in Berlin“. So stünde es in der Zeitung „Prawda“ am Anschlagbrett. Es ging um den 17. Juni 1953. Die Nachricht elektrisierte alle. „Russische Häftlinge, die immer stumpfsinnig an einem vorbeigingen, hielten mich plötzlich auf der Lagerstraße an. ‚Wir haben das Verbrecherregime schon 40 Jahre und lassen uns alles gefallen. Und die Deutschen? Die machen nach acht Jahren einen Aufstand!’ Nie waren die Deutschen so angesehen wie in dem Moment.“ In die Freude platzte eine weitere Botschaft. Lawrentij P. Berija, der Gulag-Chef, sollte ein Spion des Westens sein. Die Wachen schienen wie paralysiert, Anweisungen blieben aus, überall höhnten die Häftlinge: „Berija-Knechte!“ Im Kalk der Barackenwände tauchten Parolen auf: „Wir vögeln die ganze Sowjetmacht“ – „Nieder mit Stalin“ – „Wenn die Verbrecher gestürzt werden, müssen auch die Urteile der Verbrecher überprüft werden“.

Im Sonderlager, einer verschärften Form von Haft, gab es kaum noch Kriminelle oder inhaftierte Zivilisten, sondern vor allem Offiziere der Polnischen Heimatarmee, ukrainische und baltische Partisanen, deutsche und japanische Kriegsgefangene, Rotarmisten, die aufseiten Deutschlands gekämpft hatten. Eine explosive Mischung, die sich in 16 Großrevolten überall im Gulag entlud. Es gab Proteste, Arbeitsverweigerungen und Hungerstreiks. Viele Häftlinge versuchten auszubrechen. Das stürzte das Lagersystem in seine größte Krise.

Im Juli 1953 brach in Workuta der Aufstand aus. Leere Loren trugen die Aufschrift „Keine Kohle ohne Amnestie“. „Keiner der Aufpasser traute sich mehr in die Schächte“, erzählt Erwin Jöris. Unter den Häftlingen wurde nächtelang diskutiert. Schließlich traten sechs der 17 Sonderlager mit insgesamt 15 604 Gefangenen in Ausstand. Der Stadt Leningrad drohte die Kohle auszugehen.

Die schnell gewährten Hafterleichterungen Moskaus ließen die Streikfront wanken, nur nicht das Streikkomitee in Schacht 29. General Iwan Maslennikow, Chef der Lagerverwaltungen im Land, wurde eingeflogen. Am 1. August 1953 befahl er ein Massaker. 64 Häftlinge starben im Maschinengewehrfeuer, 123 wurden schwer verwundet.

Vom Lager 29 ist heute nichts mehr zu sehen. Wir stehen unter hohem Himmel auf freiem Feld. Es ist windig. Etwa 50 Menschen haben sich versammelt, meist russische Frauen, wohl Angehörige. Neben der tristen Landstraße steht ein riesiges russisch-orthodoxes Kreuz. Darunter fünf Popen, einer verurteilt den Stalinismus scharf. Neben dem Vize-Bürgermeister steht ein Unternehmer in grauem Pullover, der hier einen Besichtigungstourimus aufbauen will. Jemand unserer Delegation verliest stellvertretend die Rede eines ehemaligen deutschen Häftlings, der beim Aufstand schwer verwundet wurde. Gedenkminuten in der Tundra vor ein paar Kreuzen, die bald wieder in der Eiswüste verschwinden werden.

Die Niederschlagung des Aufstands war für die Häftlinge ein Schock. Aber bald gab es Haftverbesserungen. „Du konntest auf einmal Reis, Erbsen, Brot kaufen. Da war der große Hunger vorbei“, erzählte Erwin Jöris. Nachts wurden die Baracken nicht mehr verriegelt, das Verhältnis zu den Wachen veränderte sich. Ab Dezember durften die Häftlinge schreiben. Was sie allerdings nicht wussten: Schon vor dem Aufstand hatte eine Inspektion ergeben, dass die Unterhaltskosten des Gulags den Ertrag weit überstiegen. 1952 subventionierte der Staat die Lager mit 2,3 Milliarden Rubel, 16 Prozent der Haushaltsausgaben. Die millionenfache Sklavenarbeit war ein Verlustgeschäft. Mit dem Streiksommer wurde der Ton der Debatten im Politbüro schärfer. Die neue Linie lautete nun: Überprüfung der Häftlingsakten und Hafterleichterungen im ganzen Gulag. Stalins Maxime: mehr Repression, mehr Terror, mehr Gewalt war nicht mehr opportun. Das leitete das Ende des größten Lagersystems der Welt ein. Jöris musste noch ein Jahr in einem Waldlager in der Nähe von Gorki ausharren, während Adenauer in Moskau über die Heimholung der letzten deutschen Kriegsgefangenen verhandelte. Wofür der Bundeskanzler zu Hause so gefeiert wurde, die Rückkehr der letzten 10 000 Deutschen aus dem Gulag, für Moskau war es bereits beschlossene Sache.

Heute sind die Siedlungen außerhalb der Stadt verfallen. Von den 40 Kohleschächten, die damals an der rund 20 Kilometer langen Rundstraße in den Boden getrieben worden waren, sind viele Industrieruinen. Nur fünf sind noch in Betrieb. Sie gehören nun nicht mehr dem Staat, sondern einem Millionär. Die Baracken, Wachtürme und Stacheldrahtzäune sind verschwunden. Ebenso die einst schwarz dampfenden, riesigen Abraumberge. Nur Eingeweihte finden noch die Fundamente der steinernen Waschhäuser oder die Reste der Fördertürme in der Tundra.

Auch das Lager 9/10 von Erwin Jöris gibt es nicht mehr. Tagelang hat er mir davon erzählt. Ich schaue über die weite Ebene, wo es stand. Nur Gestrüpp. Er wurde am 13. Dezember 1955 – fast auf den Tag sechs Jahre nach seiner Verhaftung – zurück nach Berlin gebracht und in Erkner entlassen. Zwei Jahre vorher hatte ihn die „verflixte“ Karte angekündigt. Von Lichtenberg aus floh er zwei Tage später mit Gerda Jöris nach West-Berlin. Die Lager an der Workuta wurden – wie der gesamte Gulag – im Januar 1960 offiziell geschlossen.

Erwin Jöris starb am 17. November 2013 mit 101 Jahren in Köln. 2012 veröffentlichte unser Autor die Biografie „Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren. Ein Jahrhundertdiktat. Erwin Jöris“

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